Liebe Männer, ich habe eine Frage. Bei fast allen Frauen* in meinem Umfeld ist geschlechtsspezifische, oft sexualisierte Gewalt gerade DAS Thema, sei es durch Pelicot, Epstein, jetzt Ulmen oder eigene Erlebnisse, die durch die "großen" Fälle in einen systemischen Kontext gestellt werden.
Warum äußern sich so wenige Männer dazu? Ist es kein wichtiges Thema? Wisst ihr nicht, was ihr sagen sollt? Wie ihr es sagen sollt?
Das soll keine Anklage sein, sondern aufrichtiges Interesse an euren Gedanken.
@JanaBallweber EIn paar Gedanken als Mann dazu. Zum einen äußere ich mich zu vielen Themen von mir aus nicht. D.h. nicht, dass die Themen nicht relevant sind, es heißt nicht, dass ich sie unterstütze oder ablehne. Es gibt Themen, die berede ich nur im engen Bekanntenkreis, es gibt Dinge, die will ich gar nicht bereden, etc.
Ich mag kein virtue signaling, ich mag kein Dampfgeplaudere, ich mag keine Spekulationen, ich mag keine Gerüchte.
@JanaBallweber Zum zweiten habe ich tatsächlich Vertrauen darauf, dass - sobald juristische Öffentlichkeit hergestellt ist, alles seinen geregelten Weg geht. Das mag naiv sein, ist aber meine Einstellung. Ich will deshalb keine Forke und Fackel packen und mich der öffentlichen Meute verurteilend anschließen.
@JanaBallweber Drittens gehe ich davon aus, dass sich mein direkter Bekanntenkreis einig in der Ablehnung von sexualisierter Gewalt ist. Ich persönlich habe selber keine erlebt, ich meine, dass ich keine beobachtet habe. In für mich grenzwertigen Situationen versuche ich einzuschreiten. Ich hoffe und glaube, niemals zum Täter geworden zu sein. Ich verstehe die Täter nicht, nicht die übergriffigen Chefs, nicht die Grenzen überschreitenden "Anbaggerer", nicht die devianten Partner.
@JanaBallweber Für mich ist es selbstverständlich, dass Taten wie von Pelicot, Epstein etc. verfolgt und verurteilt werden. Von mir als Mann zu verlangen, dass ich das öffentlich sage, wäre ähnlich, wie von Muslimen die öffentliche Distanzierung vom IS zu fordern. Die Forderung hinterlässt bei mir den Eindruck, man würde mir die Akzeptanz unterstellen, wenn ich mich nicht äußere. Und da werde ich tatsächlich bockig.
@JanaBallweber Das heißt nicht, dass ich mich einem Gespräch verweigere. Wenn man mich zum Thema fragt, wird man meine Meinung dazu hören - und die ist sehr entschieden. Ich werde aber nicht der tausendste Mann sein, der "schlimm, schlimm, schlimm" öffentlich postet, weil das ja jetzt alle von mir "als Mann§ erwarten und man das "so macht". Ich halte das nicht für progressiv, ich bin mir über die Ehrlichkeit dahinter manchmal nicht sicher. Ich mag das nicht.
@JanaBallweber Und deswegen ist das das einzige, was man öffentlich im Kontext von Pelicot, Epstein und wohl auch Ulmen von mir lesen können wird.