Vorgestern und gestern sprachen wir viel über Entstigmatisierung, also die Idee, Vorurteile abzubauen und damit einen Beitrag zu Prävention und Antidiskriminierung zu leisten. Vor der Mittagspause möchte ich gerne diese (Danke! ⬇️) wichtige offene Frage nach Begrifflicherem aufzugreifen.

RE: https://bsky.app/profile/did:plc:6izrbi3yqcittwfh6qm5jyoy/post/3mit36jtgok2s
Definiert werden psychsiche Störungen über klinisch bedeutsames Leiden, Beeinträchtigung im Alltag und zugrunde liegende dysfunktionale Prozesse (das kann biologisch, psychologisch, entwicklungsbezogen sein). Wichtig: Eine Normabweichung allein reicht nicht für die formale Vergabe einer Diagnose.*
Psychische Störung – Lexikon der Psychologie, Hogrefe AG

Psychische Störung [engl. mental disorder; gr. ψυχή (psyche) Seele, Hauch]; s. auch Gebietsüberblick «Klinische Psychologie und Psychotherapie», [KLI],..

#Ursachen: Das heute vorherrschende Modell ist das #biopsychosoziale Modell (Engel, 1977). Demnach: Psychische Störungen entstehen immer im Zusammenspiel biologischer, psychologischer und sozialer Faktoren. (www.urmc.rochester.edu/MediaLibrari...)
Eng verwandt: #Vulnerabilitäts-Stress-Modell. Jede*r bringt eine individuelle Verletzlichkeit ("Vulnerabilität") mit (Gene, Neurobiologie, Kindheitserfahrungen). Wenn Stressoren, z.B. belastene Ereignisse, hinzukommen, kann eine Störung ausbrechen. (psycnet.apa.org/doi/10.1037/...)
Das ist kein Automatismus und bei unterschiedlichen klinischen Erscheinungsbildern spielt z.B. genetische Veranlagung unterschiedlich starke Rolle. Schizophrenie z.B. tritt familiär häufiger auf, zählt daher – im Vergleich zu z.B. Zwangsstörungen – zu den Bildern mit mehr genetischer Komponente.
Wiederum können ähnliche Erfahrungen und Ausgangsbedingungen bei unterschiedlichen Menschen zu unterschiedlichen Symptomen (Äquifinalität) und umgekehrt (Multifinalität, unterschiedliche Ausgangsbedingungen zu ähnlichen Symptomen) beitragen.
Da die Frage nach #Verantwortung aufkam, anknüpfend: Niemand "entscheidet sich" für eine psychische Störung. Es ist kein persönliches Versagen. Es ist ein multifaktorielles Geschehen – mit biologischen, sozialen, lebensgeschichtlichen Anteilen.
Es gibt ein Paradox bei Entstigmatisierung. Eine Meta-Analyse von Kvaale et al. (2013) fand: Rein biogenetische Erklärungen ("Hirnkrankheit") reduzieren bei Laien zwar Schuldzuschreibungen – erhöhen aber wahrgenommene Gefährlichkeit & sozialen Abstand. (doi.org/10.1016/j.so...).
Daraus könnte man, wenn man wollte, nun ableiten: "Du kannst nichts dafür, du bist krank" sei als Stigma-Strategie nur bedingt hilfreich. Es kann sogar essentialistisches Denken fördern: "Menschen sind halt so, grundlegend anders." Das kann Distanz erhöhen statt sie abzubauen.
Wichtig ist daher, im Kopf zu behalten, dass Diagnosen künstliche Einheiten sind, die sich geschichtlich wandeln. Die neue ICD-11 (World Health Organization) und das DSM-5-TR (American Psychological Association) etwa nehmen eher dimensionale Ausprägungen an.
(Hier eine Einführung in Neuerungen im ICD-11: doi.org/10.1007/s00278-024-00720-x)
Es mag eine Idee sein, dass Diagnosen die effektive Kommunikation zwischen Fachpersonen erleichtern, aber es gibt auch Stimmen, die betonen, das sich präsentierende Phänomen dürfe nie aus den Augen verloren werden.
Da es mir gerade auf den Bildschirm flog: "Alle Erklärung muß fort, und nur Beschreibung an ihre Stelle treten" (Wittenstein, 1999, 109, www.wittgensteinproject.org/w/index.php/...). Nicht zu 100%, natürlich braucht es auch Erklärungen, um gezielt intervenieren zu können.
Philosophische Untersuchungen - The Ludwig Wittgenstein Project

Und dann bleibt auch die Frage, wie – wenn Menschen die Kriterien zur formalen Vergabe einer psych. Diagnose erfüllen – das vergleichbar ist. Psych. Gesundheit ist nicht die Abwesenheit von Krankheit (WHO), sondern verändert sich & liegt auf einem Kontinuum, so heutig vorherrschende Auffassung.
Ist eine Person mit einem, sagen wir, BDI (Depressions-Fragebogen) Wert von 14 (unterer Cutoff milde Depression) "weniger mild depressiv" als eine Person mit einem Wert von 19 (oberer Cutoff milde Depression)?**
(**Vielleicht ein plattes Beispiel, es soll mehr veranschaulichen, dass es sich lohnt, nicht zu vergessen, dass es sich um Konstrukte handelt.)
Daher mag es zuversichtlich Stimmen, dass das Wissen um/die Vertrautheit mit diesen Konstrukten diskriminierende Reaktionen zu reduzieren vermag (pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/12866388/).
An attribution model of public discrimination towards persons with mental illness - PubMed

In this study, we build on previous work by developing and estimating a model of the relationships between causal attributions (e.g., controllability, responsibility), familiarity with mental illness, dangerousness, emotional responses (e.g., pity, anger, fear), and helping and rejecting responses. …

PubMed
Es gibt noch viele weitere Ansätze, die hier den Rahmen sprengen würden, aber ich möchte kurz die kritische Psychologie zumindest benennen, die sich subjektwissenschaftlich versteht und z.B. Unterscheidung vorschlägt ... ⬇️
... zwischen Bedingtheitsdiskurs vs. Begründungsdiskurs. Im Bedingtheitsdiskurs "passiert" Menschen etwas. Im Begründungsdiskurs handeln Menschen AUS GRÜNDEN – auch wenn Verhalten leidvoll ist. Hier zwei Lesezeichen: www.glasnost.de/autoren/krau...; www.kritische-psychologie.de/files/FKP_36...
GLASNOST Berlin - Hartmut Krauss: Zum konzeptionellen Kern des Widerstreits zwischen traditioneller und Kritischer Psychologie

"Bedingtheitsdiskurs" versus "Begründungsdiskurs". Zum konzeptionellen Kern des Widerstreits zwischen traditioneller und Kritischer Psychologie

Was ich zum Thema Verantwortung nicht verschweigen mag: Natürlich kann professionelle Unterstützung helfen, einen Umgang mit Leid zu finden, mehr zu verstehen. Hier eine Übersicht vieler, teils auch sehr niedrigschwelliger Hilfsangebote (z.B. Chat, Telefon): www.hilfe-info.de/Webs/hilfein...

Psychologische Unterstützung: ...
Psychologische Unterstützung: Wer hilft mir wann?

Ängste, Schlaflosigkeit, Trauer: Eine Straftat hinterlässt häufig auch Spuren, die unsichtbar sind. Zahlreiche Stellen bieten professionelle Unterstützung bei der Verarbeitung des Erlebten an.

Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz