130 Professoren der Volkswirtschaftslehre, wenn das kein Gewicht hat! 130 deutsche Professoren lassen sich vom ifo-Institut zu aktuellen Themen befragen und sie lassen zu, dass die Ergebnisse einer solchen Umfrage in der Öffentlichkeit in einem unmittelbar politischen Zusammenhang verbreitet werden.

Aus der FAZ erfahren wir, dass die jüngsten Ergebnisse einer Umfrage über die "Reformpläne" von Martin Schulz bestätigen, dass die "Wirtschaftswissenschaft die Liberalisierung des Arbeitsmarktes durch die Regierung Schröder wertschätze". Gerhard Schröders Agenda 2010 werde reichlich Respekt gezollt, "der Einführung des Mindestlohnes aber keineswegs".

Das ist natürlich nicht überraschend. Wir wussten ja, dass die übergroße Mehrheit der deutschen Ökonomen der Neoklassik und damit politischen Maßnahmen huldigt, die dem Modell des neoklassischen Arbeitsmarktes entsprechen. Dass man aber so offen zeigt, dass man den Mindestanforderungen nicht nachkommt, die an ein Fach zu stellen sind, das sich Wissenschaft nennt, ist dann doch überraschend.

Ich habe es selbst oft erlebt, dass deutsche Professoren an deutschen Universitäten nicht in der Lage (oder, noch viel schlimmer für Wissenschaftler, nicht willens) sind, zu unterscheiden zwischen den Effekten, die eine Lohnsenkung (oder ein Zurückbleiben der Löhne, also der Kern der Schröderschen Agenda) auf die Binnenwirtschaft hat und den Effekten, die sie auf die außenwirtschaftlichen Beziehungen einer Volkswirtschaft hat. Sie konstatieren einfach, dass Anfang der 2000er Jahre die Agenda 2010 von Schröder durchgesetzt wurde und sich danach die deutsche Volkswirtschaft besser und schließlich sogar besser als die der europäischen Partner entwickelte.

Wer das aber nicht unterscheidet, disqualifiziert sich als Wissenschaftler. Weil man eigentlich im ersten Semester lernt, dass bei fast allen Fragestellungen zunächst zu unterscheiden ist, ob man es mit einer geschlossenen oder mit einer offenen Volkswirtschaft zu tun hat. Warum tut man das? Nun, offensichtlich deswegen, weil in einer offenen Volkswirtschaft andere und zusätzliche Effekte auftreten können im Vergleich zu einer geschlossenen Volkswirtschaft. Grundsätzlich wird das beschrieben in dem Begriff, der im Englischen griffig "fallacy of composition" heißt und den man in Deutsch mit dem logischen Fehler des Schlusses vom Einzelnen auf das Ganze umschreiben würde.

https://www.heise.de/tp/features/Wie-viele-deutsche-Oekonomen-irren-3771400.html https://www.heise.de/tp/features/Wie-viele-deutsche-Oekonomen-irren-3771400.html #Agenda #Lohnpolitik #SPD