Die jüngste Ausgabe von #WindUndWurzeln heißt "SocialMedia: Wie wir gleichzeitig unsere Kinder und unsere Demokratie retten":

Wirklich kein dünnes Brett was da unter die Bohrmaschine gelegt wird, aber eines der wichtigsten, die aktuell gebohrt werden müssen.

Sehr gut also, dass sich @afelia diesem Thema stellt 👍. Klare Hörempfehlung!

https://wind-und-wurzeln.podigee.io/10-neue-episode

Die Episode ist ein super Anlass, mal grundlegend über die Zukunft von Social-Media zu diskutieren: Was ist wünschenswert, was ist realistisch, was ist die Schnittmenge von beidem und wie kommen wir dahin.

Weil ich bisher keine *inhaltliche Auseinandersetzung* mit der Episode gefunden habe, fange ich hier jetzt mal einen Thread 🧵 dazu an.

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Social Media: Wie wir gleichzeitig unsere Kinder und unsere Demokratie retten

TikTok, Instagram, Snapchat & Co: Während Australien es bereits durchgezogen hat und Spanien, Frankreich und auch deutsche Parteien über Social-Media-Verbote für unter 14- oder 16-Jährige diskutieren, ist für viele junge Menschen das Netz ein Ort, an dem sie sich gesehen und sicher fühlen und die wichtigste Quelle für politische Information. Wir sprechen darüber, warum der Vergleich von Social Media mit Rauchen und Alkohol hinkt – und weshalb Social Media für viele Jugendliche Bildung, politisches Bewusstsein, Freundschaften und Zugehörigkeit ermöglicht. Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung zeigt: 74 Prozent der jungen Menschen in Deutschland informieren sich politisch über Social Media – mehr als über Schule, Familie oder Freund:innen.Marina, die selbst ein "Internetkind" ist, spricht über reale Gefahren und echte Lösungen.

Wind und Wurzeln - mit Marina Weisband

Was wünschenswert ist, wird in der Episode wie folgt charakterisiert (Beiträge von Marina und Dirk sinnwahrend gekürzt und kombiniert): "Wir verbieten Werbung an Jugendliche auszuspielen. Dann verdienen die Plattformen kein Geld mehr damit problematische Inhalte an sie auszuspielen. Oder viel besser, schaffen wir Alternativen. Es gibt ja Plattformen, die anders funktionieren z.B. BlueSky und Mastodon, die haben beide keine Algorithmen. Mastodon ist nur leider unfassbar unattraktiv für Jugendliche. Sorry, aber das ist nicht das, was junge Menschen auf sozialen Medien suchen. Das ist aber ehrlich gesagt auch kein Hindernis. Es braucht eben dezentrale Plattformen, die für Jugendliche und mit Jugendlichen entwickelt sind, aber eben nicht in erster Linie Shareholdern verpflichtet sind."

2/

Das klingt zwar schön (aka wünschenswert), ist aber aus meiner Sicht überhaupt nicht realistisch. Für mich hat die Episode hier einen kritischen blinden Fleck: Wie würden die

*Anreizstrukturen*

auf so einer Plattform aussehen? Keine Werbung heißt: sehr schwierige Monetarisierung und das betrifft die Plattform und (noch wichtiger!) den Content. Die großen Plattformen sind halt auch deshalb so beliebt, weil es dort für jeden Geschmack unendlich viel Content gibt, in den z.T. richtig viel Aufwand fließt. Und das passiert nur, weil klare monetäre Anreize existieren.

Ich sage nicht, dass das ein unlösbares Problem ist, aber die Anreizstrukturen müssen mMn mitgedacht werden, sonst ist die ganze Diskussion nur Träumerei.

3/

Eine Patentlösung habe ich auch nicht, aber ich könnte mir eine Micro-Payment-basierte Lösung vorstellen: Auf Twitch und Youtube bekommen Creator:innen durch Direktspenden und über monatliche Abbos Geld und die Plattform schneidet sich auch noch einen Teil ab. Kann man doof finden, ist aber ein viel ehrlicheres Geschäftsmodell als personalisierte Werbung. Grundsätzlich sollte sowas im Fediverse auch möglich sein, und ggf. ist #Wero sogar ein Teil der Infrastruktur dafür.

