Das ist wirklich eine hochspannende Folge. Und nach dem Hören ist es gar nicht so einfach darauf mit einem Kommentar zu reagieren. Denn inhaltlich passiert so viel in eurem Gespräch. Dennoch will es ich versuchen und fange einfach mal an. Verzeiht mir, wenn ich dabei nur ein paar Aspekte herausnehme. Am liebsten würde ich per Sprache darauf reagieren, aber so eine Funktion bieten Podcasts (leider noch) nicht.
Ich bin zum ersten Mal in der 1980ern mit dem Thema Krieg im Videospiel in vermutlich mit Wolfenstein 3D in Berührung gekommen. Böse Deutsche, gute Amerikaner usw. – das klassische Programm. Scheinbar hat mich das so sozialisiert, dass dieses Narrativ zu einer Normalität für mich wurde. Denn auch bei den ersten Call of Duty oder Medal of Honor Spielen habe es nie hinterfragt. Und krasserweise hat es mich dann zum ersten Mal so richtig in Videospielen (ebenfalls Call of Duty) gestört, als Muslime als Feindbilder dargestellt wurden. Das hatte mich abgestossen.
Merkwürdigerweise funktioniert es aber auch heute noch für mich in bspw. in der Sniper Elite Reihe. Die spiele ich nämlich wirklich gern. Hier sind die Feinde ebenfalls die Deutschen. Der Held ist ein Engländer. Die Deutschen des Dritten Reichs sind mittlerweile so abstrakt, dass sie schlichtweg als Tontauben bzw. zum Entenschiessen geeignet sind. Das Spiel bietet auch nicht wirklich einen ideologischen Raum, der moralische Konflikte thematisieren könnte. Es spielt eher in einer „Zeitkapsel“ und zack… noch drei weggeballert.
Es ist sicher auch wirklich nicht einfach den Krieg in einem Videospiel angemessen darzustellen. Schon in anderen Medienformen gelingt das oft nicht. Wobei ich als Positivbeispiele die folgenden Filme erwähnen möchte: Der schmale Grat (Terrence Malick), 1917 (Sam Mendes), Im Westen nichts Neues (Edward Berger) oder The Outpost (Rod Lurie) – um nur ein paar zu nennen.
Vor einiger Zeit habe ich 11-11 Memories Retold auf meiner PS4 gespielt. Das hatte mich sehr beeindruckt. Es ist quasi ein Gegenentwurf zu Shootern wie CoD und arbeitet stark mit Kunstmitteln. Es erzählt die sehr persönliche Perspektive zweier Protagonisten, die auf beiden Seiten des Ersten Weltkriegs stehen. Ich habe sogar einen kleinen Einblick bei VSG dazu hinterlassen.
Abseits von solchen „erzählenden Formaten“ gebe ich euch vollkommen recht. Den „echten“ Krieg will niemand spielen. Denn das wäre unerträglich. Die Spielform in Shooter bspw. muss daher immer abstrakt, schemenhaft und reduziert sein. Eine Schiessbude, die einen niemals wirklich nachdenken lassen will. Anders würde es in der Logik von solchen Videospielen nicht funktionieren.
Der Konflikt ist vielleicht einfach schon in Medium angelehnt, weil viele Videospiele als Spaß, Unterhaltung oder Eskapismus nutzen. Sie wollen eben gerade von Alltag entfliehen und nicht grauenhafte Szenen nach dem Feierabend nachspielen. Mir geht es auf jeden Fall so. Für mich ist die Tagesschau schon Horror. Dann spiele ich lieber The Witcher oder Cyberpunk. Wobei: letzteres ist auch sehr politisch. Fühlt sich allerdings nicht nach Krieg an, weil es so fiktiv ist. Fiktion ist erträglich, die Realität of weniger.
Anders ist es bei beispielsweise bei Spielen wie Through the Darkest of Times, weil es moralische Entscheidungen nachvollziehbar und erlebbar macht. Solche Spiele treten aus der Abstraktion heraus und sprechen einen persönlich an. Das macht aber (ich hoffe ich werte damit nichts ab) weniger Spaß, weil man konfrontiert wird und schon einen gewissen Willen haben muss, das Spiel zu spielen aus meiner Sicht. Gleichwohl bin ich sehr froh, dass Studios wie Paintbucket Games sich der Verantwortung stellen und uns so tolle Spiele geben, die so wichtig sind und zum Glück auch immer mehr Verbreitung finden. Auch dafür liebe ich dieses Medium. Es reift immer weiter und kann heute Dinge, ich in den 1980ern undenkbar waren.
Nochmals danke für euer tolles Gespräch!