Zwischen #ESC und #Werder ist es mir fast verloren gegangen, aber ich wollte ja noch über "Kinder von Hoy" schreiben.

Also, das Buch umfasst eine Zeitspanne vom Ende der 1960er Jahre bis Anfang der 2000er Jahre. Als lesende begleiten wir eine Gruppe Menschen von ihrer Kindheit über Ausbildung und Studium bis ins Erwachsenenleben hinein.

Die Pogrome von 1991 werden natürlich behandelt, stehen aber nicht im Zentrum. Sie sind eher eine Episode im ganzen Buch. Das Buch versucht nicht, etwas zu entschuldigen oder zu beschönigen. Vielmehr beschreibt es die Geschehnisse recht nüchtern aus Sicht der Protagonist*innen. (Leider reproduziert das Buch das N-Wort.)

Fokus des Buches ist das Leben in der Retortenstadt insgesamt. Vom Wachstum mit all seinen Schwächen bis zum "Rückbau" nach der Wende.

Als selbst im Plattenbau Aufgewachsene fühle ich mich erstmals "gesehen" und repräsentiert. Das Buch tut mehr für das Verständnis über Ostdeutsche als die Filme von Leander Haußmann.

Ich hatte durch das Buch mehrere Throwbacks.

Zum Beispiel in die Kellergänge unseres Blocks oder auf den "Innenhof". Unsere freie Kindheit erklärt auch, warum wir letztens im Gespräch mit anderen Eltern einen Lachanfall unterdrücken mussten, als die Frage aufkam, ob die Kinder jetzt Hausarrest bekommen, weil sie allein auf dem Spielplatz waren und total verdreckt wiederkamen.

Beim aktuellen Gang vorbei an leeren Regalen im Supermarkt fallen mir direkt die Strategien der Vergangenheit ein: teilen und tauschen mit den Nachbarn. Benachrichtigung an alle, welcher Laden gerade welches Mangelgut führt. Immer Notfall-Geld parat haben, wenn es endlich irgendwo das Gewünschte gibt.

Gut beschrieben ist aber auch die Belastung der Mütter durch Vollzeitjob und Hauptverantwortliche für Care-Arbeiten.

Gut finde ich auch die Darstellung darüber, dass eben nicht jede*r werden konnte, was er oder sie werden wollte. Auch in der DDR gab es Klassismus. Und Ausbildungsstellen gab es eben in den Bereichen, die gerade gebraucht wurden.

Und dann natürlich die Darstellung der "Baseballschlägerjahre". Was heißt es denn, wenn plötzlich Grenzen gezogen werden? Durch Siedlungen, durch Freundschaften hindurch, entlang der Farbe der Schnürsenkel.

Die Protagonist*innen sind sowas wie die erste Antifa vor Ort. Nicht unbedingt bewusst gewählt, sondern aufgrund des Anderssein definiert.

Hier beschreibt das Buch ganz gut, wie schwierig die Arbeit weniger vor Ort ist. Auch gegen Polizei und Justiz. Das gilt ja mitunter auch heute noch. Am Ende bleibt nur der Exodus.

Diesen Exodus habe ich auch erlebt bzw dann ja auch mitgemacht.

Was blieb mir denn auch in meiner Stadt, die nach der Wende 70 Prozent ihrer Einwohner*innen und natürlich den Hauptarbeitgeber verloren hatte?

Zufällig weiß ich, dass der Block, in dem ich aufgewachsen bin, noch steht. Meine Kita und Schule sind aber längst abgerissen. Was noch als Lost Place übrig ist, wird auch nicht mehr lange stehen. Fast überall ist ja auch Asbest verbaut. Das muss weg.

So gibt es ja auch gar keinen Ort mehr, zu dem ich irgendwann zurückkehren könnte. Die Menschen sind sowieso schon alle weg. Geblieben sind die Alten. Und die, ohne den nötigen Mut oder die passende Perspektive.

