Und dann ist es auch verständlich, dass Waffenlieferungen auch an den Gegner angepasst werden. Russland hat teilmobilisiert und dadurch mehr Truppen als im Sommer in der Ukraine stehen. Dies erfordert andere Taktiken und andere Waffensysteme.
Zum Beispiel finde ich verständlich, dass man nach den Erfahrungen in Afghanistan erst einmal vorsichtig war. Aber jetzt gibt es keinen Grund mehr zur Vorsicht. Man muss auch die Bevöllkerung mitnehmen und zeigen, dass Waffenlieferungen nicht verschwendet sind.
Aber grundsätzlich habe ich kein Problem damit, dass die Lieferung von Waffen schrittweise erweitert wird; ich wünschte nur, es ginge mit weniger Theater und weniger unglaubwürdigen Ausreden aus dem Kanzleramt, Selbst jenseits von "Boiling the Frog" gibt es Argumente.
Wenn man im O,ktober mit der Ausbildung begonnen hätte, wären die Panzer jetzt in der Ukraine, und wir würden jetzt nicht über eine russische, sondern eine ukranische Frühlingsoffensive diskutieren.
Das heißt nicht, dass ich die Lieferung von Panzern jetzt für falsch halte. Ich wünschte, sie wäre schon im Oktober beschlossen worden. Damals verdichtete sich meiner Erinnerung nach die Diskussion. (Begonnen hatte sie schon im Sommer, aber dann hieß es: Gepard und Pzh 2000.)
Mehr russische Truppen und bessere Verteidigungslinien. Ein ähnlicher Überraschungsangriff wie im September wird nicht noch einmal gelingen. Das haben Überraschungen so an sich.
Zweitens war die Offensive in Kharkiv dadurch möglich geworden ,dass die russischen Truppen dort ausgedünnt waren. Die Front war nicht genügend stark besetzt. Dadurch reichten westliche Artillerie und Panzer sowjetischer Bauart damals. Jetzt ist die Situation anders:
Durch die Artillerielieferungen wurden also große Erfolge ermöglicht, und ich weiß nicht, ob Panzer dies verbessert hätten. Möglicherweise waren Panzer damals nicht notwendig: Erstens hatte die Ukraine noch genügend eigene und "Trophy-Land-Lease"-Panzer.
Putin hat diesen Schritt nicht ohne Grund lange hinausgezögert, Es ist nicht absehbar, ob der Krieg unter diesen Umständen noch lange von der russischen Bevölkerung unterstützt werden wird. Im Moment scheint es noch zu funktionieren, aber wer weiß wie lange.
Ein weiterer, vielleicht wichtigerer Erfolg der Offensive jenseits des Geländegewinns: Putin wurde zu einer Entscheidung genötigt, die er bis zu diesem Zeitpunkt vermieden hatte: Zur Teilmobilmachung. Seither werden Männer, die nicht kämpfen wollen, an die Front geschickt.