Arnd Henze: Mit Gott gegen die Demokratie

Arnd Henzes Buch kommt zur rechten Zeit. Angesichts der sich überschlagenden Nachrichtenlage in den USA schärft Henze unseren Blick für Entwicklungen, die vielfach bewusst und in ihrer Tragweite oft unverstanden sind:

Welchen Einfluss haben religiöse Ideologien auf die Trump-Regierung? Und warum geht der christliche Nationalismus uns alle an? Denn was in den USA geschieht, halt weltweite Auswirkungen. Daher «erweist sich der christliche Nationalismus als eine der gefährlichsten Ideologien der Welt».

In seiner Einleitung bringt Henze das Bedrohliche dieser Bewegung auf den Punkt. Die Anhänger des christlichen Nationalismus messen ihren Präsidenten nicht an politischen Massstäben oder Erfolgen im klassischen Sinn. Sie sind auch keineswegs abgeschreckt von Unwahrheiten und Beleidigungen, der Zerstörung traditioneller Freundschaften oder der Destabilisierung internationaler Beziehungen.

«Sie lieben ihn nicht trotz, sondern wegen seiner Verachtung für alle Grenzen des Respekts und des Anstands.»

Wer diese Menschen verstehen will, darf nicht nach ihren Zielen im Sinne irgendeiner guten Politik fragen. Der Antrieb ist einfacher, brutaler: Der Wunsch nach Rache. Es geht um die Zerstörung der liberalen Welt und ihrer Werte. Christlicher Nationalismus ist keine homogene Bewegung, die eine gemeinsame politische Vision teilt.

Diese Bewegung wird in erster Linie durch gemeinsame Gegner, in ihrem Empfinden Feinde, zusammen gehalten.

Dagegen sein, gegen alles, was links, woke, liberal, für Vielfalt und Inklusion ist, und sich dabei auf das abstrakte Ideal einer christlichen Nation beziehen; das verbindet.

Die religiöse Ideologie hinter der Macht

Im ersten Teil gibt Henze einen kundigen Überblick, wie stark die Trump-Administration von christlichen Extremisten geprägt ist. Er zeigt, dass es dabei schon längst nicht mehr um einzelne konservative Wertvorstellungen geht. Henze zeichnet nach, wie der ca. 1000-seitige Text des Project 25 als Blaupause einer revolutionären Umgestaltung der amerikanischen Gesellschaft dient.

Es geht um eine ganz andere Art der Politik. Diese Politik zielt auf eine möglichst umfassende Machtkonzentration beim amerikanischen Präsidenten. Er soll den vermeintlich durchdringenden Einfluss («deep state») des politischen Establishment (gemeint sind immer Demokraten und die Republikaner in ihrer früheren Gestalt) beseitigen.

Die martialische Rede des US-Präsidenten von Rache und Vergeltung spricht die Sprache apokalyptischer Vorstellungswelten, in der sich viele christliche Nationalisten schon lange bewegen.

Sie glauben nicht an einen Gott, der alles zurecht bringt. Zuerst glauben sie an einen Gott, der strafen und diese Welt zerstören wird, bevor es für sie allein gut wird – in einer anderen, neuen Welt.

Henze zeichnet gekonnt das Spektrum dieser Bewegung an massgeblichen Personen aus dem inneren Führungskreis nach. Pete Hegseth, Russell Vought und J.D. Vance verkörpern unterschiedliche Facetten des christlichen Nationalismus. Stephen Miller steht genau so wie der Präsident selbst für die Menschen, die keine christlichen Nationalisten in einem christlich-religiösen Sinne sind, die aber die theokratischen Anliegen der Gläubigen mit den autokratischen Zielen der MAGA-Bewegung verknüpfen.

Geschichte als Spiegel der Gegenwart?

Im zweiten Teil stellt sich Henze der Frage, wie sehr man von einer Wiederkehr der Geschichte reden kann. Natürlich wiederholt sich Geschichte nie eins zu eins. Aber ist es notwendig, auf frühere Formen des Faschismus zu verweisen? Oder soll man lieber zurückhaltend von autokratischen bzw. autoritären Visionen reden?