Ich trauere dem nicht hinterher. Aber ich freue mich, wenn jemand sich die Mühe macht, verstehen zu wollen, wie dieses Leben war und welche Veränderung die Wende gebracht hat.

Die DDR war ein Unrechtsstaat. Daran gibt es nichts zu rütteln.

Aber sie war eben meine erste Heimat und die kann ich ja nicht einfach aus meinem Gedächtnis radieren.

Ich habe natürlich großes Glück als Kind der 80er eben nicht allzuviel vom System mitbekommen zu haben. Ich erinnere mich an Ausflüge zur Patenbrigade (die Wasserschutzpolizei!) und ans Spalier stehen zum 7. Oktober. Am schlimmsten war eigentlich noch das Mitlaufen müssen in der Parade als Leistungssportlerin - im Badeanzug mit Trainingshose drüber.

Ich möchte solche Erinnerungen teilen können, ohne bemitleidet oder schlimmeres zu werden.

Oh, und ich wünschte, im Westen (sorry, ich kann es gerade nicht anders ausdrücken), gäbe es ein Bewusstsein darüber, dass eben nicht alle Deutschen die gleichen Erinnerungen an Kindheitsheld*innen teilen.

Im 1. Semester Linguistik fragte ein Professor nach einem Beispielsatz und bekam als Antwort "Fu ruft Uta". Die meisten im Kurs hatten direkt ein Bild zu dem Satz im Kopf. Ich nicht, sorry, die Figuren in unserer Fibel in der Schule hießen anders. So geht es mir oft mit Fragen zu Kinderserien.

Letztens habe ich ein Self Assessment zur Einschätzung für ein Jura-Studium gemacht. Unter Allgemeinbildung wurden nur Namen der westdeutschen Geschichte abgefragt. Ich konnte die zwar beantworten, aber als Distinktionsmerkmal ist mir das direkt aufgefallen.

Und fragt mal, wer der erste Deutsche im Weltall war.

So, das geht jetzt schon weit über das Buch hinaus.

Also, ich kann "Kinder von Hoy" allen nur wärmstens empfehlen. Vielleicht kann es auch Eingang in den Schulunterricht finden. Dann würde das Wissen um diesen Teil der deutschen Geschichte wenigstens etwas bewahrt und weitergetragen.

Hier noch ein aktueller Kommentar zu vergleichbaren Vorfällen in Magdeburg.
https://www.mdr.de/nachrichten/sachsen-anhalt/magdeburg/magdeburg/todestag-torsten-lamprecht-rueckblick-100.html
Baseballschlägerjahre: Kommentar zum 30. Todestag von Torsten Lamprecht in Magdeburg

Der Todestag des Magdeburger Punks Torsten Lamprecht jährte sich in dieser Woche zum 30. Mal. Reporter Uli Wittstock blickt auf jene Zeit zurück, die inzwischen auch als "Baseballschlägerjahre" beschrieben werden.

Mitteldeutscher Rundfunk
@wortfechterin Sigmund Jähn aus Morgenröthe-Rautenkranz. Kanste glauben! https://de.wikipedia.org/wiki/Sigmund_J%C3%A4hn
Sigmund Jähn – Wikipedia

@stefanmuelller Muss ich nicht glauben, weiß ich :-)
@wortfechterin Kennst Du Lütten Klein von Steffen Mau? #Soziologie-Professor von der HU. Großartiges Buch.

@stefanmuelller Noch nicht gelesen, aber davon gehört.

Ich werfe noch "Wir waren wie Brüder" auf den Lesestapel.
https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/wir-waren-wie-brueder/978-3-446-27107-4/

Wir waren wie Brüder - Bücher - Hanser Literaturverlage

"Ein ebenso wichtiges wie wuchtiges Buch über den Naziterror nach der Wende, über eilig zurückgelassene Kirschgärten in Brandenburg und Söhne, deren ...