Manchmal lese ich, dass Leute kritisieren, wenn andere das Fediverse als 'kuschelig' oder 'gemütlich' empfinden. Denn dann fediverst man nicht richtig. Man muss so lange Leuten folgen, bis jeder Horror des heutigen Lebens sich in der Timeline widerspiegelt.
Nein, muss man nicht.
Klar erwarte ich von interessanten Gesprächspartner*innen, dass sie etwas von der Welt außerhalb ihres Umfelds mitbekommen. Dass sie anderen Menschen und insbesondere (anderen) Minderheiten zuhören und davon lernen. Dass sie einen kritischen Blick auf die Welt entwickeln.
Aber das muss nicht hier im Fediverse stattfinden.
Ich nutze Mastodon so. Ich möchte in meiner Timeline die Erfahrungen von Menschen haben, die es oft nicht leicht haben, weil ihnen die Gesellschaft Steine in den Weg legt (und auch weil das Leben mit bestimmten Erfahrungen und Eigenschaften vermutlich immer mühsamer sein wird). Das ist meine Art, meinen Horizont zu erweitern (und auch meine Erfahrungen zu teilen).
Dafür schaue ich ungefähr null kritische Reportagen, Dokus, Filme. Wenn ich Bewegtbild schaue, ist es Unterhaltung ohne Bildungsanspruch. Weil ich, wie jeder Mensch, Auszeiten brauche von dem, was draußen passiert.
Wenn das Fediverse eure Auszeit ist und ihr eure Timeline so einrichtet, dass es sich kuschelig und gemütlich anfühlt, dann ist das euer gutes Recht und auch völlig richtig so.
Vielleicht lest ihr kritische Zeitschriften, schaut erhellende Filme, geht zu Veranstaltungen, die euren Blick auf die Welt klüger und kritischer machen. Aber lasst euch nicht vorschreiben, an welchen Stellen der digitalen Welt ihr euch eine Auszeit nehmen dürft.