https://www.phantastiknews.de/index.php/hoerspiel-hoerbuch-news/32603-die-drei-folge-238-hoerprobe-online-2
Die Idee, das zu schreiben, kam mir spontan und gerade eben. Und ehe ich es vergesse, verblogge ich den Gedanken sofort. Auch wenn ich eventuell ein bisschen ausholen muss, um zu erklären, was ich eigentlich meine und wovon ich rede, wenn ich so großspurig das Wort „Scheitern“ in die Überschrift schmeiße.
Kleine Zeitreise als Exkurs
Es ist für mich im Nachhinein betrachtet ein Segen, dass ich zu denen gehört habe, die schon als kleine Kinder niemals stillstehende Geschichtenerzählplappermäulchen waren. „Geschichten erzählen“ war quasi immer schon, wie ich lief. Nur die Ausdauer, um sie auch aufzuschreiben, fehlte lange.
Mit zehn haben meine Eltern zur Gymnasialreife alles an Erspartem aufgeboten und mir einen Windows Millenium inklusive Tastatur, Maus, Monitor für einen DM-Betrag gekauft, den sie auch für ihren Gebrauchtwagen ausgegeben hatten. Einfach um in Verhältnisse zu setzen, was für ein finanzielles Opfer es war, einem zehnjährigen Mädchen einen für damalige Verhältnisse Up-To-Date-Rechner zu besorgen. (Oder das, was die Werbung meinen Eltern als solchen verkauft hat.)
Das waren noch Zeiten, in denen Microsoft Office noch nicht extra verkauft wurde, sondern beim Kauf eines Windows-Betriebssystems einfach „mitkam“. Damals noch in zwei Ausgaben: Einmal als DVD mit allen Programmen drauf und einmal als ein Konvolut von … puh, mehreren CDs. Mit Microsoft Office, Microsoft Excel, Frontpage und Microsoft Works, was irgendwie auch ein Office-Paket war, aber eins mit weniger Funktionen? Ich war zehn. Ich habe das nicht geblickt. Aber weil ich zehn war, und weil dem PC zwar mit „Ages of Empires II“ ein Spiel beilag, aber wir sonst nicht sonderlich viele Spiele hatten und es damals noch Essig war mit „einfach Games im Internet zocken/bei Steam herunterladen“, verbrachte ich meine Zeit am PC oft mit wundersamem Quatsch:
Ich habe dann auch angefangen, unglaublich schlechte Fanfiction zu schreiben (das kann ich so tatsächlich schreiben, weil … *zeigt auf das oben genannte Alter* … Was erwartet man da? :D). Ich wusste nicht, was das ist und dass es dafür Gemeinschaften online gibt oder so. Ich wusste nur, dass ich diese Geschichte zu den Büchern, die ich damals hypte, unbedingt verfassen wollte. (Damals war jedes Kapitel ein Word-Dokument und hatte so zwischen sieben und vierzehn Wordseiten in Times New Roman 12. Ich schrieb viel. Nicht gut, aber viel!)
Aus einem Grund, an den ich ich mich nicht erinnern kann, habe ich, sobald ein Kapitel fertig war, es ausgedruckt, abgeheftet und vom Computer gelöscht. Das ist vielleicht der Grund, aus dem die Fanfiction noch erhalten ist und irgendwo in einem Schrank lichtgeschützt lagert, damit das selbstgemalte Cover nicht noch mehr ausbleicht.
Ah. Okay. Jetzt weiß ich es wieder und der Grund war: Ich habe, voller Vorfreude auf das Gymnasium, auf das ich gehen sollte und mit einem Haufen Träumen im Gepäck (wie beispielsweise, mich mit handschriftlichen Notizen zum Lernen auf die wie dafür geschaffenen Skulpturen in einem Springbrunnen beim Roten Turm zu setzen. In der Theorie cool, in der Praxis lernte ich definitiv lieber daheim, als im Wasser ^^.), angefangen, einen Roman zu schreiben. Über ein Mädchen, das möglichst anders sein sollte als ich – schon dreizehn oder vierzehn Jahre alt, trägt immer blaue Mary-Janes und möchte Fußballerin werden. Und das ebenfalls auf mein künftiges Gymnasium gehen sollte. Der Konflikt bestand darin, dass sie einen neuen Lehrer in einem Fach bekommt und der ein riesiger Grießgram ist. Sehr viel weiter habe ich allerdings nicht gedacht.
Und sonderlich weit bin ich damit nicht gekommen.
