🧵 Ich habe lange geglaubt, dass ich ein Mensch bin, der nicht wütend wird. Mit Mitte zwanzig saß ich bei einer Therapeutin, die das gar nicht gut fand. Sie wollte, dass ich wütend werde. Auf ein Mädchen aus der fünften Klasse. Auf meine Eltern. Auf die Vergangenheit.

Ich hielt das für unnötig. Warum Gefühle für etwas aufbringen, das man nicht mehr ändern kann?

In dieser Zeit war ich mit einem Mann zusammen, der nie weinte. Nie. Ich war nie wütend, er hat nie geweint. Klingt gesund, oder?

Tatsächlich, das weiß ich heute, habe ich durchaus Wut gespürt. Ich wollte sie nur nicht. Also habe ich sie umsortiert. Traurig zu sein fühlte sich akzeptabler an und passte besser zu meinem Selbstbild. Traurig war ich oft.
Erst viel später habe ich gelernt, dass dieses Umsortieren keine persönliche Strategie ist. Die Psychologin Annie Hickox nennt das: emotionalen Perfektionismus. Gemeint ist der Anspruch, sehr hohe Maßstäbe an die eigenen Gefühle anzulegen.
Also zum Beispiel die Erwartung, Emotionen jederzeit kontrollieren zu können. Man fühlt also nicht nur etwas, sondern ist gleichzeitig damit beschäftigt, dieses Gefühl zu prüfen: Passt das gerade? Darf ich das fühlen?
Je perfekter die Emotionskontrolle wirkt, desto belastbarer und ausgeglichener erscheint man nach außen. Das macht es auch schwierig, dieses Muster infrage zu stellen. Ist doch schön, wenn einen alle so wahrnehmen, oder?
Wenn es einen eigenen Feiertag für emotionalen Perfektionismus geben würde, wäre das: Weihnachten. Alle wissen Bescheid, welche Gefühle in diesen Tagen angesagt sind: Freundlichkeit, Harmonie, Dankbarkeit, Frieden.

Leider gibt es kaum ein besseres Rezept für eine unangenehme gemeinsame Zeit als den Anspruch, dass alle bestimmte Gefühle haben müssen.

Für mich war es wichtig zu verstehen, dass es emotionalen Perfektionismus gibt.

Seit ich das weiß, fällt mir auf, wie oft ich Gefühle über meine Gefühle habe – wie oft ich also gestresst bin, weil ich denke, dass ich mich eigentlich gut fühlen sollte, aber tatsächlich gelangweilt, müde genervt bin.
Oder zu gut drauf: Viele Menschen bremsen sich genauso sehr bei Freude, Stolz oder Begeisterung.
// Danke fürs Lesen! Mich hat interessiert, was gegen emotionalen Perfektionismus hilft. Was ich herausgefunden habe, habe ich hier aufgeschrieben: https://steady.page/de/f98897b3-1154-448d-a5e4-479280be173f/posts/20e00d45-8d9e-4d62-9412-248be6cc69ae
Wie man unperfekt fühlt

Über emotionalen Perfektionismus und den Versuch, ihn loszuwerden.

Steady