Rechtsextreme Politik für Frauen: Lukreta als AfD-Vorfeldorganisation
Gastautorin Yvonne Schmidt
Die Rolle von Frauen im Rechtsextremismus wird noch immer unterschätzt. Heute werden sie gezielt eingebunden, um rechtsextreme Ideologien zu kaschieren und die Szene für Frauen attraktiver zu machen. Die rechtsextreme Frauengruppe Lukreta hat direkte Verbindungen in die AfD und agiert unter dem Deckmantel des Feminismus als weibliches Anschlussprojekt der Neuen Rechten. So wird die extreme Rechte massentauglich und gewinnt Zustimmung aus vermeintlich demokratischen Kreisen.
Frauen im Rechtsextremismus: Doppelt unsichtbar?
Das Image des glatzköpfigen, breitgebauten Neonazis ist überholt. Prominente Frauen in führenden Positionen – wie Alice Weidel oder Giorgia Meloni – prägen das heutige Bild der Neuen Rechten. Auch junge Frauen vertreten rechtsextremistische Positionen, obwohl ihnen das oft nicht zugetraut wird. Die Forschung zeigt: Die Gesellschaft schätzt weibliche Personen meist als weniger gewalttätig und politisch uninteressiert ein. Deshalb können sie in extremen Gruppen oft unerkannt bleiben und erhalten mildere Strafen. Dies zeigte sich etwa in Beate Zschäpes Mittäterschaft im rechtsterroristischen NSU.
„Wir sprechen da von einer doppelten Unsichtbarkeit“, erklärt Lea Lochau. Sie arbeitet bei der Amadeu-Antonio-Stiftung und koordiniert die Fachstelle Gender und Rechtsextremismus. Einerseits seien Frauen in der rechtsextremen, männerdominierten Szene noch immer unterrepräsentiert. „Gleichzeitig können sie bestimmte Rollen gut einnehmen und ihre Ideologie tarnen, da Frauen gesellschaftlich als weniger gewaltvoll und harmloser wahrgenommen werden – beispielsweise durch die Rolle als Mutter oder Erzieherin.”
Zahlenmäßig machen sie bislang tatsächlich nur einen kleinen Teil der rechtsextremen Szene aus. Laut einem Modell der Forscherin Renate Bitzan sind weniger Frauen an Gewalttaten (5 bis 10 Prozent) beteiligt, als in Organisationen aktiv (10 bis 33 Prozent). Der Verfassungsschutz Baden-Württemberg geht davon aus, dass 21 Prozent der bekannten Rechtsextremisten Frauen sind. In Bayern wurde der Anteil 2021 auf etwa 15 Prozent geschätzt. In der Bundestagsfraktion der AfD liegt der Frauenanteil bei gerade mal 12 Prozent, bei der Bundestagswahl 2025 waren 18 Prozent der AfD-Wähler:innen weiblich.
Frauen als Identifikationsfigur in der rechten Szene
Lange Zeit galten Frauen in der rechten Szene als Risiko, weil die Beziehung zu einer Frau häufig der Grund für junge Mitläufer war, sich wieder aus der Szene zu lösen. Nun werden sie gezielt eingebunden.
Und obwohl Frauen zahlenmäßig nur einen kleinen Teil der rechtsextremen Szene ausmachen, hat sich ihre Sichtbarkeit erhöht. „Durch Modernisierungsprozesse und Social Media haben wir immer mehr rechtsextreme Influencerinnen, die gezielt junge Frauen ansprechen und mobilisieren“, sagt Lochau. Dabei inszenieren sie sich durch eine strategische Selbstverharmlosung. Nach außen propagieren sie das Bild einer vertrauensvollen Kontaktperson oder sogar fürsorglichen Mutter, wie die Bayerische Informationsstelle gegen Extremismus feststellt.
Die rechte Ideologie proklamiert, dass Frauen von Natur aus dazu da sind, der Gemeinschaft zu dienen. Sie sollen dafür sorgen, dass die deutsche Volksgemeinschaft und ihre Traditionen weiterbestehen. „Es geht auch einfach darum, dass es Frauen braucht, um die übergeordneten Ziele der Rechtsextremen umsetzen zu können”, sagt Lochau. „Es braucht Frauen, um diese Binarität der Geschlechter aufrechtzuerhalten und eben die Geburtenraten wieder zu erhöhen.“
Männer sind weiterhin die Aushängeschilder
Gleichzeitig seien jedoch nach wie vor vor allem Männer die Aushängeschilder rechtsextremer Organisationen. „Um Frauen anzusprechen und für die eigene Sache zu gewinnen, braucht es eine Art Kronzeugin, die als Identifikationsfigur dienen kann“, sagt Lochau.
