Ich lese immer wieder solche Posts wie:
"Ich bin Teilzeitler*in, aber ich bin nach der Arbeit nicht faul, sondern mache Ehrenamt, Rette die Welt, begleite meine Eltern zu Terminen, bin für die Familie da" und so weiter.

Ja, das ist auch alles schön und gut, aber es ist auch wirklich nichts daran auszusetzen, wenn ihr wirklich faul in der Ecke oder auf der Couch liegt und Euch eine Serie nach der anderen rein zieht, einfach im Wald abhängt oder mal ans Wasser fahrt um stundenlang den Wellen zu lauschen.

Das ist die Freiheit, die frühere Generationen auch für uns erkämpft haben.
Ihr MÜSST nichts leisten... alles ist fein.
Kommt mal von dem Gedanken weg, dass alles produktiv und vermeintlich "sinnvoll" sein muss.
Denn das ist das denken, was die Regierenden und Libertäre von Euch verlangen.

Macht das Spiel nicht mit.

#Teilzeit #faulheit #systemfehler
@nocci Der Punkt ist valide. Nichtsdestotrotz wird ja so getan, als würden Leute Teilzeit machen und weiter nichts tun (was völlig okay ist). Aber: Es wird einfach verschwiegen, dass so viele Lebensbereiche nur laufen, da sich Menschen kümmern, sei es Care-/Pflege-Arbeit, Ehrenamt etc … Und es gibt einfach keinen Begriff von Arbeit, jenseits eines Anstellungsverhältnisses oder Selbstständigkeit. Das ignorieren Rechte nämlich alles viel zu gerne.
@ose_rouge

Es geht mir primär um das Problem, dass solche "hey, schaut, was ich alles mache Posts" auch unbewusst Druck auf die Menschen ausüben, die es aus Gründen nicht können.

Ich kenne es einfach aus der eigenen Denke, die ich über Jahre hatte, nachdem ich Erwerbsminderungsrente erhalten habe.
Ich fühlte mich unwert, weil ich nicht mehr performen konnte.
Ich habe gedacht, dass ich der Gesellschaft auf der Tasche liege.

Und ich weiß, dass es bei den oben erwähnten Posts auch einigen ähnlich geht, wie mir damals.

Ich will das doch nicht in Zweifel ziehen, dass diese Carearbeit, Ehrenamt usw nicht valide oder nichts wert sei. Es geht einfach darum, dass alle Menschen Freiheiten haben, die sie so wie sie können und möchten genießen sollen.
@nocci Es war auch kein Front, eher einerseits, andererseits. Das eben beide Argumentation ihre Rechtfertigung haben (zumindest wenn nicht Druck aufgebaut wird, Richtung Faulheit und Verweigerung).
@ose_rouge

Habs auch nicht als Front oder bösartig aufgenommen.
Der Druck von dem ich spreche ist automatisch da.
Es ist ein Automatismus, der nur schwer abzuschütteln ist, in einer Welt, die darauf ausgelegt ist, immer "verwertbar" und "wertvoll" im Sinne von "Wert" zu sein.

Ich verstehe beide Seiten sehr sehr gut. Es ist wichtig, alles davon Sichtbar zu machen und ich habe mit meinem Ausgangspost einfach nochmal darauf hinweisen wollen, dass es mehrere Seiten der Freiheit vorhanden sind.

Der Punkt von @nocci ist sehr wichtig. Wir sollte uns nicht selbst in die Verwertungslogik von Neoliberalen einfügen, um unser Recht auf Teilzeit zu verteidigen
Ich plädiere für die 20h/Woche bei vollem Lohnausgleich. Die Produktivitätssteigerungen, die die letzten 20 J nicht in die Reallöhne eingeflossen sind, würden das hergeben.
Ich erinnere mich, dass in den 70ern als die 35h/W in einigen Branchen erkämpft wurde, davon gesprochen wurde, dass wir heute bei der 20h/Woche wären.

@ose_rouge

@nocci im Kontext fällt mir an mir selbst auf, dass ich, obwohl ich noch mitten in der Behandlung meiner Erkrankung bin und derzeit viel Zeit zu Hause verbringe, Teile von mir ernsthaft immer wieder getriggert sind, weil ich "nichts" tue. Finde ich selbst krass, wie sehr das in mir steckt. @ose_rouge
@somlu1968
Ich habe Jahre gebraucht bis auch mein Kopf endlich an dem Punkt war, nicht mehr diese Verwertbarkeit einzufordern.