Es gab ein paar Kapitel, dann war irgendwas mit dem Rechner. Und vielleicht erinnert sich hier irgendwer, aber ich hatte mal ein Programm, mit dem CDs ungefähr so verwendet werden konnten wie USB-Sticks oder zumindest konnte ich auf eine CD immer mal wieder neue Sachen draufspeichern und erst wenn die CD voll war, den Speicher dann „schließen“ und die Dateien endgültig auf die CD brennen lassen. Aber solange ich das nicht tat, konnte ich die CD wie einen Stick verwenden. (Nur dass ich damals noch keine USB-Sticks hatte, aber so würde ich das Konzept heute erklären.)
Dort kamen auch meine Back-Ups hin, denn ich war noch vom Windows 3.11. mit ganzen vier Gigabyte Speicher gewöhnt, dass mit Speicherplatz sehr sparsam umzugehen ist und ich gefälligst das, was ich behalten möchte, entweder auf so eine CD auslagere oder auf Diskette. Und da ich ständig irgendwelchen Quatsch mit eingefügten Bildern und Word Art und Clips gemacht habe, passten meine Word-Dokumente nicht auf Diskette. Also sicherte ich sie mit Hilfe des Programms auf CD.
Und als der PC neu aufgesetzt wurde, aber wir das Programm irgendwie nicht mehr hatten (war es nicht dabei? Hatte es irgendwer aus unserem Umfeld auf unseren Computer installiert und war dann aus unserem Umfeld verschwunden? Meine Eltern ließen gefühlt Hinz und Kunz Software bei uns installieren), nun … da waren meine schönen CDs voller Back-Up auf einmal angeblich unbeschriebene Discs. Mein Manuskript war weg.
Darum habe ich meine Fanfiction ausgedruckt. Und als ich drei Jahre später wieder Romanversuche gemacht habe, habe ich auch da jedes fertige Kapitel ausgedruckt. Weil ich digitalen Kopien für eine ganze Weile nicht getraut habe.
Der Schulroman, von dem ich nicht einmal mehr den Namen weiß, scheiterte daran, dass ich als Kind das mit dem Back-Up nicht drauf hatte. (Und wer angesichts dieser Geschichte mit „Kein Back-Up, kein Mitleid“ daherkommt, für den suche ich extra einen alten Röhrenmonitor vom Schrottplatz und zieh damit eins über. Du hast nichts von meiner Geschichte verstanden, setzen, durchgefallen.)
Die Geschichten, die ich in Folge dessen schrieb, scheiterten an anderen Dingen:
Und nun wieder in die Gegenwart
Was all dieses Scheitern gemeinsam hat, ist: Es passierte vor meinem Debüt 2017. Ich habe Manuskripthopping betrieben, Bücher angefangen, wieder abgebrochen, mir ein Jahr und länger Zeit fürs Überarbeiten gelassen und dann auch schon mal gemerkt „Okay, im Nachhinein funktioniert das nicht“ und entweder neu angefangen oder große, sehr große Teile umgeschrieben und es war okay.
Oktober 2017 war ich aber auf einmal nicht nur mit Kurzgeschichten in der Welt, sondern mit einem Buch. Und wie heißt es so schön? Die beste Werbung für ein Buch ist das nächste Buch. Auf einmal war da Druck, obwohl ich doch Indie war, keine Deadlines hatte. Auf einmal war da „Das nächste, was du schreibst, muss dann auch veröffentlicht werden und du kannst es nicht wieder jahrelang liegenlassen und dann entscheiden, es komplett neu aufzudröseln.“
Ich hatte das Gefühl, etwas, das vorher ganz locker und selbstverständlich einfach dazugehört, nicht mehr machen zu dürfen. Ich durfte nicht mehr scheitern. Nicht mehr für die Schublade schreiben. Alles, was ich verfasste, musste früher oder später den Weg zwischen Buchdeckel finden – oder ich verschwende meine Zeit.
Vielleicht ist mir darum so wichtig gewesen, obwohl mir mehrfach abgeraten wurde („Möchtest du das wirklich so erzählen?“), meine Reise hinter „Zwergenschatz“ im Zuge des Releases zu erzählen (unter diesem Link, kurz angerissen: https://www.maerchenspinnerei.de/news/veroeffentlichung-zwergenschatz-katherina-ushachov/). Ich stand mit dem Manuskript kurz vor dem Scheitern und dann habe ich mir Zeit genommen, um das Problem zu betrachten und mir außerdem zwei helfende Personen ins Boot geholt, um das Problem zu lösen. Es hat dadurch alles viel länger gedauert, als ursprünglich geplant, aber ich war ziemlich stolz darauf, was am Ende rausgekommen ist.
