Mehr über Farast Sturmfreund findest Du auf Figuren. Seine Abenteuer beginnen hier.
O Fremde, Besessenheit empfehle ich niemandem. Die meiste Zeit fühlst du dich normal, aber es gibt Momente, in denen alles zu verschwimmen scheint und nichts sich mehr real anfühlt und du das Gefühl bekommst, die Kontrolle zu verlieren. Das ist der Moment, in dem der Wahnsinnsgeist die Überhand zu gewinnen droht. Frieden würden wir so nicht finden und Farnan – der selber von einem mächtigeren Geist besessen war – schlug vor, seinen Meister um Hilfe zu bitten, der im Land der Sambarri lebte, einem Stamm im Süden von Sartar. Wir mussten nach Caroman, das bedeutete 4-9 Tagesreisen – wenn wir Glück hatten und sich das Wetter nicht allzu widrig zeigte.
Wir hatten keine andere Wahl – uns fiel nichts Besseres ein – als uns am nächsten Morgen auf den Weg zu machen, zumal 80 Augen sich nicht mehr sehen ließen – nicht gerade ein deutliches Zeichen von Dankbarkeit für seine Befreiung. Farnan selbst hatte es schwerer getroffen als ich und er war oft nicht einmal wach. Wir mussten ihn dennoch mitnehmen und trugen ihn auf dem Rücken seines Pferdes fest. Wir hatten keine Zeit zu verlieren, die Sturmzeit stand bevor – es lag bereits eine dünne Schneedecke und es war sehr kalt. Zu unserem Glück gab es klares, sonniges Wetter. Hellblume von der Herberge hat Proviant für uns und wir brachen im Morgengrauen auf.
Wir kannten den Weg zwar, doch der Schnee macht ihn schwer sichtbar. Nur mit Glück und dank Saronils und meiner scharfen Augen bemerkten wir noch rechtzeitig, dass wir in Gefahr waren, auf Eis zu treten, wohl der überfrorene Baronin. Wir hatten Rotvogel verpasst, also hielten wir uns gen Norden, was bedeutete, dass wir die nächste Herberge nicht vor der Nacht erreichen würden. Wir riskierten, einige Stunden in der Dämmerung zu reisen und schafften uns nach Jonsstadt, wo wir wie zuvor im Vergoldeten Bart einkehrten. Am Morgen konnten wir auf der Königsstraße weiterreisen, was die Sache erleichterte. Eine leichte Steigung verriet die Nähe des Quivingebirges.
Kurz vor den Bergen hörten wir jemanden laufen rufen, dann stürmte erst eine Person aus dem Wald, auf uns zu: Eine Frau. Sie trug Mondrunen.
Ihre ersten Worte waren : „Vostor, du hier?“
Über die Jahre haben mich Vostors Verbindungen immer wieder überrascht. Er mag weit weg von zuhause sein, aber der Lunare findet überall alte Freunde und Verbündete. Oder finden sie ihn? Ich habe mir einen Reim darauf machen können und er hat einfach nur gegrinst, wenn ich ihn darauf ansprach.
In seiner Heimat Dunstop gab es einen Schuster und dieser Schuster hatte eine Tochter, Tara-Bree. Vostor hatte als Kind mit ihr gespielt und genau diese Person stand nun, viele Jahre und tief in Drachenpass, vor uns. Sie Sie blutete aus mehreren Wunden, einige davon ernst. In ihrer Hand ein Kurzschwert. Mir war gleich klar, dass sie damit umgehen kann.
„Banditen! Helft mir.“
Wir schauten uns an. Wir würden helfen und wir machten uns bereit, Saronil und ich bereiteten unsere Lanzen vor. Gerade rechtzeitig, denn fünf Personen stürmten aus dem Gehölz. Eine Einäugige, älter. Die anderen sahen auch nicht aus wie harmlose Reisende, bewaffnet mit Schwertern und Speeren.
„Übergebt sie uns und euch wird nichts geschehen.“
Vostors Antwort war wortlos: Er ritt zum Angriff und wir folgten ihm, wohl oder übel. Der Kampf lief gut für uns, nachdem zwei der Räuber gefallen waren, gaben weitere zwei auf, die Anführerin floh in den Wald. Wir fesselten die Gefangenen und nahmen sie mit.
Tara-Bree bedankte sich: „Ich hatte versucht, sie um ihre Vorräte zu bringen, ich hatte einfach Hunger.“
Sie schüttelte den Kopf. „Ein Anfängerfehler. Das sollte mir eigentlich nicht passieren. Sie sind hinter mir her, die letzte Person, die mir half, ist tot. Sie war eine gute Frau. Vostor, überlege dir gut, ob du mir helfen willst. Der Imperator ist hinter mir her.“
Ich fand das schwer zu glauben. Vostor schwieg und sie erzählte weiter.
„Eine meiner Schwestern ist hinter mir her. Ich würde nach Glamour gebracht…“ Ich beobachte, wie sie auf ihrer Unterlippe zu kauen begann. „Ich folge Anila, ich bin eine Assassine des Blauen Mondes. Die Leibwache des Imperators und gleichzeitig seine Meuchelmörderinnen. Es ist alles eine Lüge, es ist alles falsch... das Imperium ist ein Klotz am Bein der Roten Göttin.“
Vostor sagte später, dass sie wohl eine Anhängerin des Weißen Mondes sein musste, einer verfolgten Gruppe, die das Imperium als überholt ansah. Er teilte ihre Ansicht, dass es zu viele Intrigen und Politik gab und stimmte ihr zu.
