Das Stadion-Ranking der 11Freunde
Die Rankingsucht der Medien ist an sich schon eine krankhafte Wichtigtuerei. Von Leuten, bzw. Organen, die es besonders nötig haben: Aufmerksamkeitserregerei und Clickbaiting. Gut, in diesem Fall ist es ihnen mit mir gelungen. Aber nur, weil sie es nicht digital eingemauert haben. Und weil mann nicht stÀndig klicken muss, sondern scrollen kann.
Ich fĂŒrchte, dieses Stadion-Ranking findet sogar die Zustimmung unseres Freundes und Gastautoren AndrĂ© Dahhlmeyer. Denn Lateinamerika ist fachlich durchaus angemessen reprĂ€sentiert mit einem mutmasslich verdienten 1. Platz. Und die 11Freunde haben es nötig. Vor Jahren schenkten sie ihre SelbststĂ€ndigkeit an den dubiosen Spiegel her. Und mĂŒssen mit der österreichischen Konkurrenz Ballesterer um den ersten Rang als kompetentestes deutschsprachiges Fussballmagazin konkurrieren.
Unverkennbar die Vorliebe der 11Freunde fĂŒr monsterartige Riesenarenen. Das spricht fĂŒr eine mĂ€nnerlastige Jury. Denn (Irmtraud Morgner, 1974, zitiert nach diesem Film, den Sie sich ansehen sollten, verfĂŒgbar bis 30.11.): âDer schlimmste Fehler von Frauen ist ihr Mangel an Grössenwahn.â
Wichtige StĂ€tten der Fussballgeschichte sind leider lĂ€ngst durch sozial- und christ-demokratisch inspirierte Abrisswut fĂŒr immer vernichtet. Ich nenne als Beispiele
Matthias-Stinnes-Stadion, Essen-Karnap, hier fand das erste illegale Fussball-LĂ€nderspiel der Frauen statt.
GlĂŒckauf-Kampfbahn, Gelsenkirchen. Hier sass ich als 9-jĂ€hriger am 20.8.1966 auf einer Holzbank hinter dem vom unvergesslichen Volker Danner gehĂŒteten Tor von Borussia Mönchengladbach. Endergebnis 0:0. Beim 11:0-RĂŒckspiel im
Stadion auf dem Bökelberg war ich leider nicht dabei, im Schalker Tor der bedauernswerte Josef Elting (Tore: 4 x Rupp, 3 x Laumen, 2 x Heynckes, 2 x Netzer). DafĂŒr war ich aber beim 5:4 n.V. im DFB-Pokalhalbfinale gegen Werder am 1.Mai 1984 im Stadion. Von dem nun nur noch wenig zu sehen ist. Blamabel wie der diesjĂ€hrige Saisonstart.
Bleibt mir also nur noch das schönste Stadion Bonns, das Franz-Elbern-Stadion in Beuel. Hier wird gelegentlich Kreisliga-Spitzenfussball gespielt. Die Bratwurst ist ok.
Es war eine Freude ihn spielen zu sehen
2.11.1985: ich im Westfalenstadion, Halbzeitstand 1:1, zweite Halbzeit, ich direkt hinter dem Dortmunder Tor und Frank Mill immer davor. 55. und 72. Minute macht er ihn rein, JĂŒrgen Wegmann (ebenfalls Ex-RWE) schafft nur noch den Anschluss. AuswĂ€rtssieg! Und ich war so dicht dran, wie noch nie zuvor. Mill traf immer gegen den BVB. Auch am 8.9.1984 hatte er zwei reingemacht. Also kaufte ihn der BVB 1986 endlich weg. Wie vor und nach ihm viele Andere (Heiko Herrlich, Marco Reus, Mo Dahoud etc. etc.). Ein anderes Spiel setzte ihn lebenslĂ€nglich in meine Erinnerung.
Am 10.3.1984 dichtes Schneetreiben am Bökelberg. Der Tabellenzweite VFB Stuttgart kam zum Gastspiel beim TabellenfĂŒnften. Damals war die Bundesliga noch spannend. Die ersten 5 waren nur drei Punkte auseinander. Seit ca. 10 Jahren ist um diese Jahreszeit meistens schon alles entschieden. Stuttgart war Favorit, und wurde spĂ€ter auch (punktgleich u.a. mit meiner Borussia, nur durch das TorverhĂ€ltnis) Meister. Aber nicht an diesem verschneiten Nachmittag am Bökelberg.
In der 53. Minute erzielte Libero Hans-GĂŒnter Bruns, Ende der Nullerjahre erfolgreicher Trainer von RW Oberhausen, die FĂŒhrung. Danach drĂ€ngte der VFB. Doch fast jeder Befreiungsschlag aus der Abwehr erreichte den an der Mittellinie lauernden beweglichen Frank Mill. GefĂŒhlt ein halbes Dutzend mal rannte er allein mit dem Ball auf Helmut Roleder zu. Und immer hielt der buchstĂ€blich EinĂ€ugige. Keiner wusste, wie. Ich stand an der Gegengraden, am Bökelberg gab es an drei der vier Stadionseiten StehplĂ€tze. Ein Fanparadies. Und Roleder brachte Mill und mich dem Wahnsinn nahe.
