„Die Grenzen sind offen, weil sie geschlossen sind. Die Grenzen bleiben geschlossen, damit sie offen bleiben...”

Ein Diktator — in Mauricio Kagels Stück „Der Tribun” — probt und improvisiert eine Rede, arrangiert Phrasen, widerspricht sich, lobt sich und das Publikum, droht ihm... und spult das ganze Repertoire an politischer Redekunst ab, ohne auch nur ein Stück Inhalt zu vermitteln. Zwischendurch gibt es Applaus vom Band und Kagels wunderbare “10 Märsche um den Sieg zu verfehlen”.

Das Stück entstand 1979 als Hörspiel, ist aber gerade in den letzten Jahren (wenn man YouTube Glauben schenkt) immer wieder auch auf der Bühne aufgeführt worden. Kagel hatte lateinamerikanisch Diktatoren im Sinn. Auf Deutsch gibt es immer die Versuchung, den Diktator wie Hitler klingen zu lassen, was das Stück kaputt macht: Niemand glaubt heute einem Redner, der wie Hitler klingt.

Auf YouTube (https://www.youtube.com/watch?v=a8DQvV9yYp4) gibt es jetzt eine sehr gelungene neue Aufführung, in der der Diktator spricht wie ein heutiger deutscher Politiker, in einem Interview etwa, oder in einer Rede. Es klingt alles so vernünftig — oder hat man es nicht sogar schon einmal irgendwo gehört, als Grußwort bei einer Veranstaltung oder als Teil einer Kundgebung in einer Demonstration? Der Redner wirkt stellenweise richtiggehend sympathisch — ungefähr so wie eben ein populistischer Demagoge auf seine Anhänger wirkt.

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