Heribert Prantls Gedenkrede auf Rita Süssmuth: „Sie hat gezeigt, was ein einzelner Mensch vermag“
Der Journalist Heribert Prantl hat im Bundestag eine Gedenkrede auf Rita Süssmuth gehalten. Er sieht sie als späte fünfte Mutter des Grundgesetzes, als Kämpferin, die einen Auftrag hinterlässt. Der Tagesspiegel dokumentiert den Text.
Von Heribert Prantl
Stand: heute, 24.2.2026, 16:04 Uhr
„Sie wird uns fehlen.“ – Diese Worte sind bei ihr keine Floskel. Sie sind die Wahrheit. Rita Süssmuth wird uns fehlen.
Rita Süssmuth war eine Möglichmacherin. Es stimmt ja, dass die Probleme moderner Gesellschaften groß, unübersichtlich und komplex sind. Es stimmt aber nicht, dass sie so groß, so unübersichtlich und so komplex sind, dass man besser nicht damit anfängt, sie resolut, entschlossen und demokratisch anzupacken; es stimmt auch nicht, dass es aussichtslos ist, Verantwortung zu übernehmen. Rita Süssmuth hat das getan: Sie hat Unmögliches möglich gemacht. Sie war eine Möglichmacherin. (1/23)
Sie hat Verantwortung übernommen, als Gesundheitsministerin, als erste deutsche Frauenministerin, als politische Feministin. Als Bundestagspräsidentin dirigierte sie den Umzug des Bundestags von Bonn nach Berlin freundlich und resolut; sie hat damals wesentlich dazu beigetragen, Christos Verhüllung des Reichstags und damit politische Poesie möglich zu machen. Rita Süssmuths Politik war mutig und leidenschaftlich, sie agierte mit geduldiger Ungeduld, mit einem ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit und sensibel für das, was eine Gesellschaft zusammenhält.
Mir fällt dafür das Wort „beherzt“ ein. Ihre Art, für ihre Überzeugung zu kämpfen, war stark und unbeirrt, überhaupt nicht verbissen, nicht blasiert, nicht verletzend, nicht überheblich. Ihre Tatkraft war unwiderstehlich menschenfreundlich. Von Rita Süssmuth ging ein Wärmestrom aus, strömte durch das Parlament, durch Sitzungssäle, durch politische Lager und frostige Debatten.
Über den Redner… (2/23)
Ihre Argumentationen hatten stets, wie ihre Kleidung, etwas bestechend Einfaches und zugleich Elegantes. Sie war überparteilich in ihrer Parteilichkeit und blieb politisch standhaft – bis hin zu ihrem letzten Kampf, dem Kampf um Geschlechterparität in den Parlamenten. Sie war sich auch hier ihrer Sache sicher, ohne denen, die anderer Meinung waren, ihre andere Sicht auf die Dinge zu nehmen. Sie hat die Menschen mit anderer Meinung niemals abgelehnt; sie hat sie respektiert.
Rita Süssmuth war Demokratin mit Herz und Seele und mit scharfem Verstand; Demokratie war für sie immer mehr als eine Abstimmungsprozedur, Demokratie war für sie ein Lebensprinzip und eine Wertegemeinschaft. Zur Demokratie gehörte für sie das ständige Nachdenken, Mitreden und zivilisierte Streiten darüber, was das Beste für die Menschen ist. (4/23)
Das zeigte sich, als sie ein liberales Abtreibungsrecht propagierte und gegen die Mehrheit ihrer eigenen Fraktion forderte, „die letzte Entscheidung muss bei der Frau liegen“; ich habe mir auf Phoenix noch einmal die Bundestagsdebatte vom 25. Juni 1992 angeschaut, in der die damalige Bundestagspräsidenten Süssmuth den Gruppenantrag von SPD, FDP, Bündnis 90/Die Grünen für das Entscheidungsrecht der Frau unterstützte: „Hören wir endlich auf, die Frauen für nicht entscheidungsfähig, für nicht veranwortungsfähig zu halten“, hat sie damals geworben.
Ihre Stimme für den Gruppenantrag (dem sich auch einzelne CDU-Abgeordnete aus den neuen Bundesländern anschlossen) und gegen die Mehrheitslinie der Unionsfraktion war ein bemerkenswerter, ein mutiger Akt parlamentarischer Arbeit. (5/23)
Süssmuth benannte in ihrer Rede das Dilemma zwischen Lebensschutz und Selbstbestimmung der Frau und verteidigte den Gruppenantrag, weil er, wie sie sagte, dem Leben „mehr Chancen“ gab. Der leidenschaftlich stille Ernst, mit dem Süssmuth sprach, machte die Rede zu einer Sternstunde des Parlaments. Die gläubige Katholikin Süssmuth zog sich aber den Zorn der katholischen Bischöfe zu.
Aus kirchlichen Kreisen wurde ihr vorgeworfen, nicht entschieden genug „für das Leben“ einzutreten. Ein Landeskomitee der katholischen Laien wollte sich gar mit ihr nicht mehr an einen Tisch setzen. Süssmuth konterte, der wirksamste Lebensschutz bestehe in realen Hilfen und einer ernst genommenen Gewissensfreiheit der Frau, nicht aber in maximaler Strafdrohung.