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Jedenfalls wäre es aus meiner Sicht ein wichtiger Schritt mit Creator:innen zu sprechen. Die finden die Abhängigkeit von den Plattformkonzernen ja sicher auch nicht gut, und haben andererseits offenbar Peilung davon, was ihre Zielgruppe will. Und eine kritische Masse an Creator:innen zum Plattformwechsel zu bewegen (z.B. 100) ist vermutlich immer noch leichter, als Millionen von Jugendlichen, zumal gerade diese Zielgruppe nicht dafür bekannt ist, rationalen Argumenten ihr eigenes Wohlergehen betreffend besonders viel Aufmerksamkeit zu schenken.

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Aber 100 professionelle Creator:innen zum Plattformwechsel zu bewegen, kann aus meiner Sicht noch nicht jetzt erfolgen. Dazu ist das Fediverse aktuell weder technisch noch kulturell in der Lage. Zunächst braucht es "early adopter", also mutige Leute, die Möglichkeiten ausloten, abseits der problematischen Plattformen mit Content ein relevantes Einkommen zu erziehlen und die Hürden dabei identfizieren, sodass diese technisch gelöst oder durch clevere Praxis umschiffbar werden.

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Wir als bisherige Fediverse-Community haben mehrere wichtige Aufgaben: 1. Müssen wir erkennen, dass Social-Media in den kommenden Konflikten zwischen Autokratie und freiheitlicher-demokratischer Grundordnung vermutlich der zentrale Schauplatz sein wird. Konzerngelenkte Plattformen sind dann natürlich ein massiver Nachteil für das Team fdGO. Jedes Prozent mehr Marktanteil für das Fediverse kann entscheidend werden.

2. Heißt das, dass das Fediverse wachsen muss und zwar massiv. Wir sollten dieses Wachstum positiv mit Willkommenskultur begleiten. @kattascha hat das im #DiDay-Kontext sehr treffend formuliert:

https://chaos.social/@kattascha/115853423864319155

3. Auch die Early Adopter kommen (und bleiben) nicht von alleine. Auch dafür braucht es Überzeugungsarbeit und Support.

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Katharina Nocun (@[email protected])

Anlässlich des #DiDay dürften hier einige neue Menschen dazustoßen. Daher bitte ich Euch inständig: Zeigt Euch von Eurer absoluten Schokoladenseite. Die Person verwechselt Mastodon & Fediverse? CMon, lasst bitte 5 gerade sein und schreibt keine wütende Abhandlung. Sie wissen es nicht besser und meinen es nur gut. Die Person ist immer noch bei WhatsApp? So what: Ein Schritt nach dem anderen. Druck & Shaming für alle, die nicht 100% geben hat uns noch nie weiter gebracht. Wir schaffen das!

chaos.social

Die #DiDaySupportCommunity ist eine mögliche Struktur dafür: Wir versuchen geziehlt Multiplikator:innen ins Fediverse zu hohlen bzw. organisieren eine Priese strategischen Rückenwind. Wer sich dafür interessiert kann gern mal in der Signal-Gruppe vorbeischauen: https://social.tchncs.de/@cark/115799205361982379

Das ist sicher nicht der Weisheit letzter Schluss, aber vielleicht dennoch ein kleiner Schritt, grob in die richtige Richtung. Und solche Schritte sollten wir mehr tun. Die große Vision vom "perfekten sozialen Netzwerk" ist wichtig und richtig. Aber die kleinen machbaren Schritte sind in der Summe mindestens genau so wichtig. Und sie haben einen Vorteil: man kann sie selbst umsetzen.

8/

CarK :python: (@[email protected])

Aus meiner Sicht ist der #DIday von @[email protected] eine sehr gute Gelegenheit, das #Fediverse für den Mainstream-Diskurs relevanter zu machen – und damit die Gesellschaft unabhängiger von X, Insta, TikTok etc. Das ist aber kein Selbstläufer, sondern braucht Aktivismus. Ein sehr wichtiger Hebel sind naheliegenderweise Multiplikator:innen, z.B. Streamer oder Youtuber. Um diese fürs Fediverse zu gewinnen, könnte dedizierte Crowd-Lobby-Arbeit helfen, also z.B. Koordiniert Kommentare schreiben und hochvoten oder das Fediverse in den Commuity-Discord-Servern thematisieren. Alleine macht das weder Sinn noch Spaß, darum habe ich mal eine Signal Gruppe gegründet. Wer mitmachen will ist herzlich willkommen. EDIT: ii statt i im Link (Spam-Schutz) https://siignal.group/#CjQKIAbMYQ5sq9bz6Jogyscv0SM1AUeoz87-OXgGaRAduyG3EhD4kiwOYoE_P5leqQ4PVKt0 #39c3 #saveSocial #didit

Mastodon

Ein kleiner aber machbarer Schritt wäre z.B. wenn @Dirk dessen O-Ton in der Episode "Ich selber beteilige mich z.B. auf den Plattformen Blue Sky und Mastodon." lautet, mal wieder auf Mastodon postet, damit sein Beitrag vom November 2024 nicht mehr der aktuellste im Profil ist. (Vielleicht mag ihn jemand von @PerspectiveDaily mal bei Gelegenheit darauf ansprechen).

