#AdventOfMicrofiction

Ich schreibe viel, gerade auch von Hand. Ich führe regelmässig ein Tagebuch, schreibe mehrmals pro Woche meine Morgenseiten und lasse mich hin und wieder mithilfe von Prompts über Gott und die Welt aus. Von meinen Blogbeiträgen und den zahlreichen Texten für meinen Unterricht ganz zu schweigen. Aber eines schreibe ich nicht: Geschichten. Darum habe ich mir vorgenommen, im Dezember bis Heiligabend im Rahmen einer nicht ganz vollständigen 30-Day-Challenge jeden Tag eine sehr kurze #ScienceFiction Story zu schreiben, die maximal 1'000 Zeichen lang ist, damit sie in einen Mastodon-Post passt. #Microfiction nennt man das wohl. Es folgt also ein Faden, der von heute bis Heiligabend jeden Tag um einen Beitrag länger wird. So jedenfalls meine Absicht.

Quellenangabe zu den Illustrationen:
Night Bomb Shells, 3 in. Size, 1–24 aus: Illustrated Catalogue of Day and Night Bomb shells der Hirayama Fireworks Co., Yokohama, 1883, Public Domain via archive.org.

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⫸ Die längste Nacht

Die Dunkelheit frass das Neon, bis der erste Sonnenstrahl alle traf. Am Morgen flackerte auf allen Displays: DAY-01, Mitrar-Protokoll aktiviert.

Meine Rangmarke wurde grau. Die Waffenschnittstelle blieb tot.

Ich sah die Gouverneurin in der Garküche. Weisser Overall, keine Abzeichen. Sie kniete auf einer billigen Matte, reichte Schalen an Alte, Bedürftige, Leute ohne Score. Ihre Wachen hatten frei. Türen standen offen, Wärme, die sonst unter Strafe stand. Niemand durfte Befehle schicken, nicht einmal ein hartes Wort als Befehlscode.

Dann flackerte ein Interface neben mir. Jemand versuchte, die Sperre zu brechen. Ein unterdrückter Befehl zuckte durch die Luft, starb im Nichts. Die Gouverneurin hob den Kopf. Ihre Augen waren ruhig.

An der Wand leuchtete ein uraltes Graffito, halb gelöscht: „Mitrar sieht alle gleich.“ Ein alter Mann flüsterte: „Früher nannten sie es Brüder.“

Als die Sonne sank, flackerten die ersten Rangmarken zurück.

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