Ich habe die Freundin meines Bruders kennengelernt

Gestern hat Sofasophia ein Experiment in die Welt der Blogs gestellt. Ein bisschen ähnelt es einem Experiment, das ich schon länger verfolge, das vor drei Jahren sogar zu einem Buch geworden ist. Ein Zitat nehmen und dann etwas eigenes dazu schreiben. Ich habe ihren Faden gestern Abend nach einem langen Arbeitstag aufgenommen und dachte eigentlich, dass mir bestimmt nichts einfallen würde. Aber dann ging es wie von selbst und hat so viel Freude gemacht, dass ich heute weitermache. Mit einem Satz der wunderbaren Pirya Basil:

Ich habe die Freundin meines Bruders kennengelernt.“ 

Mein Bruder wird erwachsen. Er tut was Erwachsene tun, nämlich eine Beziehung eingehen. Mein Bruder hat jetzt eine Freundin. Eine mittelhübsche, leidlich intelligente Frau hat sich für ihn entschieden. Bezeichnet sich als seine Freundin und ihn als ihren Freund. Und so hat mein Bruder eine neue Rolle bekommen. Er ist nicht mehr nur Sohn und Bruder, sondern Partner. Mein Bruder bricht auf in ein eigenes Leben. Ich weiß nicht, ob mir das behagt. Es gefällt mir, dass ihm wichtig ist, dass ich seine Freundin kennenlerne, dass ich sie mag. Ich weiß, dass er unbedingt möchte, dass ich sie mag. Ich mag sie nicht besonders, aber wahrscheinlich kann sie nicht viel für meine Abneigung. Ich versuche also diese ungerechtfertigte Abneigung zu verbergen und mich gut zu schlagen bei diesem Treffen, das zum Glück nicht sehr lange dauert, eine Stunde, vielleicht eineinhalb Stunden sitzen wir in einem Café am Bahnhof beieinander, dann muss ich angeblich unbedingt den Zug bekommen, der sowieso Verspätung haben wird, und der mich an ein nur angeblich vorhandenes und sehr dringend zu erreichendes Ziel bringen wird. In Wirklichkeit gehe ich einfach weg. Möglichst weit vom Bahnhof entfernt gehe ich von einer Seitengasse in die nächste, bis ich vollends die Orientierung verloren habe. Und hoffe, den beiden nicht zufällig über den Weg zu laufen. Hoffe meine Tarnung fliegt nicht auf. Meine fadenscheinigen Ausreden werden nicht durchschaut.

Später, am Abend sitze ich an meinem Schreibtisch und schreibe diesen Satz: Ich habe die Freundin meines Bruders kennengelernt. Dabei kenne ich nicht einmal ihn. Oder mich. Ich weiß aber jetzt wie sie heißt und wie sie aussieht und das genügt vielleicht um zu behaupten, ich habe die Freundin meines Bruders kennengelernt.

[Ich werde das Experiment fortführen, vielleicht nicht täglich, aber hin und wieder. Ich nenne es Zitatgeschichten].

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