Bis zur 76. Minute. Die Fussballsonne ging in dichtestem Schneetreiben auf. Der Matsch auf dem Heimweg zum Bahnhof, die durchnĂ€sste Kleidung â das war alles egal. Wir 25.000 hatten Franky zu diesem Tor getrieben. Er konnte nicht mehr anders.
Seine Gedanken- und Handlungsschnelligkeit verbunden mit gut ausgebildeter Technik verschaffte ihm entscheidende VorsprĂŒnge gegen gegnerische Abwehrreihen. Als idealer Konterspieler hatte er oft 3-10 Meter. Obwohl nur 1,78 m gross, gelangen ihm nicht wenige Kopfballtore, begĂŒnstigt durch seine Wendigkeit. Lionel Messi, geb. 1987, könnte ihn schon gesehen haben ⊠đ
Am Saisonende 84/85 standen fĂŒr ihn 19 Tore in 32 Spielen. Es war die erfolgreichste Saison von Jupp Heynckes als Borussia-Trainer. Punktgleich (48-20) mit Meister Stuttgart, aber leider rund 20 Tore zurĂŒck â durch die vielen Gegentore.
Wir werden sie immer in Ehren halten. Es war eine gute Fussballzeit. Frank Mill war ein Jahr jĂŒnger als ich. Unsere Herzinfarkte hatten wir nahezu gleichzeitig. Ich hatte GlĂŒck. Er nicht. Ich werde eines Tages vergessen. Er nicht.
Die âGentrifizierungâ des Fussballs gab es wirklich â aber auch Politisierung
Matthias MatthĂ€us, davon gehe ich aus, ist ein Pseudonym. Denn mit dem gescheiterten Fussballlehrer dieses Namens, der heute als Bescheidwisser durch die Pay-TV-Anstalten gereicht wird, verwandt zu sein, wĂ€re â von etwaigen ErbschaftsansprĂŒchen (auch nur vielleicht) abgesehen â eine allzu ungerechte harte Strafe. Dieser Kollege schreibt bei overton: â39 Tote â das Ende eines Arbeitersports â Heute vor 40 Jahren ereignete sich eine Tragödie, die letztlich den europĂ€ischen FuĂball zu einem aalglatten Sport mit Eventcharakter gentrifizierte: Es gab 39 Tote im BrĂŒsseler Heysel-Stadion.â Seine Darstellung ist nicht grundlegend falsch, aber unzureichend. Sie ĂŒbergeht wichtige politische SelbsttĂ€tigkeit. Darum im Folgenden einige Erinnerungen aus der politischen Praxis.
In jenen 80ern, in denen die Herrschenden die geschilderten Stadionkatastrophen â ob nun fahrlĂ€ssig oder mutwillig oder böswillig, es war eine widerliche Mischung von alldem â herbeiprovozierten, gab es in der West-BRD gefĂ€hrlich aufkeimende Neonazi-Gruppen. BerĂŒhmtheit erlangte die Dortmunder âBorussenfrontâ und auch eine im Bonner Umland ihr Unwesen treibende FAP-Zelle. Eine sehr gute Beueler Freundin von mir könnte dazu heute noch abendfĂŒllend referieren.
Ich war in jener Zeit im NRW-Landesvorstand der Jungdemokraten und organisierte mit Hilfe unserer ortsansĂ€ssigen KreisverbĂ€nde im April 1985 vor einem Bundesligaspiel von Borussia Mönchengladbach gegen Arminia Bielefeld ein Treffen der Fanclubs beider Seiten, um ĂŒber das Neonaziproblem in der Fanszene öffentlich zu diskutieren. Damals kamen nur 18.000 Zuschauer*innen zum Bökelberg. Mill und Borowka sorgten fĂŒr ein 2:0; die Ex-Gladbacher Wolfgang Kneib und Horst Wohlers, Letzterer auch Ex-St.Paulianer, konnten den spĂ€teren Abstieg der Arminia nicht verhindern. Heute kommen zu jedem Heimspiel ĂŒber 50.000 in den Borussiapark.
Das Medieninteresse an unserem kleinen Fan-Treffen war 1985 gross. Ich durfte in der Fachzeitschrift Demokratische Erziehung/pĂ€d.extra berichten (Redakteur damals: Werner RĂŒgemer). Zur Nachbereitung stellte der WDR einen Ă-Wagen vor die Wattenscheider NPD-Zentrale und lud mich dort zum Live-Interview ein. So lernte ich Uli Leitholdt (heute bekennender Union-Fan) und Wolfgang Kapust persönlich kennen. Damals hatte der WDR noch fachkundige gute Leute â in MannschaftsstĂ€rke. Suchen Sie die heute mal!