„Deswegen bin ich weg, Vostor! Du solltest sehen, was in Glamour los ist! Sie lecken die Stiefel des Imperators, aber sie folgen nicht der Göttin. Ich will dich nicht überzeugen. Aber ich musste einfach weg.“
Wir reisten weiter und nahmen Tara-Bree mit.
Ohne weitere Vorkommnisse erreichten wir Geos Herberge, in der wir die Nacht verbringen wollten. Es gibt eine Reihe von Gästehäusern, die vom legendären Helden Geo gegründet wurden. Diese hier ist direkt in den Fels gebaut worden, um Schutz vor der Witterung zu bieten.
Wir berichteten die Geschichte von unserem Scharmützel mit den Banditen und man nahm uns die Geschichte nicht nur ab, sondern sperrte auch die Gefangenen in die Arrestzellen. Das hätte auch anders ausgehen können, denn so anders als die Banditen sahen wir nicht aus. Am Ende waren Vostors Worte am wichtigsten. Einer der „Helden von Apfelallee“, den sie aufgrund seiner lunaren Rüstung sofort erkannt haben. Dass andere „Helden“ ihn begleiteten, schienen sie nicht zu bemerken. Mir glaubten sie nicht einmal, dass ich der Thane von Apfelallee war, Leila Schwarzspeers Schwert überzeugte sie kein bisschen. Saronil und ich schluckten unseren Stolz hinunter und lächelten freundlich in unserer Rolle als namenlose Begleiter des heroischen Lungern.
Wie sich herausstellte, hatte ein von seiner Tochter begleiteter Handwerker dort erzählt, wie wir einen Geist befreit haben, was nachhaltig für Eindruck gesorgt hatte.
Später am Abend war Zeit für andere Geschichten. Tara-Bree hatte die Räuber angegriffen, weil sie hungrig war, und das war schlecht gelaufen, ein Dolch im Bauch hielt sie auf. Sie winkte ab, als sie auf die Wunde angesprochen wurde.
„Alles ist besser, als von der Fledermaus gefressen zu werden, dann gibt es keine Wiedergeburt, nichts von deiner Seele bleibt.“
Meine Großmutter, mein Vater… sie starben beide auf diese Weise.
Wir boten ihr Schutz an, sie nahm das Angebot an. Sie sagte, dass vor einer Weile eine nette Frau bei der Flucht half und jetzt war sie tot. Sie war keine Kämpferin, aber… „sie“ hätten sie dennoch getötet.
Wir tranken miteinander. Ich traute Tara-Bree nicht, aber ich hatte Respekt vor ihrer Tapferkeit und sie konnte trinken wie mein alter Onkel Tardi, bei Orlanth!
Tara-Brees Meinung nach können Orlanthi wie ich nicht zwischen Ziegen und ihren Weibern unterscheiden. Aber ich fühlte mich nicht beleidigt, denn wir halten Rinder, keine Ziegen. Vielleicht habe ich ihre Geschichte nicht verstanden.
Wir brachten auf und passierten Kühnheim, dafür übernachteten wir an der Herberge an der Guten Gabelung.
Tara-Bree war schon zu Bett, als die Tür sich öffnete und drei Personen eintraten. Die älteste von ihnen stellte sich als Vale-Tanvel vor. Sie war etwas älter als Tara-Bree.
Wir sollten ihr helfen und uns dabei ein „Sümmchen“ dazuverdienen. Zwei Dinge sollen wir tun: Die erste war, ihr Tara-Brees Aufenthaltsort mitteilen, die zweite: Sich nicht einzumischen. Dafür bot sie uns 1000 Lunare, ein Vermögen.
Wir gingen nicht drauf ein. Niemals hätte ich ihr geholfen, ich hasste das Lunare Imperium schon damals aus tiefstem Herzen. Unsere Entscheidung schien ihr nicht zu gefallen. Sie machte ein paar Bemerkungen, die wir als Drohung ansehen mussten, sie glaubte uns auch nicht, dass wir Tara nie gesehen hatten. Als sie durch die Tür war, schauten wir uns an und beschlossen, sie sofort anzugreifen.
Es ging alles sehr schnell, die Götter waren mit uns: Wir setzten Vale-Tanvel mit Magie des Geistes außer Gefecht, einen der Männer erschlagen wir, der Letzte versuchte zu fliehen, aber auch ihn strecken wir nieder. Der Zauber hatte Vale-Tanvel so schwer getroffen, dass sie die nächsten Tage nicht mehr bei Sinnen sein würde.
Wir fesselten die Frau und brachten sie zu Tara-Bree auf ihr Zimmer, die schwer überrascht ist, dass wir eine Assassine des Blauen Mondes gefangen nehmen konnten. Dennoch war Tara sich sicher, dass sie niemals ruhen würde, sie würde sie überall finden.
Wir überlegen, Vale-Tanvel entweder gleich zu töten oder sie nach Kühnheim zu bringen, wo man sicher erfreut wäre, eine solch hochrangige Gefangene befragen zu können. Ich wollte keine Gefangenen töten, das wäre unehrenhaft. Aber wir berieten uns dennoch lange.
Was sollten wir tun? Immerhin hatten wir vor der Sturmzeit auch noch einen Schamanen zu besuchen, denn unsere Besessenheit hatte sich nicht gebessert.
→ Fortsetzung folgt
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