Und nun … ist mir etwas ziemlich Großes gescheitert. Wer länger hier folgt, kennt ja eventuell bereits mein Vampir-Multiversum, auf dem dann auch mehrere andere Romanreihen aufbauen, weil sie in den jeweiligen Paralleluniversen spielen und auf die eine oder andere Weise mit der Handlung der Vampirromane verzahnt sind.
Unparallele Entwicklungen
Ein Verlag hat vorsichtig Interesse an „Unparallel“ bekundet, die sozusagen die Urgeschichte des Multiversums erzählt. Wie die allererste Person überhaupt verwandelt wurde und was danach geschah (inklsuive der ersten Begegnung mit einem der Paralleluniversen). Und seitdem hat sich etwas in mir gesträubt. Ich wusste: Die Rohfassung davon ist von 2015. Es hat bis 2018 gedauert, bis ich alle neun Bände zumindest einmal angeschaut und überarbeitet habe und ich hatte noch in Erinnerung, dass die letzten zwei Bände auch nach der Überarbeitung immer noch katastrophal sind. (Aber immerhin nicht mehr ganz so schlimm wie 2018.)
Ich hatte absolut nicht mehr in Erinnerung, wie viele Klischees, wie viel rassistischer, toxischer und anderweitig istischer Müll in den alten Manuskripten drinsteckt. (Laut meinem Selbstbild war ich mit Mitte bis Ende zwanzig doch deutlich progressiver als … *gestikuliert Richtung alter Manuskripte*). Aber die schiere Menge überwältigte mich und ich glaube, „Unparallel überarbeiten“ stand mehrere Jahre auf der To-Do.
2023 habe ich beschlossen: Das kann ich nicht überarbeiten. Es sind ca. 350.000 Wörter, die ich in die Tonne kloppe, weil … ehrlich? Es ist einfacher, das ganze Ding neu zu schreiben, als zu versuchen, diese Katastrophe von einer Ennealogie (Neunteiler) irgendwie zu retten.
Bei der Gelegenheit tat ich dann endlich das, was ich eigentlich schon tun wollte, als ich irgendwann um 2011 beschloss, dass die Vorgeschichte ihre eigene Romanreihe kriegt (und mich damals nicht getraut habe, weil das Konzept nicht verbreitet war und ich mir einreden ließ, dass ich das so als unveröffentliches Küken nicht machen darf). Das Ganze wird aufgeteilt, statt Bänden im klassischen Sinne gibt es Staffeln, die aus mehreren Folgen bestehen.
Den Entschluss verschriftlicht habe ich schon im Juli auf Instagram:
View this post on InstagramA post shared by Katherina Ushachov (sie / ihr) (@evanesca_feuerblut)
Ich zitiere mich mal selbst, falls der Text irgendwann nicht mehr verfügbar sein sollte:
Aktuell denke ich sehr viel darüber nach, wie Timing und Trends durchaus auch eine befreiende Wirkung haben können. Als ich anfing, mich mit dem halbwegs professionellen Veröffentlichen (und Schreiben) mal auseinanderzusetzen, war es 2011 und ich stolperte sehr blauäugig in das alles rein.
Damals gelangte ich an ein Forum, das mir einen unglaublichen Boost gab, aber in einigen Fragen auch ziemlich restriktiv war. Ich erfuhr dort beispielsweise zum ersten Mal, dass es – so ganz eventuell – nicht gerade wahrscheinlich ist, mit meiner als Franchise angelegten Vampir-Multiversumsreihe aufzuschlagen bei Verlagen.
Zumindest in dem Forum war die Meinung: Ein Debüt sollte am besten, damit es für Agenturen attraktiv und am besten vermittelbar ist, vor allem in der Fantasy:
– ein Einzelband sein.
– als solcher maximal 400 Normseiten lang sein (äußerste Schmerzgrenze), aber lieber doch unter 300 Normseiten liegen.
– die Option darauf bieten, fortgesetzt zu werden, aber so angelegt, dass es im Flopfall doch auch abgeschlossen wäre.
Wenn es unbedingt was anderes sein muss, dann halt eine Trilogie, wo die jeweiligen Bände innerhalb dieser Bereiche liegen. Aber nix weiter.