In Vorbereitung des Treffens in Mönchengladbach erfuhr ich erst â Medieninteresse hatte das bis dahin nicht gefunden â dass alle damaligen rund 100 Borussia-Fanclubs in der BRD bereits UnvereinbarkeitsbeschlĂŒsse gegen Neonazis gefasst hatten. FĂŒhrender Initiator dieser guten Sache war der Hilchenbacher (Siegerland) Theo Weiss, seinerzeit Koordinator dieser Vereinigung, der 1988 Chef eines der ersten Fanprojekte in der Bundesliga wurde.
Theo war ein politisierter Kopf, ging spĂ€ter zum Studium nach Berlin. Er war Kollege des Adorno-SchĂŒlers Dieter Bott, heute ein guter Freund des Extradienstes, damals GrĂŒnder eines Ă€hnlichen Fanprojektes in Frankfurt. Von Dieter weiss ich, dass die seinerzeit politisierten GrĂŒnder der mittlerweile flĂ€chendeckend arbeitenden und öffentlich finanzierten Fanprojekte im Profifussball, heute eine hochprofessionalisierte aber allzu âentpolitisierteâ Sozialarbeit leisten. Ich neige einerseits dazu, diese Kritik zu teilen â zum Borussia-Projekt z.B. hier entlang â aber gleichzeitig stelle ich fest, dass die allgegenwĂ€rtigen deutschen Faschisten bis heute in den Fanszenen der ersten und zweiten Liga, insbesondere bei den beiden westdeutschen Borussias, keinen gesellschaftlichen Boden unter ihren dreckigen FĂŒssen mehr gefunden haben. Das ist sogar europaweit betrachtet eine deutsche Besonderheit. Und wĂ€re ohne all diese Fanprojekte anders.
Zu der von Herrn âMatthĂ€usâ oben beschriebenen britischen Szenerie erinnere ich mich an einen Beitrag der einst leistungsstarken aber vom WDR weitgehend plattgemachten Sport-Inside-Redaktion ĂŒber britische Fans, die per Billigflieger zu Liga-Spielen des FC St. Pauli reisten, weil das nicht nur stimmungsvoller, sondern auch viel billiger war, als zu ihrem Heimverein in der Premier League zu pilgern. Eine deutsche Besonderheit ist die von den Fans erkĂ€mpfte Erhaltung von StehplĂ€tzen, die wahre Borussia hier, und die europaweit berĂŒhmte âSĂŒdâ hier.
Heute sind diese Fanszenen ein relevanter Faktor der Realpolitik, von dem sich viele linke Besserwisser-Sekten die eine oder andere Scheibe abschneiden könnten. Die #boycottqatar2022-Bewegung war sensationell erfolgreich, sogar bei den niedergeschmolzenen deutschen TV-Quoten. Der Widerstand gegen die InvestorenplĂ€ne der DFL mit den allgegenwĂ€rtigen gewaltfrei-gewaltigen TennisbĂ€llen in allen Erstligastadien â er war wirksam! Auch und gerade, weil er durch und durch real-reformistisch und nicht die geringste Spur revolutionĂ€r war. Aber entscheidend war: er bewies den Akteur*inn*en ihre Wirksamkeit und machte sie stark. Und nicht schwach.
Das ist doch genau das, was Demokrat*inn*en im Widerstand gegen die faschistische AfD-Gefahr am meisten brauchen.
Also bitte, ihr Bescheidwisser. Lernt mal was dazu.
@pmaurus
Ich weiĂ noch. Wir waren im Garten, ein Loch zu graben - ein echt groĂes Loch âŠ
Die Sonne schien, âSport und Musikâ lief, und dauernd ertönte âTor am #Bökelbergâ.
Sehr schöner Tag war das.
Dass SĂŒlz 07 DM wurde, hat mich nicht interessiert. :->
Der @Nilzenburger hat diese Woche Ricarda #Hofmann zu Gast. Kannte ich bislang nicht. Die ganze Folge ist der Hammer, aber der Einstieg ist das beste. Entspannter Umgang mit #Queerness, Begriffen, Festlegungen. Genau meine Welt.
Listen to this episode from NBE - Die Nilz Bokelberg Erfahrung on Spotify. Zu Beginn dieser Episode erhĂ€lt die brillante Busenfreundin-Podcasterin Ricarda Hofmann den frisch eingefĂŒhrten NBE-Orden, denn zugleich ist sie auch noch Comedy-Autorin und ausgebildete Staatswissenschaftlerin - Wahnsinn! Als versierte Boygroup-Kenner:innen und queere Podcast-Buddies tauchen Ricarda und Nilz direkt in gemeinsame Lieblingsthemen ab und beantworten Dinge, die wir als leidenschaftliche Podcast-Hörer:innen schon immer mal beantwortet haben wollten: Warum sollten Podcaster:innnen nicht in Staffeln produzieren? Was ist eigentlich Queerbating und Straight Panic? Was hat das ganze mit dem Musikantenstadl und dem Ballermann zu tun? Und warum kommt Barbara Schöneberger eigentlich nie vorbei? Diese beiden ehemaligen Klassenclowns sind drauf und dran, euch nach Strich und Faden mit Unterhaltung zu verwöhnen!