9/

Fazit: Der Titel "SocialMedia: Wie wir gleichzeitig unsere Kinder und unsere Demokratie retten" verheißt Großes. Die Lösungsvorschläge von @afelia in der Episode werden diesem Anspruch mMn zwar nicht gerecht, sind aber ein wichtiger Diskussionsbeitrag.

Nur: Die Diskussion muss halt auch weiter geführt werden und zwar nicht nur visionär-träumerisch sondern auch pragmatisch-lösungsorientiert.

Der Thread ⬆️ ist ein Versuch dazu.

10/10

@[email protected] danke für den Thread! Und @afelia, danke für den Podcast.
Ich selbst habe als Jugendlicher auf dem Land durch Twitter sehr viel gelernt und mitgenommen (ja, ich habe auch einen Abstecher zu den Jungen Piraten gemacht). Ich glaube, das ist auch ein Grund, warum ich Mastodon so spannend finde.
@cark, ich stimme dir zu, dass wir aktuell von den technischen Nutzungsrealitäten weit entfernt sind und die beschriebenen Ideen nicht kurzfristig umgesetzt werden können.
Ich frage mich aber auch in den letzten Wochen immer mehr: Was bräuchten wir denn an Organisationen und Netzwerken um das Fediverse herum, um so etwas Realität werden zu lassen?
Denn so etwas zu bauen wäre technisch teuer und bräuchte die Unterstützung und das Testing vieler Organisationen und Jugendlicher. Zu guter Letzt wären auch leichte kulturelle technische Anpassungen nötig. Grundsätzlich wäre es ja möglich, abgesehen von der fundamentalen Technik und rechtlichen Struktur.
Deswegen die Frage: Was hält uns zurück? Und wie können wir das aufbauen?
Damit wir solche schönen und vor allem notwendigen Zukünfte erschaffen können. 🤔

@sabrinkmann

> Was bräuchten wir denn an Organisationen und Netzwerken um das Fediverse herum, um so etwas Realität werden zu lassen?

Naive Antwort: eine Organisation (z.B. ne Stiftung) mit tiefen Taschen die hinter dem Fedi steht und es pusht. Die könnte z.B. die technische Entwicklung beschleunigen, experimentelle Konzepte umsetzen, gezielt Lobbyarbeit und Marketing machen etc.

Das wäre aber mit dem Dezentralitätsgedanken unvereinbar. Realistisch gesehen braucht es also a) eine Quelle von Ressourcen ("die tiefen Taschen") und b) einen Koordinationsmechanismus, der diese Ressourcen effektiv mit Fokus auf das allgemeine Wohl des Fediverse einsetzt, ohne dass irgendwo eine kritische Machtkonzentration entsteht. Klingt doch gar nicht so schwer, oder? 😉

CC: @afelia

@cark Also brauchen wir ein föderierendes Netzwerk an Organisationen die Resourcen sammeln um sie dann aufzuteilen. Dabei ständig in Balance bleiben müssen um wirklich dezentral zu sein 🤔
Das würde dann doch ganz gut ins Fediverse passen! :D

> Klingt doch gar nicht so schwer, oder? 😉
Yes. Müssten ja nur damit Anfangen...

CC: @afelia

@sabrinkmann

Ich meinte mit Koordinationsmechanismus nicht in erster Linie die technische Ebene sondern eher die soziale: Wenn es verschiedene Akteure gibt, die gemeinsam an einer wachstumsorientierten Verbesserung des Fediverse arbeiten, sind unterschiedliche Prioritäten, Meinungsverschiedenheiten und andere Reibungsverluste vorgesehen. In einer zentralen Orga kann man das durch kluges Management reduzieren. Dezentral ist das schwieriger. Vermutlich würde es auf ein Gremium hinauslaufen, welches "verbindliche" Entscheidungen treffen kann.

Aber das Gremium bzw. die Entscheidungen müssten irgendwie legitimiert werden... und spätestens dann kommen auch persönliche Befindlichkeiten mit rein.

Also nicht vielleicht doch nicht so einfach. 😉

Aber vielleicht gibt es auch andere Wege??