RE: https://mastodon.social/@JanaBallweber/116256922242782331

Gestern hatte ich einen der interessantesten Abende, die ich je im Internet verbracht habe. Überraschend viele Männer haben überraschend vielfältige Gedanken zu meiner Frage geäußert. Dafür schon mal Danke! Ich habe dazu einen ganzen Sack voll Gedanken, ein paar will ich hier gerne mit euch teilen, auch wenn es noch länger in mir arbeiten wird 1/x

Zunächst einmal: Wie gut, dass es das Fediverse gibt. Ein Ort im Internet, wo man (weitestgehend) unbehelligt von Trollen in einen echten Austausch kommen kann. Wo man sich über Reichweite freuen kann und nicht stattdessen Angst haben muss, wen man damit alles anlockt. 2/x
Natürlich gab es auch unter meinem Post Antworten, die ich inhaltlich haarsträubend fand. Darauf war ich vorbereitet und das ist in Ordnung, wenn man eine offene Frage stellt. Ich freue mich aufrichtig, dass hier auch Menschen untereinander ins Gespräch kamen. 3/x
Ich habe mich sehr gefreut, zu lesen, wie viele Männer sich offenbar intensiv mit diesem Thema auseinandersetzen, und zwar nicht nur auf einer theoretisch-politischen Ebene, sondern auf einer ganz persönlichen. Das gibt mir Hoffnung, das ist der erste Schritt. 4/x
Viele haben geäußert, dass sie das Gefühl haben, sich nicht gut genug auszukennen, um sich öffentlich zu äußern, und dass sie keiner Frau* den Platz wegnehmen wollen. Ich kann nur für mich sprechen: Ich verstehe diese Gedanken und glaube, sie entstehen aus der richtigen Motivation. Im Augenblick freue ich mich aber über alles, was mir das Gefühl gibt, dass das Thema Männer auch beschäftigt. Wenn ihr unsicher seid, teilt die Äußerungen von Betroffenen, um zu zeigen, dass euch das Thema bewegt.5/x
In meinem privaten Umfeld wird extrem viel über Pelicot, Epstein und andere gesprochen, auch weil man selbst immer wieder schlimme Dinge erlebt, die natürlich weniger gravierend sind, aber die man dennoch mit gutem Gewissen in ein Kontinuum des Sexismus stellen kann. Für mich fühlt es sich an wie ein fließender Übergang von „Hat nix gesagt als sexistische Witze gerissen wurden“ zu Übergriffigkeit, Diskriminierung und sexualisierter Gewalt. 6/x
Gott sei Dank gibt es in meinem Umfeld unglaublich viele wohlmeinende Männer, die sich aktiv mit dem Thema auseinandersetzen wollen. In diesen Gesprächen stelle ich immer wieder Parallelen fest. Die Scham über eigenes Fehlverhalten muss nicht dazu führen, dass man zu dem Thema die Klappe hält, im Gegenteil kann man daraus ableiten, sich nur umso energischer zu engagieren. 7/x
Nur weil ihr aus eurem privaten Umfeld keine (gravierenden) Fälle kennt, bedeutet das nicht, dass es sie nicht gibt. Es bedeutet vielleicht nur, dass ihr nicht die Person seid, der man sowas anvertraut. Auch daran kann man arbeiten. 8/x
Nur weil man eine bestimmte politische Einstellung hat, macht einen das nicht automatisch zum guten Mann. Wir haben alle patriarchale Mechanismen internalisiert – übrigens auch Frauen*. Das ist ein Grund, warum man manchmal Monate oder Jahre braucht, um zu verstehen, dass man missbraucht wurde. Auch und gerade linke Männer müssen sich dem aktiv stellen, wenn sie ihren eigenen Ansprüchen gerecht werden wollen. 9/x
Nicht jede Frau* hat immer und überall Lust, zum Thema Sexismus und Gewalt Bildungsarbeit zu leisten. Man erhält Informationen aber auch in Büchern, in Podcasts, online, usw. Nicht jede Frau will immer und überall Medientipps verteilen. Ihr könnt aber darum bitten, sofern ihr mit einer Absage umgehen könnt. 10/x
Freundet euch mit dem Gedanken an, dass Männer und Frauen* fundamental unterschiedlich auf diese Dinge blicken. Männer äußern zum Beispiel häufig Unverständnis darüber, wie man diese oder jene Übergriffigkeit anziehend finden kann. Für Frauen geht es dabei aber nicht um Sex, sondern um Gewalt und Macht. Es geht nicht um individuelle psychologische Abnormalitäten, sondern um eine gesellschaftliche Frage. 11/x
Oft wird in dieser Debatte die Frage gestellt, warum jeder ein Opfer kennt, aber niemand einen Täter. Seid euch sicher, ihr kennt Täter. Ich kenne Täter. Sie leben unter uns, manchmal kaum zu erkennen, oft gibt es deutliche Warnhinweise, wenn man ehrlich zu sich ist. Weil wir aber Missbrauch und Übergriffigkeit bis zu einem gewissen Maß normalisiert haben, nehmen wir sie nicht wahr. 12/x
Es gibt immer wieder Extremfälle von sexualisierter Gewalt, die viel Aufmerksamkeit erregen. Das macht es leicht, die Täter als abnormale Perverse abzustempeln, mit denen man als normaler Mann nichts zu tun hat. Das entspricht nicht der Realität. Dominique Pelicot hat Gisèle Unaussprechliches angetan, er hatte aber keinerlei Probleme, in einer Kleinstadt Dutzende Männer zu finden, die sie ebenfalls vergewaltigen wollten. 13/x
Im Zuge der Diskussion wird es in den kommenden Wochen viel um Netzpolitisches gehen. Strengere Gesetze gegen Deepfakes, aber auch Themen wie Haftungsprivileg und Klarnamenpflicht. Es gibt sehr gute Gründe, gegen solche Maßnahmen zu sein, ich bin es auch. Anstatt sich auf Betroffene zu stürzen, die in ihrer Verzweiflung ihre Hoffnung in so etwas setzen, kann man auch auf eine respektvolle Weise bessere Alternativen promoten. 14/x
Nicht zuletzt haben als Reaktion auf meinen Post viele Männer, offen oder in privaten Nachrichten, über eigene Missbrauchserfahrungen gesprochen. Es darf niemals passieren, dass individuelles Leid kleingeredet wird, weil es auf der anderen Seite ein systemisches Problem gibt. Diese Erzählungen müssen ihren Platz in der Öffentlichkeit haben, auch männlichen und nicht-binären Betroffenen muss geglaubt werden. 15/15
Zum Schluss eine neue Frage ans Fediverse, das nach meinem Eindruck immer noch sehr männlich geprägt ist. Wollt ihr mehr Frauen*/Feminismus-Themen?
Ja
88.3%
Nein
4.1%
Kommt darauf an
7%
Gehört zu Frauen-Themen auch Menstruation?
0.6%
Poll ended at .
@JanaBallweber Männlich geprägt sehe ich das Fediverse eher nicht. Anscheinend bin ich in mehreren Bubbles mit sehr hohem Frauenanteil unterwegs.
@aoeBerlin
Sehe ich genauso.
@JanaBallweber