Wirklich geniale Ausbeute zweier Bücherschränke.
Wirklich geniale Ausbeute zweier Bücherschränke.
Beim Versuch, diese Prachtausgabe des DEKAMERON ohne Jahr selbst zeitlich einzuordnen [1958], schaute ich mir zuerst den Wikipedia-Eintrag zum DDR-Buchkünstler Werner Klemke an, den ich von seinen Magazin- und anderen Buchillustrationen wie den Grimmschen Märchen her schon kannte. Ein beeindruckender stiller Mensch offenbar - mit einer Geschichte als Widerstandskämpfer, dessen Gruppe 300 jüdische Menschen vor der Deportation bewahrt hat.
Da im Impressum unten eine "Lizenz-Nr." auftaucht, die mit "/60" endet, und ganz unten mittig noch eine einzelne "2" steht, dachte ich, es könnte sich auch um eine 2. Auflage 1960 handeln - und so verhält es sich wohl auch:
https://de.wikipedia.org/wiki/Lizenznummer
Diese hübsche und gut erhaltene Ausgabe ist also von 1960 - älter als ich, wow.
Wie so oft ergeben sich Querverbindungen bei den aktuellen Lektüren, und Trojanow/Hoskoté erklären mir die diversen östlichen Quellen für das Dekameron.
Wen's interessiert: Unterkapitel "DJ Boccaccio und der große 14.-Jahrhundert-Remix", Seiten 77-83
Attached: 1 image Wollte ich schon seit 18 Jahren einmal lesen, nun hat Bruder Zufall es mir zugeführt. #IlijaTrojanow #RanjitHoskoté
Der gute @molosovsky hat mir übrigens die richtige Lesehaltung für solche Monumentalwerke wie das DEKAMERON neulich erst beibringen müssen: Man liest sie etappenweise, mit Pausen.
Nun schmökere ich gezielt die Geschichten eines Tages, also so ungefähr hundert Seiten, und dann wechsle ich die Lektüre. Funktioniert super! Bin gerade, nachdem ich mich schon richtig darauf gefreut hatte, mitten im zweiten Tag und habe viel Spaß damit.
"Denen aber, die da behaupten, meine Geschichten entsprächen nicht dem wahren Ablauf der Dinge, wäre ich verbunden, wenn sie mir diesen übermitteln wollten. [...] Solange ich indessen nichts als Worte höre, mögen sie bei ihrer Meinung bleiben wie ich bei der meinen, denn ich denke von ihnen das gleiche wie sie von mir."
Giovanni Boccaccio
(Dekameron, Vorrede zum vierten Tag, Seite 431)
Die gelegentlich eingestreuten "Lieder" ertrage ich übrigens nicht. Die überblättere ich inzwischen rigoros.
(Nach dem Lesen des vierten Tags gesendet.)
"Und jeder lebte mit seiner Gattin noch lange Zeit glücklich in seinem Vaterlande."
Es geht krass zu bei Boccaccio, aber einzig unangenehm finde ich eigentlich die Geschichten, in denen Männer vor Liebe entbrennen und die Frauen, die von ihrem "Glück" nichts wissen, halt entführen, und irgendwann werden die Männer dann zurückgeliebt, und anschließend in der Rahmenhandlung seufzen die versammelten Damen und loben die schöne Geschichte.
(Dekameron, Aufbau 1960, Seite 560)