Annette Standop hat diese Welt verlassen – ein schwerer Verlust für mich und viele Andere
Annette Standop hat oft mit Leben und Tod gekämpft. Ich hatte sie gerade zu einer Kandidatur für den Bonner Stadtrat bei den Kommunalwahlen 2014 überzeugt, da warf sie schon einmal eine lebensbedrohliche Erkrankung aufs Krankenbett. Und sie kämpfte sich bravourös zurück zu einer sensationellen Leistungsfähigkeit. Es folgten, nicht zuletzt wegen ihr, meine besten Jahre in der Fraktionsgeschäftsführung der Grünen im Rat der Stadt Bonn. Wir legten das Fundament für den Wahlsieg 2020.
Lisa Inhoffen/General-Anzeiger ist ein würdiger Nachruf für Annette gelungen. Ich stimme in allen Ausführungen überein, auch mit den Zitaten diverser befragter Kommunalpolitiker*innen. Nur leider hat die Rheinische-Pest-Verlagsgruppe den Text digital vermauert. Es ist nur nach Bezahlung mit persönlichen Daten oder mit einem Paywallbohrer öffentlich zugänglich. Darum hier mein Angebot persönlicher Erinnerungen zur allgemeinen Verfügbarkeit.
Das erste Mal war Annette Standop mir im damaligen Freundeskreis des seinerzeit jüngsten Stadtrates Florian Beger aufgefallen. Florian beackerte engagiert und kämpferisch das breite Feld der Antidiskriminierungspolitik. Sein diskursives Meisterwerk, da stimmten Annette und ich in der Bewertung völlig überein, war die Initiative für einen “Behindertenpolitischen Teilhabeplan” der Stadt Bonn. Florian war (und ist?) grundsätzlich ein konfliktfreudiger Typ. Er konnte aber auch anders. Diesen Diskurs initiierte und führte er durchgehend kooperativ mit allen demokratischen Parteien und Fraktionen, und vor allem mit allen aktiven Teilen der Stadtgesellschaft. Hochintelligent und politisch wirksam. Auf seine diskursive Vorarbeit konnte Annette aufbauen, als sie 2014 erstmals in den Stadtrat gewählt worden war.
Daran war ich mitschuld 😉 Monate vor der Wahl 2014 hatte ich sie dazu angestossen, eine Kandidatur zur Kommunalwahl, zunächst als Bewerbung innerhalb der Grünen, zu wagen. Unser erstes Gespräch zu diesem Thema ist auf meiner Gehirn-Festplatte, und ich kann es mir bis heute gedanklich abspielen. Als ich meine Frage ausgesprochen hatte, erkannte ich in Annettes Mienenspiel ein starkes Leuchten, als wenn es nur meines Streichholzes bedurft hätte, um das Feuer ihres Ehrgeizes zu entflammen. So waren wir beiderseitig beglückt. Streng persönlich geplant konsultierte sie nach mir weitere ihr wichtige Personen, u.a. die damalige MdB und spätere OB Katja Dörner, um ihre persönliche Meinung dazu zu erfragen. Durchweg alle Antworten waren positiv, eher noch begeistert.
Bei der Aufstellung der Ratsliste innerhalb der Bonner Grünen für die Kommunalwahl 2014 kandidierte Annette Standop für den “sicheren” Listenplatz 5 – und erhielt von allen Kandidaturen mit weit über 90% das beste aller Wahlergebnisse durch die abstimmenden Parteimitglieder.
Ich war seinerzeit als Mitglied der Fraktionsgeschäftsführung von den innergrünen Intrigen einigermassen abgenervt, und erholte mich davon im Kommunalwahlkampf. Nach Feierabend betrieb ich – nicht samstags, sondern werktags – an späten Nachmittagen einen Infostand vor dem Beueler Rathaus. Zu diesem Zeitpunkt fehlte die Konkurrenz der anderen Parteien, es war auch weniger Publikumsbetrieb. Dafür war die Sichtbarkeit super, und die Gespräche intensiver als samstags. Schlüsselerlebnis: ein Rollifahrer mit Betreuerin. Ich weise auf Annettes Porträt in unserer Wahlkampfzeitung hin – und ernte ein helles Erstrahlen des Gesprächspartners. Das sind die Dinge, die sich rumsprechen.
Bei der Kommunalwahl 2014 wurden die Grünen – für sie selbst überraschend – nicht für ihre schwarz-grüne Zusammenarbeit mit der CDU bestraft, sondern legten noch knapp 2.000 absolute Stimmen zu. Die 18,6% blieben gleich. Es folgten anstrengende Jahre einer “Ampelkoalition”, allerdings weit erfolgreicher als die spätere auf Bundesebene. Auch das lag an Leuten wie Annette Standop. Die regelmässigen Koalitionskonsultationen mit CDU und FDP waren auf der Fachebene der Sozialpolitik überraschend konstruktiv, weil es den Anderen erkennbar schwerfiel, gegen Annettes Autorität Widerspruch zu formulieren. So eine im Bundestag, und Olaf Scholz wäre noch Kanzler? Nein, keine Angst, ich schweife ab, und will niemanden erschrecken …
Unsere fachliche Zusammenarbeit im weiten Feld der Sozialpolitik zählte zu meinen besten der 10 Jahre Fraktionsgeschäftsführung. Der von ihr geleitete und von mir mitorganisierte Fraktionsarbeitskeis Soziales erblühte quantitativ und qualitativ. Die besten Leute, die unsere Stadtgesellschaft zu bieten hatte, kamen zusammen und stritten fachlich und respektvoll über alle Fachgebiete – und trafen sich zur Sommerzeit ebenso gerne privat in dem schönen kleinen Garten der leider auch schon verstorbenen krebserkrankten Karin Robinet.
Diese intensiven Jahre mit Annette erinnerten mich daran: Arbeiten ist zwar, statistisch erwiesen, das grösste aller Gesundheitsrisiken – aber es kann auch Spass machen, und sich lohnen.
Das bewies dann der grandiose grüne Wahlsieg bei der Kommunalwahl 2020, der Annette Standop den Fraktionsvorsitz und Katja Dörner das Oberbürgermeisterinnenamt erbrachte. Ich hatte mich schon 2016 beruflich aus gesundheitlichen Gründen verabschiedet. Loslassen können, wenn es am schönsten ist, ist auch eine Kunst. Nicht viele können es. Aber ich.
Die Zeit mit Annette Standop war intensiv. Und gehört und bleibt auf meiner Festplatte zu den schönen Erinnerungen. Sie wusste immer, dass ich ihr so dankbar war, wie sie mir. Eine unvergessliche Freundschaft im besten Sinne – in der Politik!
Ein recht persönlich geführtes Interview meines damaligen Arbeitskollegen Holger Koslowski mit Annette Standop aus dem Jahre 2011 finden Sie hier.