In ihrem jüngst publizierten Buch "Kapitalismus aufheben" laden Sie den Leser ausdrücklich ein, über Utopien, über die Transformation des bestehenden Systems nachzudenken. Ist dies nicht illusionär angesichts der gegenwärtigen Realität, die vom Aufstieg der neuen rechten und rechtspopulistischer Borderliner wie Trump, Erdogan, Seehofer oder Söder geprägt ist?
Simon Sutterlütti und Stefan Meretz: Die Rechten steigen unter anderem darum auf, weil sie einen Fahrplan bieten: Klare Ziele und klare Wege, "Wir" vor den Anderen. Emanzipatorische Bewegungen haben dem kaum etwas entgegenzusetzen. Sie fordern diffus Solidarität, aber ob und wie eine Gesellschaft funktionieren kann, die allgemeine Solidarität produziert und auf ihr aufbaut, ist unklar. Genauso verbleibt der Weg dorthin als eine Leerstelle.
Unser Buch versucht gerade in diesem Bereich fundierte Ideen zu entwickeln und Diskussionen anzustoßen. Ohne begründete Hoffnung, die sowohl für uns selbst, als auch für andere eine greifbare Möglichkeit ist, haben Menschen gute Gründe, sich kopfschüttelnd von "idealistischen Spinnereien" abzuwenden. Übrig bleibt der Fokus auf das Private, um die eigenen Schäfchen ins Trockene zu bringen. Natürlich brauchen wir auch heute Widerstand, Solidarität und politisches Wirken, aber damit unsere Kämpfe erfolgreich sind und nicht ewig den Symptomen hinterher rennen, müssen sie auf eine Gesellschaft zielen, in der wir nicht mehr kämpfen müssen. Die Fragen nach dieser Gesellschaft und wie wir sie erreichen können, stellen wir in unserem Buch vor.
Utopie ist ja immer der idealisierte Nichtort, den zu erreichen kaum möglich ist. Sie schreiben von einer "kategorialen Utopietheorie". Können Sie das etwas ausführen?
Simon Sutterlütti und Stefan Meretz: Heute dominieren zwei Ansätze das utopische Feld. Der eine Ansatz des "Bilder-Malens" versucht, die Utopie möglichst genau zu beschreiben, um sie zu plausibilisieren und überzeugend zu machen. Er illustriert, wie wir in einer freien Gesellschaft alltäglich arbeiten, Kinder aufziehen, wohnen, uns fortbewegen usw. Der andere Ansatz des "Bilderverbots" kritisiert demgegenüber ganz zu recht, dass wir das nicht wissen können und diese Bilder oft nur ein Abguss oder eine Verlängerung der heutigen Gesellschaft darstellen. Und somit Herrschaft häufig genug fortschreiben.
Unser Ansatz der kategorialen Utopietheorie nimmt diese Kritik ernst und pinselt eine Utopie nicht nach Belieben aus, sondern erforscht auf einer grundsätzlichen Ebene ihre prinzipiell möglichen Dynamiken. Wir schreiben also keine Wunschphantasie nach Lust und Laune, sondern auf Basis unserer Theorien zu Mensch und Gesellschaft bestimmen wir den Möglichkeitsraum der Entwicklung einer freien Gesellschaft.
Wir erwarten, dass unsere Theorien und unsere Utopie viele nicht überzeugen, doch durch unsere Explikation können wir dann genau darüber diskutieren, die Ansätze weiterentwickeln oder verwerfen. Somit hoffen wir, dass ein begründetes, gar wissenschaftliches Denken und Sprechen über Utopie möglich wird.
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