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In Zeiten der Polarisierung, Verrohung und Verhärtung der Fronten ist es schwer sich vorzustellen, wie es noch eine gemeinsame Zukunft "mit den ANDEREN" geben könnte. Wir fangen an, "unwiderruflich verlorene, kaputte Menschen" in Prozentmengen oder Bruchzahlen anzugeben. Wie sollen wir aus dieser Dynamik herauskommen? Ist das überhaupt möglich?
Wenn wir nach Südafrika schauen, dann können wir beobachten, wie Menschen dies unter den schlimmstmöglichen Bedingungen nach dem Ende der Apartheid angegangen sind. Das bedeutet nicht, dass es in Südafrika keine Probleme mehr gibt – das wäre Quatsch. Aber es gibt dort Menschen, die sich Gedanken über Versöhnung als Antwort auf Vergeltung gemacht haben und wir sollten zuhören und lernen.
Es geht aber nicht nur darum, was wir tun können, wenn alles längst maximal eskaliert ist, sondern wie wir verhindern, dass wir unverhältnismäßig zur Eskalation beitragen, obwohl unsere Maxime eigentlich nicht "Zerstörung" ist und wir nicht "die Welt brennen sehen" wollen.
Wir sollten immer zwischen dem Wesen eines Menschen und seinen Handlungen unterscheiden. Handlungen können wir sehen, kritisieren und auch sanktionieren. Das Wesen eines Menschen ist eine komplizierte Sache. Ich bezweifle sogar, dass es existiert. Wenn ich eine Wesensaussage machen müsste, dann diese: Menschen sind zutiefst heterogene, vielfältige, wandelbare Wesen. Man kann vermuten, was sie als nächstes tun, aber man kann es nie sicher wissen. Daher sollten wir Personen – so verlockend das in der verständlichen Wut auch sein mag – nicht durch unbedachte Substantivierungen und damit verbundene Ontologisierungen (Aussage über ihre Seinsweise) entmenschlichen und erklären, sie seien willenlose, kaputte Maschinen, die nichts anderes könnten, als Gewalt und Hass zu verbreiten. Dann nehmen wir uns einen beträchtlichen Teil unserer gemeinsamen Zukunft und verstümmeln unser Ethos auf eine Weise, die uns selbst zu anderen Menschen macht.
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