Als Gegenleistung erhalten Frauen im Rechtsextremismus Anerkennung für ihre kulturelle und erzieherische Arbeit. Genau darauf liegt auch der thematische Fokus von Frauen in der rechtsextremen Szene: Frauen- und Kinderschutz und dessen Instrumentalisierung. Laut Lochau dienen diese Themen als Brückenelemente, um eine Ideologie zu verbreiten, die auf den ersten Blick noch nicht sichtbar ist. Viele würden beispielsweise die Meinung teilen, dass eine Familie eben nur aus Vater, Mutter, Kind bestehen darf oder dass deutsche Frauen vermeintlich von Eingewanderten bedroht seien.
Bei all diesen Themen nehmen wir wahr, dass sich Frauen, die noch kein gefestigtes rechtsextremes Weltbild haben, darüber aber anfüttern lassen und sich dem zuwenden“, erklärt Lochau.
Frauengruppe Lukreta
„Ich möchte rechte Politik für junge Frauen zugänglicher machen“ – das verkündete Julia Gehrckens bei der Gründungsveranstaltung der AfD-Jugend Generation Deutschland in Gießen. Sie ist nicht nur im Vorstand der neuen AfD-Jugendorganisation, sondern auch Mitglied der rechtsextremen Frauengruppe Lukreta.
Neuer Adler, gleiche Faschos: Der Trick mit der AfD-Jugend
Die Gruppe gilt als Nachfolgeorganisation von 120Dezibel” – einer Frauengruppierung der Identitären Bewegung. Gegründet wurde Lukreta 2019 von Reinhild Boßdorf. Noch immer steht sie der Identitären Bewegung nahe, verwendet den verfassungswidrigen Kampfbegriff der „Remigration”, wie ihn der Rechtsextremist Martin Sellner prägte. Der Verfassungsschutz Nordrhein-Westfalen stufte Lukreta bereits als rechtsextremen Verdachtsfall ein. NRWs Innenminister Reul bezeichnete die Gruppe als „knallharte rechtsextreme Propaganda“.
Die Gruppe bezeichnet sich selbst als „unabhängige Initiative für Frauen, die sich gegen die Verdrängung der Frau aus dem öffentlichen Raum und für Frauenrechte einsetzt.”
Brücken bauen – von der AfD in Neonazi-Milieus
„Die Mitgliederinnen von Lukreta stammen alle aus dem Vorfeld der AfD, in Teilen auch aus rechtsextremen Familien“, erklärt Lochau. Dadurch seien sie bereits rechtsextrem sozialisiert und innerhalb der Szene gut vernetzt. „Sie sind zu einer Art Stichwortgeberinnen aufgestiegen, wenn es um vermeintlichen Frauen- und Kinderschutz geht.” Und sie würden Brücken bauen, zwischen rechtsextremen Parteien wie der AfD und „richtigen Neonazi-Milieus“, wie es Lochau beschreibt.
Lukreta mobilisiert Frauen, indem sie über Gewalterfahrungen und sexuelle Übergriffe berichten und diese mit rassistischen und ausländerfeindlichen Aussagen untermauern. Frauen werden dabei als Opfer von Übergriffen durch Migranten inszeniert. Patriarchale Strukturen werden dabei pauschal auf Menschen mit Migrationshintergrund übertragen.
Lukreta kritisiert zudem, dass die gesellschaftliche Akzeptanz diverser Lebensentwürfe traditionelle Lebensweisen, wie die einer Hausfrau, als rückständig verunglimpfe. Die Gruppe inszeniert sich als „traditionsbewusster“ Gegenpol zu einer liberalen Gesellschaft.
„Feminismus“ von Rechts?