Es wird ab Kindheit in uns hinein gepresst.
(Sitz doch nicht immer nur rum)

Mach der Bewilligung der Erwerbsminderung war das quasi ein innerer Kampf.

@ose_rouge

@nocci @ose_rouge @somlu1968 och, was hab ich für ein Glück, dass ich es geschafft hab, das abzulegen. Mittlerweile bin ich nur noch sauer und wütend auf die Regierung, die Rentenversicherung und die Gesellschaft, weil ich nicht mitspielen darf. Ich hab kein schlechtes Gewissen wegen etwas, das ich mir nicht ausgesucht hab.

Edit: typos

@walsonde Na ja, für mich ist das noch ein ziemlich neuer Zustand. So lange ich in der Uniklinik war, ging es aber jetzt zu Hause kommt das halt auch hoch.

Ein schlechtes Gewissen habe ich nicht wirklich, es ist anders.

@nocci @ose_rouge

@ose_rouge @nocci

Genau, es geht um die Nichtanerkennung von unbezahlter Tätigkeit.

@OhWeh

WORD!

Neulich: Ich telefonierte mit dem Jobcenter. Frage, ob ich Anspruch auf ALG habe, weil wegen #Angehörigenpflege ohne Erwerbsarbeit.
Die Bearbeiterin so: »Nein, Sie arbeiten ja nicht.«

Der Bekannte, dem ich erzählte, dass ich kein Erwerbseinkommen habe, dann so: »Ach ja, du arbeitest ja nicht.«

Das Kind, gefragt, was seine Eltern machen: »Papa ist auf Arbeit, Mama ist Hausfrau.«

Diese Denke, dass nur Erwerbsarbeit Arbeit sei, ist schon sehr lange und immer noch ganz, ganz tief in unserer Gesellschaft verankert. Wie praktisch in einer Zeit, in der Maschinen aller Art immer mehr Produktion übernehmen und Menschen, die dann »arbeitslos« werden, arm werden und als faul gelten, und der Kapitalist stopft sich die Taschen voll aus dem Erlös des Produzierten.

@ose_rouge @nocci

@OhWeh

Interessante Literatur dazu (ich schreibe das hier hin, damit ich es später selber wiederfinde):

Kocka, Jürgen (2010), Mehr Last als Lust (Reprint), Arbeit und Arbeitsgesellschaft in der europäischen Geschichte
https://zeitgeschichte-online.de/themen/mehr-last-als-lust-reprint

Lafargue, Paul (Originalfassung erschien 1833 in frz. Sprache).
Das Recht auf Faulheit
https://de.wikisource.org/wiki/Das_Recht_auf_Faulheit

@ose_rouge @nocci

Mehr Last als Lust (Reprint) | zeitgeschichte-online.de

Mehr Last als Lust (Reprint) . Arbeit und Arbeitsgesellschaft in der europäischen Geschichte , Jürgen Kocka, Fr., 01.01.2010 - 01:00

@mango @OhWeh @ose_rouge @nocci ich hab mir schon vor längerem angewöhnt, von "bezahlter Arbeit" und von "unbezahlter Arbeit" zu sprechen.
@OhWeh @ose_rouge @nocci @mango
Da hat die Person am Telefon Mist erzählt. Auch wer einen Angehörigen pflegt hat Anspruch auf Bürgergeld. Vorraussetzung für Bürgergeld ist, das man für mindestens drei Stunden am Tag erwerbsfähig ist. Es ist KEINE Voraussetzung für den Leistungsbezug, das man arbeiten geht.

@Karpfenratten

Meine Frage an die Jobcenter-Bearbeiterin stellte ich vor 2022. Sie bezog sich damals tatsächlich auf ALG. Es gab für mich kein ALG, weil ich »dem Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung« stand.

Es gab, nebenbei, auch keine Erwerbsunfähigkeitsrente, obwohl ich ja wegen Pflege unfähig war, einer Erwerbsarbeit nachzugehen. IOW, als #pflegendeAngehörige haste nulliger Ansprüche, außer du bist schon finanziell im Eimer.

Eine Angehörigenpflege begründet auch nicht automatisch Bürgergeld-Bezug. Auch dazu muss eins »hilfebedürftig« sein, d.h. Einkommen (der Bedarfsgemeinschaft) muss unterm Existenzminimum liegen.

Auf jeden Fall müssen im 1. und 2. Grad verwandte Menschen ihre Angehörigen für lau versorgen. Ein Skandal, wenn du mich fragst.

@OhWeh @ose_rouge @nocci