Absolut, gerade das macht es so schwer zu ertragen. Deine Tochter, und die anderen Medizinstudentinnen, handeln verantwortungsvoll - und das System sanktioniert dieses Verhalten. Es ist faktisch und intuitiv moralisch falsch. Gleichzeitig erkennst Du, wie das System tickt. Trotzdem passiert nichts.
Diese Kombi ist extrem zermürbend. Das sehe ich auch und fühle es. Es ist an allen Ecken in Beratungen spürbar, ohne benannt zu werden: #MoralInjury und #systemischeOhnmacht, wenn Menschen Verantwortung übernehmen und Fürsorge mitdenken, und dann gerade in Fürsorge-Strukturen auf Widerstand stoßen.
Deswegen meinte ich, dass es schwer ist, zu handeln. Selbst wenn man kognitiv die Logik versteht (Hierarchie, Anpassungsdruck da Elektivpatienten aus Infektionsangst wegbleiben, Normalitätslogik). Emotional erlebt man es als verletzend und absurd, kann nicht akzeptieren, dass Menschen so handeln.
Wie sollte man das auch hinnehmen können? Das ist normal. Die Entscheidungsverantwortung gehört auf die andere Seite. Die Frage ist dann wie. Das Problem ist nicht fehlende Evidenz, Wissen oder Pflicht. Sondern Risiken der Umsetzung: Abhängigkeitshierarchien, Normdruck, Gesichtsverlust vermeiden.
Die Gegenreaktion auf jedes Argument ist dann Abwehr, Ironie oder Abwertung. Rhetorische Beruhigung, die aus dem Konflikt und Rechtfertigungsdruck befreit. Das funktioniert fast nur über Verhandlung, die keinen Angriff enthält, keinen Gesichtsverlust erzeugt, Kooperation fürs Nötigste signalisiert.