tatort
Nachdem ich quasi alle Streamingdienste abgeschafft habe - das war mal eine segensreiche Entscheidung - habe ich wieder angefangen, hin und wieder Tatort zu kucken. Früher hab ich hin und wieder Leuten geschrieben, was ich gut und was ich schlecht und was ich bemerkenswert fand, und inzwischen muss ich den Leuten leider im Großen und Ganzen zustimmen: es ist im Grunde unkuckbar.
1) Außer, und da kommen wir dann zum Sinn dieses Postings, maus schreibt anschließend darüber: dann stellt sich vielleicht noch eine Art Sekundärgenuss ein.
Hier also werden in loser Folge sieben Dinge über irgendwelche Tatorte (meistens aktuelle) erscheinen, ich will es nur gesagt haben. Falls wer das dringende Bedürfnis hat zu unfollowen: kann ich verstehen.
2) "Borowksi und der gute Mensch" hieß der Tatort, und vorab muss ich sagen, dass ich die grundsätzliche Konstellation der Kieler Beiträge zur Volksseele eigentlich ziemlich schätze: es gibt neben Axel Milberg vielleicht nur noch den jetzt sich verabschiedet habenden Udo Wachtweitl, der diese Art der Abgehangenheit alternder und vom Leben enttäuschter alleinstehender Männer mit dieser Art unaufdringlicher Zwinkizwonkigkeit spielen konnte, die das Bübische im Kommissar bewahrte,
ohne dass es bedrohlich wirkte. Regress without excess sozusagen. Entgegen aller Nord-Süd und Ost-West-Konflikte glaube ich auch firm daran, dass sich humoristisch Nordseeküste und Starnberger See gar nicht so sehr unterscheiden, wie allgemein angenommen;
kulturell hat sich da halt das Rheinland zwischengeschoben, deswegen wurde die Grenze zwischen beiden ziemlich breit. Dass die Münchner*innen in der Regel Hamburg lieben und die Hamburger*innen im Gegenzug München oft ganz passabel finden, ist für mich alles andere als überraschend.
3) Erste Hypothese: Die mittelwestdeutsche Vorstellung von Anarchie unterscheidet sich fundamental von der südnorddeutschen. (Dass sich die ostdeutsche nochmal abgrenzt, obwohl Juli Zeh mit Unterleuten versucht hat, die Blaupause nach Brandenburg zu transferieren, liegt derart auf der Hand, dass ich es zwar erwähnt haben will, aber was soll ich machen, würde ich hier mit Fußnoten arbeiten, zwei Drittel von euch würden nur die Fußnoten lesen. So einfach wird es hier niemandem gemacht!)
4) Es ist quasi unmöglich, diesen Tatort zusammenzufassen, weil es derart viele Plotholes gibt: dieser Tatort ist - auch das ein Beleg meiner ersten Hypothese - im Grunde eine fränkische Landstraße; er hoppelt so vor sich hin. Was ich verstanden habe, ist folgendes: Es gibt einen Massenmörder, den Borowski dingfest gemacht hat (nie hätte ich gedacht, dass ich einen Ausdruck wie "dingfest" je irgendwo hinschreiben würde, aber in einer Tatort-Besprechung passt er ganz gut)
und der entkommt aus dem Gefängnis und dann versuchen sie ihn wieder einzufangen. Offenbar hat er auch eine gute Freundin von Borowski umgebracht oder so ähnlich, jedenfalls gibt es eine persönliche Verbindung; das ist eines der drei magischen Elemente in diesem Tatort (und wenn man mich fragt, sind drei schon drei zu viel).
5) Bevor wir zu den zwei anderen magischen Elementen kommen, kurz zum moralischen Groschen, der zwischenrein ins Frontalhirn der Zuschauer*innen gedroppt wird (den gibt es ja bei fast jedem Tatort): dieser Typ, den Eidinger spielt, der befindet sich ja im Maßregelvollzu (ah, kuck her, deswegen habe ich vorher "dingfest" geschrieben, weil das so gut zu Maßregelvollzug passt).
Er ist also nicht schuldfähig und es gibt auch deswegen dann so Sperenzken wie Theaterworkshops, deren einen er nutzt, um auszubrechen (ich verkürze hier, der Text ist eh schon viel zu lang). (Aber an dieser Stelle ist das ambivalente Kunstverständnis von Autor*innen, die für den Tatort schreiben, zu sagen wir mal Schiller deutlich zu spüren, das besprechen wir aber vielleicht ein andermal).
Jedenfalls wird in diesem Tatort dann mehrfach betont, dass Maßregelvollzug nur so eine "Haft light" sei; in der Realität ist das Gegenteil der Fall. Sitzt man bei einem Bier mt Strafverteidiger*innen zusammen und fragt sie, was hättest Du lieber Maßregelvollzug oder Haft, sagen meiner bescheidenen Erfahrung nach quasi alle "Haft": da weißt Du halt, wann Du rauskommst. Beim Maßregelvollzug weißt Du das nicht.
6) Oh shit I'm running out of points - na wir werden sicher daran anknüpfen können. Vielleicht machen wir noch einen der beiden anderen magischen Punkte, nämlich wo Dingsda (also dieser Massenmörder) Unterschlupf findet: nämlich bei einer Frau, die nicht nur blind ist, sondern beruflich auch noch bei der Seelsorge arbeitet. Und die liebt den. Warum, weiß man nicht. Es hat natürlich was, dass gerade die Blinde das Menschliche im Menschen sieht: oho!
7) Kurzer Realitätscheck: Der letzte Serienmörder in Kiel wurde 2012 verurteilt, er hat fünf Frauen getötet zwischen 1969 und 1984. Überführt wurde er durch Laborarbeit. Klar, das gäbe keinen Film, aber immerhin eine nachvollziehbare Abfolge von Ereignissen.
@freval ich hätte nicht gedacht, dass ich so etwas mal schreiben würde, aber ich wünsche mir mehr Tatort reviews von dir