Ein paar unbequeme Wahrheiten zu dem überall hier so gern verbreiteten « das primitive Nazis-Dorf vs. die linksgrün-progressive Großstadt »-Narrativ.

Alle Terroristen des NSU wurden in einer Großstadt geboren und wuchsen in einer Großstadt auf. Sie entstammten akademischen Elternhäusern.
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#WalterLübcke wurde in dem Dorf (836 Einwohner) ermordet, in dem er lebte. Sein Mörder kam aus einer 30 Kilometer entfernten Großstadt, in der er total bürgerlich im eigenen Häuschen wohnte, und war im Haushalt eines „SPD-Wählers“ aufgewachsen, der „Ausländer“ und „[K-Wort]“ „hasste“, dessen Gesinnung er „irgendwann übernahm“.

Die Welt ist komplexer als viele es sich eingestehen wollen.

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@AwetTesfaiesus Hat halt auch damit zu tun, dass in der Schule, in der wir ja alle angeblich NS-Zeit rauf & runter lernen, viel zu kurz kommt, wie viele gebildete, bürgerliche Menschen nur zu gern auf den Faschismuszug aufgesprungen sind. Der Weg hin zu den KZs wird m.E. immer noch viel zu wenig unterrichtet ...
@lipow @AwetTesfaiesus Wird das heute überhaupt regelmäßig unterrichtet? Zu meiner Zeit (sehr lange her) musste ich das Thema aktiv wählen. Habe ich damals aus Interesse gemacht (und 1 Jahr auf Chemie & Physik verzichtet) weil mein Vater noch in den WW2 eingezogen wurde und viel dazu erzählt hat.
@DC4DD Ich weiß es nicht, wie das real aussieht. Ich weiß nur, dass ich bereits präpubertär über einschlägige Literatur gestolpert bin, mich das Thema nicht mehr losgelassen hat & ich daher immer schon mehr wusste, als in der Schule thematisiert wurde. Nach der Schule hatte ich zig Diskussionen mit Leuten, die meinten, dieses Thema wäre ihnen überdimensioniert oft aufgezwungen worden, was ja völlig unnötig wäre, da ja alle wüssten ... tja nun. @AwetTesfaiesus
@lipow @DC4DD alle wissen dazu etwas. Viel, viel zu oft nebensächliches

@AwetTesfaiesus @lipow @DC4DD
Ich habe ein paar Jahre als Schulsozialarbeiterin gearbeitet und dieses Thema mit Schüler:innen so besprochen, dass sie es fühlen konnten.
Dass sie das Grauen, die Hilflosigkeit, die Entrechtung, die Einsamkeit und den Verlust sämtlicher demokrat. Rechte, fühlen konnten.

Zahlen und Fakten machen Menschen nicht zu Antifaschisten. Sie müssen es fühlen. Sie müssen lernen sich in ein faschistisches System hineinfühlen zu können. Wie wäre es, wenn ich..?

@RitaWerner Ja, das ist sicher der Einstieg, auch wenn es nicht reicht. Aber das ist natürlich schwer zu vermitteln, wenn die, die es machen sollen, aus Täterfamilien kommen & das noch nicht aufgearbeitet haben, es noch sehr dicht dran ist. Ich hatte schon anderen Zugang, weil die Täter*innen meine Großeltern waren, nicht meine Eltern ... bei den Lehrenden meiner Schulzeit waren es noch die Eltern & älteren Geschwister ... @AwetTesfaiesus @DC4DD
@lipow @AwetTesfaiesus @DC4DD
Die meisten Schülerinnen damals waren die Enkel der Täter.
Ich komme auch aus einer Täterfamilie. Mein Vater war bei der Waffen SS ...Und ich habe sehr früh, dies bis heute, über dieses furchtbare Ungerechtigkeit, das Leiden der Menschen weinen müssen. Manifestiert hat sich mein Antifaschismus mit 16 Jahren beim Besuch der Gedenkstätte Dachau.
Man muss es fühlen können. Mitleid Entsetzen Trauer.
Erst dann sitzt es tief. Fakten und Zahlen können dann dazu kommen.

@RitaWerner

Mit dem man muß es fühlen können hast du schon Recht. Dachau fand ich sehr beklemmend, und das war ja eher das Vorzeige KZ der Nazis. Aber wie schon geschrieben, habe ich sehr gute Geschichtslehrer über viele Jahre gehabt.

Ich komme aus einer eher unbelasteten Familie, ein Opa ausgemustert, der andere bei der Reichsbahn, eine Großmutter bei den Adventisten, die andere im linken Umfeld aktiv gewesen. Die Eltern noch Kinder am Ende vom Krieg Insofern gab's da eher die Schilderungen über die Bombardierungen und Flucht, aber auch den Konsens, daß sich den ganzen Mist die Deutschen schon selbst eingebrockt haben und keinen Grund zum Jammern haben.

@lipow @AwetTesfaiesus @DC4DD