Auch hier gelingt Henze sehr überzeugend, pauschale Zuschreibungen durch Differenzierungen zu ersetzen.

Gerade aus deutscher Perspektive ist Zurückhaltung nötig. Henze schärft ein: Vergleichen bedeutet nicht Gleichsetzen. Wenn wir Ähnlichkeiten und Unterschiede beschreiben, geht es darum, im Spiegel der Geschichte besser zu verstehen, was heute passiert.

Henze weiss um unsere politische Verantwortung, die Einzigartigkeit des Nationalsozialismus nicht in Zweifel zu ziehen. Zugleich gibt es einige Parallelen, bei denen es fahrlässig wäre, diese nicht benennen. Und nicht zuletzt gilt es auch, von früheren Formen von Widerstand zu lernen, nicht zuletzt: Was man besser machen kann und muss.

Demokratischer Widerstand und christliche Hoffnung

Schliesslich stellt Henze die vielleicht zentrale Frage: Was gilt es zu tun, wenn wir in unserer Zeit nicht noch einmal eine freiheitliche Demokratie verlieren wollen?

Dass es sich dabei um eine echte Gefahr handelt, ist für Henze eindeutig. Er beschreibt mit grossem politischen Überblick, wie sich die Verhältnisse in einem Worst-Case-Szenario entwickeln könnten. Bis hin zu einem autokratischen Staat, in dem die Möglichkeit freier Wahlen bis zur Aussichtslosigkeit eingeschränkt worden sind.

Henze entwickelt aber auch ein Best-Case-Szenario. Der Niedergang ist keineswegs unaufhaltsam. Henze sieht in der US-amerikanischen Zivilgesellschaft sehr viel mehr Resilienz und Widerstandsbereitschaft, als man anfangs dachte.

Viele Gruppen, auch die klassischen Kirchen der Ökumene, reagieren mit Kreativität und Gemeinsinn auf die Bedrohung in ihrem Land.

Sie haben verstanden: Gegen die Abschaffung der Demokratie kann man sich nur demokratisch im besten Sinne wehren, in der Verteidigung von Bürgerrechten, in Protest gegen Unrecht und Gewalt, vor allem im Aufbau gemeinsamer Praktiken der Solidarität.

Ressourcen des christlichen Glaubens

Grund zur Hoffnung ist nicht zuletzt auch die innere Widersprüchlichkeit des MAGA-Lagers. Konservative Gläubige sind keineswegs alle über einen Kamm zu scheren.

«Theologisch, spirituell und lebensweltlich liegen zwischen den Strömungen der MAGA-Gläubigen Welten.»

Auch wenn viele Evangelikale diese Bewegung in den letzten Wahlen unterstützt haben, so müsste zumindest vielen von ihnen die Inanspruchnahme für eine solche aggressive Politik eigentlich fremd sein.

Henzes Buch beschönigt nichts und macht doch Hoffnung. Es macht die Gefahren sichtbar, ohne den Untergang an die Wand zu malen. Und vor allem erinnert es an die eigentlichen Ressourcen des christlichen Glaubens, die wir heute vielleicht nicht nur als Kirchen wiederentdecken sollten.

Mit der Barmer Theologischen Erklärung von 1934 haben sich einst mutige Menschen versammelt und sich zu Jesus Christus als dem einen Wort Gottes bekannt. Und in Berufung auf diesen Jesus haben sie jeder Verabsolutierung irdischer Macht eine Absage erteilt.

Das Reich Gottes ist nicht dazu da, dass Menschen ihre eigenen Machtfantasien damit rechtfertigen.

Das Reich Gottes ist eine Vision des Friedens und der Gerechtigkeit, die Menschen ermutigt, sich an die Seite der Marginalisierten und nicht der Mächtigen zu stellen. Das Reich Gottes ist immer unendlich mehr, als Menschen verwirklichen können. Das christliche Bekenntnis zur Herrschaft Gottes ist in dieser Welt stets herrschaftskritisch. Christlicher Glaube kann auch heute noch Widerstand sein.

 

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