Also habe ich versucht, damals #Unparallel als einen Band aufzuziehen. Dann wurden aus einem drei. Dann aus drei … Neun. („Trilogie in neun Bänden“). Was das Buch aber eigentlich von Anfang an hätte werden sollen, ist eine Serie, wie das heutzutage gar nicht mehr so selten ist, aber 2011 noch undenkbar wäre.
(„Band 1-5 von Staffel 1, dann Band 1-7 von Staffel 2“, mit jeweils kurzen Einzelepisoden).
Ich schreibe am liebsten abgeschlossene Mini-Arcs in Novellenlänge. Und bei dieser Geschichte hier mehrere hintereinander.
Nun, vielleicht bekommt #Unparallel in der Hinsicht endlich die Form, die ich von Anfang an wollte – von der mir aber alle sagten, das ginge so auf keinen Fall.
Debüt ist auch ein paar Jährchen her. Auch aus Sicht der Purist*innen von damals – ich darf jetzt einfach eskalieren. Punkt.
Quelle: Ich selbst. Auf Instagram, siehe obendrüber eingebundener Post vom 02.07.2023
Scheitern im Scheitern oder der katastrophale NaNoWriMo 2023
Ich hielt es für eine gute Idee, im NaNoWriMo einen Rewrite zu machen. In der Theorie eine tolle Idee. In der Praxis nicht ausführbar:
Irgendwann konnte ich schlicht nicht mehr. Ich bin also beim Scheitern gescheitert – könnte man meinen.
Aber: Folge eins der ersten Staffel ist fertig geschrieben. An Folge zwei tippsel ich dann, wenn es mir Zeit und Kraft erlauben, bereits fleißig dahin. Es wird also schon. Nur halt nicht mehr 2023. Aber das muss es auch nicht.
Und was ist mit der Freundlichkeit?
Ich habe das Gefühl, indem ich mir quasi „verboten“ habe zu scheitern, habe ich mich auf lange Sicht selbst blockiert. Klar, bei „Zwergenschatz“ ging das gut, aber wie oft habe ich aufs Aufgeben gedacht? Wie oft daran, mich einfach zu verkriechen? Und wäre nicht die ganze Zeit noch der Gedanke gewesen, dass bei „Zwergenschatz“ ich noch eine Ko-Autorin (Rabea hat den zweiten Teil, „Schwesternmacht“, verfasst) dranhängt und sich auf mich verlässt – ich hätte hingeschmissen mit dem Buch und es irgendwo in die Schublade verbannt.
Weil ich die Kraft nicht aufgebracht hätte, die Zeit, um aus etwas, das misslungen ist, noch was zu machen. Weil ich mich so sehr darauf getrimmt habe, nur noch abzuliefern, was quasi direkt aus der Feder ins Lektorat kann. Das schaffe ich immer häufiger. Aber manchmal eben nicht. Gerade bei älteren Sachen gilt: Die sind es definitiv noch nicht.
Bei „Unparallel“ habe ich diese Kraft nicht aufgebraucht und mehrere Jahre prokrastiniert. Vielleicht gut so, weil ich in der Zeit selbst nachreifen und lernen konnte, sodass der Zweitversuch eine Menge Fehler von vornherein vermeiden kann. Aber kraft- und zeitraubend.
Also, Katja: Es ist okay, das komplette Haus noch mal abzureißen, wenn schon das Fundament nicht stimmt. Und ein Buch ist, solange es nicht veröffentlicht wurde, sowieso eher wie Lego und weniger wie Beton. Ich kann alles von der Bodenplatte wieder runterschmeißen und die Klötzchen neu setzen, wenn es nicht funktioniert. Und wenn ich dabei die Hälfte (oder so gut wie alle) der Klötzchen austauschen muss, auch okay.
Und eigentlich ist dieser ganze Blogpoist ein Selbstgespräch, um mich selbst daran zu erinnern, dass „Buch komplett einreißen, neu machen und wenn es absolut unrettbar ist, auch mal verwerfen“ etwas ist, das ich mal konnte und ganz sorglos gemacht habe. Dass ich mir diese Sorglosigkeit zurückholen will – muss – um beim Schreiben nicht irgendwann auszubrenne.
Aber vielleicht können Mitlesende hier ja auch was mitnehmen. Und daher wird dieser Schrieb auch veröffentlicht.
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#Neufassung der #GoBD
Grundsätze zur ordnungsmäßigen Führung und Aufbewahrung von Büchern, Aufzeichnungen und Unterlagen in elektronischer Form sowie zum Datenzugriff (GoBD)
BMF-Schreiben vom 11.07.2019, IV A 4 - S 0316/19/10003 :001