Seit damals waren und blieben wir im Kontakt. Seit damals suchten wir in Gesprächen immer wieder die Antwort auf die Frage: „Woran glaubst Du?“ (6/23)
Sie hat das zum ersten Mal gezeigt, als es um die Regierungslinie in der Anti-Aids-Politik ging: Als sie vor gut vierzig Jahren Bundesgesundheitsministerin wurde, begann ein erbitterter politischer Streit darüber, ob die damals tödliche Krankheit Aids mit Repression, also mit Stigmatisierung, Ausgrenzung und Internierung der Kranken bekämpft werden soll – oder aber mit Prävention und Aufklärung. Die politische Linie der neuen Ministerin Süssmuth war klar: „Wir bekämpfen die Krankheit, nicht die Betroffenen.“
Dieser Leitsatz setzte sich durch, obwohl das zunächst gar nicht so aussah. Die Süssmuth-Kritiker, sie waren zunächst in der Mehrheit, wollten die Aids-Kranken mit seuchenpolitischen Maßnahmen traktieren, sie gar in Lager wegsperren. Süssmuth aber wollte Aufklärung, Beratung und Verhütung. Sie war die bekennende Katholikin, die offen über Sexualität sprach. Ihre Gegner, auch innerhalb der Kirchen, sprachen von der „Lustseuche“, von einer Strafe Gottes für sexuelle Sünden. (9/23)
Sie warnten vor einer „Sexualisierung der Öffentlichkeit“ durch Süssmuths Sexualaufklärung und vor der angeblichen Förderung „promiskuitiven“ Verhaltens durch Kondomwerbung. Das Wort „Kondom“ zu gebrauchen, so erinnerte Süssmuth sich im Rückblick, „kam fast einem Rausschmiss aus dem Amt gleich“.
Die „Auseinandersetzung mit Aids, die so aussichtslos schien wie nur irgendetwas“, bekannte sie später, „hat mir das erste Mal gezeigt: Veränderung ist doch möglich“. Ohne eine starke Zivilgesellschaft, so meinte sie, hätte sie es nicht geschafft. Rita Süssmuth begann vor vierzig Jahren damit, diese Stärke der Zivilgesellschaft zu wecken. Sie weckte und prägte einen neuen, einen aufgeklärten Zeitgeist. Sie hat gezeigt, was ein einzelner Mensch vermag. (10/23)
Im Negativen erleben wir das derzeit in der Weltpolitik. Rita Süssmuth hat es, in der deutschen Politik, im Positiven gezeigt. Dabei war sie bei vielen Themen Leitfigur, war aber zugleich klug genug um zu wissen, dass man Mitstreiter und Unterstützerinnen braucht, um etwas bewirken. Sie gehörte wohl zu den bestvernetzten Personen auf dem politischen Parkett in Deutschland, und sie pflegte ihre Beziehungen mit viel Zuneigung und Herzlichkeit.
Vor einem Jahr, am Rande der Münchner Sicherheitskonferenz, wurde Rita Süssmuth, als eine „der großen Vertreterinnen der Versöhnergeneration“, wie es hieß, mit dem großen deutsch-polnischen Preis geehrt. Dort stand sie am Pult, von Krankheit gezeichnet, aber so temperamentvoll wie eh und je. Versöhnerinnen wie sie bräuchte man heute in den Konflikten, die Europa und die Welt zerreißen. (11/23)
Und auf die Frage, was auf dem Spiel stehe, antwortete sie sehr ernst: „In einem Wort: Wir. Die Welt ist aus der Balance. Wie lange wir diesen Planeten noch bewohnen können, wissen wir nicht. Die Frage, wer wen mit Atomwaffen bedrohen kann, brennt wieder hoch. Vielleicht bringt die Menschen nur eine noch tiefere Untergangsstimmung endlich zur Vernunft.“
Es gibt nicht Gutes, außer: Man tut es! Süssmuth hat Erich Kästners geflügeltes Wort in Politik umgesetzt – in eine Politik, die dem Patriarchentum und dem Machotum widerstand, wo immer sie sich zeigten. Sie zeigten und zeigen sich unverschämt oft und bezeichnen solche wie Rita Süssmuth gern als Nerverinnen. Rita Süssmuth lächelte ihr Rita-Süssmuth-Lächeln über solch präpotentes Gerede. Sie warb und rackerte für Frauenrechte und Frauenbeteiligung auf allen Ebenen, sie rackerte und warb für Gleichberechtigung, sie warb und rackerte für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. (13/23)
In den meisten Nachrufen auf die große christdemokratische Politikerin Rita Süssmuth fand dieser ihr letzter Kampf nicht die ganz große Beachtung. Gewürdigt wurden vor allem ihre aufklärerische Aids-Politik und ihr Engagement für ein liberales Recht des Schwangerschaftsabbruchs. Die Andersdenkenden zu achten und sich um die Parität in den Parlamenten zu kümmern – das ist der Auftrag, den Rita Süssmuth denen hinterlässt, die um sie trauern.

Der Journalist Heribert Prantl hat im Bundestag eine Gedenkrede auf Rita Süssmuth gehalten. Er sieht sie als späte fünfte Mutter des Grundgesetzes, als Kämpferin, die einen Auftrag hinterlässt. Der Tagesspiegel dokumentiert den Text.
@padeluun
Vielen Dank für den schönen Nachruf und das Teilen. Gut zu lesen und seine Worte lassen mich sanft nicken.
Ich habe n büschen davon miterlebt (bin Jahrgang 71) und vieles mehr später gelernt.
Es ist zum einen unglaublich, dass dieses Mittelalter erst gut 50 Jahre her ist. Und es ist beschämend, dass es in vielen Köpfen noch verankert zu sein scheint.
Rita Süssmuth war die erste Politikerin, die ich mit Bewunderung wahrgenommen habe. Sich wenn ich damals sicher kaum verstanden habe, wovon sie sprach, so ist sie mir früh durch ihre sanfte Autorität in Erinnerung geblieben.
Gerade das Thema AIDS hat mich damals verunsichert - einfach weil so viel Angst gemacht wurde - da war ihre Stimme ein Anker der Besonnenheit.