Dafür nutzen sie ursprünglich feministische Narrative und Bildsprachen. In den sozialen Medien sind Slogans wie „Kochen Backen – Frauenrechte“, „Widerstand am Herd“ oder „Remigration schützt Frauen“ zu lesen. Fotos von jungen Frauen sind beschriftet mit „Send them back“ oder dem Satz „Du bist noch nicht wütend genug“. Durch die Plattform kann die Gruppe schnell und unkompliziert eine große Zielgruppe erreichen. Dabei nutzen sie aktuelle Trends und eine Influencer-Ästhetik. „Dadurch wirken sie anschlussfähiger und können zumindest so tun, als würde man bei ihnen mehr finden, als eine sehr klassisch-patriarchale Vorstellung von Geschlechtern und Familie und dazugehörigen Rollenbildern“, sagt Lochau.
In verschiedenen Videos wird Opfern von angeblich linksextremen oder migrantischen Gewalttätern gedacht. Kurz vor Silvester posiert die Frauengruppe mit einem Banner vor dem Kölner Dom. Darauf ist zu lesen: „Nie wieder Silvesternacht – #reclaim the night“. Ein weiteres Video zeigt eine blonde Frau im Bademantel vor einer Bergkulisse. Dazu: „Girls just want mountain views & remigration.”
„Eigentlich machen sie Mimikry mit Inszenierungen, die man eher mit linken Gruppen assoziieren würde“, so Lochau. Im Mittelpunkt steht dabei immer die Empörung über sexualisierte Gewalt an Frauen – ein eigentlich feministisches Narrativ. Die Ursache wird jedoch ideologisch zugespitzt – und mit rassistischen Bildern verknüpft. Männer mit Migrationshintergrund dienen als Projektionsfläche und Feindbild.
Linker Feminismus und „Wokeness“ werden als die größten Gegenspieler bezeichnet. „Wir lassen uns unsere naturgegebene Identität und unseren Stolz nicht durch geisteskranke und bösartige Ideologien von Feminismus und Wokeness nehmen“, sagte Gehrckens in Gießen.
Dass die meiste Gewalt gegen Frauen in den eigenen vier Wänden passiert, wird ausgeblendet. Ebenso die Tatsache, dass der häufigste Täter der eigene Partner ist.
Verbindungen von Lukreta in die AfD
Lukreta hat enge Verbindungen zur AfD und gilt – ähnlich wie die Identitäre Bewegung – als Vorfeld der Partei. Innenminister Reul sagte, sie sei ein „Verstärker der Neuen Rechten“.
Gründerin Reinhild Boßdorf arbeitet für den AfD-Europaabgeordneten Alexander Jungbluth, der auch im Partei-Bundesvorstand sitzt. Auf einem Lukreta-Vernetzungstreffen warb sie für einen Kongress der rechten, europäischen „Europe for Sovereign Nations“-Partei (ESN). Ihre Mutter Irmhild Boßdorf sitzt für die AfD im EU-Parlament – und ist ebenfalls der Teil der ESN.
Auch die rechte Influencerin Marie-Thérèse Kaiser, eine ehemalige Mitarbeiterin von AfD-Chefin Alice Weidel, sowie die AfD-Politikerin Mary Khan kooperieren mit Lukreta. Julia Gehrckens aus dem Vorstand der Generation Deutschland war ehemals Teil der Jungen Alternative Baden-Württemberg und der Identitären Bewegung.
Lukretas Verbindungen reichen auch ins europäische Ausland – die Gruppe vernetzt sich nach Recherchen der ARD mit anderen rechtsextremen Frauengruppen in Europa. Dort seien nach dem Vorbild von Lukreta ähnliche Gruppen entstanden, erklärt Lochau. Auf Instagram teilt Lukreta auch Fotos von gemeinsamen Aktionen mit den „Schwestern vom Collectif Nemesis” – der rechtsextremen Frauengruppe aus Frankreich.
Türöffner in die rechtsextreme Szene
Obwohl die Frauengruppe Lukreta bislang vor allem in sozialen Netzwerken präsent ist, sollte ihr politischer Einfluss im Vorfeld der AfD nicht unterschätzt werden. Mit Julia Gehrckens ist es ihr inzwischen gelungen, in den Vorstand der AfD-Jugend Generation Deutschland vorzudringen. Inszeniert als besorgte, traditionsbewusste Frauen fungieren sie dabei als strategische Türöffner in die rechtsextreme Szene.
Gastautorin: Yvonne Schmidt. Yvonne schreibt über soziale Ungleichheit, Machtverhältnisse und politische Radikalisierung – aktuell vor allem für das Katapult Magazin Sachsen. Artikelbild: Julia Gehrckens, Mitte: Markus Scholz/dpa, Screenshots instagram.com
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