Die Linke in Niedersachsen hat also (unter entscheidender Mitwirkung von im Fediverse sehr aktiven Personen) einen "antizionistischen" Beschluss gefasst. Und weil man ja nicht den Eindruck erwecken möchte, dass "Antizionismus" lediglich ein Platzhalter für Antisemitismus ist, hat man gleich die Klarstellung nachgeschoben, dass man lediglich real existierende Ausprägungen des Zionismus meine.

Im Wortlaut also: "Die Linke Niedersachsen lehnt den heute real existierenden Zionismus ab." Wer im Beschluss (https://www.die-linke-oldenburg.de/fileadmin/user_upload/A01_geaendert.pdf) schaut, findet allerdings keine Erklärung, welcher real existierende Zionismus das sein soll.

Wikipedia hat eine gute Definition für Zionismus:

"Der Zionismus ist sowohl eine Nationalbewegung als auch eine ethnonationalistische Ideologie, welche die Errichtung eines jüdischen Nationalstaats in Palästina anstrebte und diesen nach der Gründung des Staates Israel 1948 bewahren und verteidigen will."

Also, die Errichtung eines jüdischen Nationalstaates ist Vergangenheit, die kann nicht mehr gemeint sein. Bleibt dann also die Bewahrung und Verteidigung. Das ist das, was ich als "heute real existierenden Zionismus" kenne. Und deswegen spricht dieser Beschluss auch in dieser "entschärften" Fassung Israel das Existenzrecht ab.

Ich glaube durchaus, dass viele, die für diesen Beschluss gestimmt haben, das nicht so meinen. Sie haben schlicht keine Ahnung davon, was Zionismus ist, weswegen er sich sehr schön als Projektion für alle möglichen Feindbilder missbrauchen lässt. Rassismus an israelischen Grenzübergängen? Zionismus! Israel führt Krieg in Gaza? Zionismus! Gewalttätige Siedler im Westjordanland? Zionismus! Immerhin lassen sich letztere womöglich tatsächlich von zionistischer Ideologie leiten, wobei ich eher auf plumpen Nationalismus und teilweise religiösen Fanatismus tippe. Aber diese Tendenz, Israel und Zionismus zu verteufeln, hat in linken Kreisen eine lange Tradition (https://fathomjournal.org/soviet-anti-zionism-and-contemporary-left-antisemitism/).

Wisst ihr, wo man noch Feindbilder auf einen Begriff projiziert, von dem man nichts weiß? Beim Judentum. Es gibt sogar Studien, die zeigen, dass Antisemitismus sehr gut ohne Juden gedeiht. Man kann viel einfacher alle möglichen Vorurteile auf Juden projizieren, wenn man nie welche getroffen hat.

Dafür, dass Antizionismus nicht bloß verkappter Antisemitismus sein soll, sind die Parallelen dann doch erstaunlich deutlich.

@Newstrujew

Die Frage ist wohl immer, ob jemand unter Zionismus eine nationalistische Bewegung mit dem Anliegen, einen ethnonationalistischen Staat zu errichten, versteht, oder ob der Begriff synonym verwendet wird, um das Recht von Jüdinnen und Juden, sich im Rahmen eines eigenen Staates selbst schützen zu können, zu benennen. Dabei ist natürlich immer kritisch zu hinterfragen, was dieses „eigene“ praktisch im Blick auf z.B. die Gesetze und andere Bevölkerungsgruppen meinen will. Seit dem 7.10. habe ich den Eindruck, dass Zionismus vor allem das eigene Lebens- und Existenzrecht von Jüdinnen und Juden meint, das ihnen mit dem Angriff der Hamas abgesprochen wurde. Dass in diesem Kontext „Zionismus“ abgelehnt wird – im Kontext einer Selbstverteidigung des jüdischen Staates - hat dann schon eine antisemitische Konnotation. Zumal die gleichen Leute, die einen jüdischen Staat ablehnen, gleichzeitig einen palästinensischen einfordern, was widersprüchlich ist.

@taupunkt Ich war etwas verwirrt, warum du die beiden Interpretationen des Zionismus in einem Widerspruch zueinander siehst. Aber du meinst mit der Errichtung eines ethnonationalistischen Staates vermutlich einen überwiegend monokulturellen Staat wie Deutschland?

Zionismus war eine sehr diverse Bewegung. Ich weiß dementsprechend nicht, ob es da nicht auch Strömungen gegeben hat, die einen Staat nur für Juden haben wollten. Aber das, was ich kenne, hatte schlicht einen Staat zum Ziel, wo Juden keine Minderheit mehr und entsprechend sicher vor Verfolgung sind. Israel ist ethnisch, kulturell und religiös sehr viel diverser als beispielsweise Deutschland - das sieht man schon an deren Parteienlandschaft. Netanjahu führt gerade eine Koalition aus fünf Parteien an, und das ist für Israel typisch.

Ohnehin ist die zionistische Bewegung Vergangenheit, sie hat ihr Ziel vor fast acht Jahrzehnten erreicht. Mir ist aktuell keine zionistische Bewegung bekannt, und auch die Antizionisten sagen nicht, wen sie überhaupt meinen. Man könnte allenfalls sagen, die Siedler im Westjordanland wären zionistisch motiviert. Aber selbst diese Interpretation ist fraglich, denn es scheinen hier eher Nationalismus und zum Teil religiöser Fanatismus eine Rolle zu spielen.

Was ich heute als Zionismus kenne, ist bloß die Idee, dass Israel weiterbestehen sollte. Diese wird von der überwiegenden Mehrheit aller Juden (nicht nur in Israel) geteilt.

Ein Erik Uden hat dann natürlich völlig andere Ideen, was Zionismus sein sollte. Na gut, er muss es ja auch wissen, weil... ich weiß nicht, weil weißer Deutscher? /s

@Newstrujew "Israel ist ethnisch, kulturell und religiös sehr viel diverser als beispielsweise Deutschland - das sieht man schon an deren Parteienlandschaft."

Das wäre noch der nächste Punkt. Das eine ist die Auseinandersetzung mit der Frage mit Zionismus als Ideologie, die aber eben, wie Du sagst, sehr vielfältig ist (ich habe übrigens auch den Eindruck, bei den rechten Politikern in Israel ist es eben nicht nur die Idee, dass Israel fortbestehen soll), und auf der anderen Seite die Frage, wie denn dieses real existierende Israel ist. Und da hast du eben 20% arabische Israelis, an allen großen Einrichtungen und Behörden neben Hebräisch auch Arabisch und Englisch.

@taupunkt Rechte Politiker*innen sind halt rechte Politiker*innen. In Deutschland hetzen sie gegen Syrer und Afghanen, in Israel gegen die Palästinenser. Die brauchen da keinen Zionismus für.