#AdventOfMicrofiction

Ich schreibe viel, gerade auch von Hand. Ich führe regelmässig ein Tagebuch, schreibe mehrmals pro Woche meine Morgenseiten und lasse mich hin und wieder mithilfe von Prompts über Gott und die Welt aus. Von meinen Blogbeiträgen und den zahlreichen Texten für meinen Unterricht ganz zu schweigen. Aber eines schreibe ich nicht: Geschichten. Darum habe ich mir vorgenommen, im Dezember bis Heiligabend im Rahmen einer nicht ganz vollständigen 30-Day-Challenge jeden Tag eine sehr kurze #ScienceFiction Story zu schreiben, die maximal 1'000 Zeichen lang ist, damit sie in einen Mastodon-Post passt. #Microfiction nennt man das wohl. Es folgt also ein Faden, der von heute bis Heiligabend jeden Tag um einen Beitrag länger wird. So jedenfalls meine Absicht.

Quellenangabe zu den Illustrationen:
Night Bomb Shells, 3 in. Size, 1–24 aus: Illustrated Catalogue of Day and Night Bomb shells der Hirayama Fireworks Co., Yokohama, 1883, Public Domain via archive.org.

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⫸ Der Betrachter

Marius stand auf dem Balkon seines Avatars und betrachtete die Architektur der Innensphären. Wochenlang analysierte er die Konkurrenzplattform – die Muster, nach denen sich deren virtuelle Räume organisierten, waren seiner Entwicklung weit überlegen. Wenn er nur verstünde, wie sie es machten!

Seine Finger glitten durch leuchtende Datenströme, während sein physischer Körper reglos in der Schlafkapsel lag. Oder stand. Er wusste es nicht mehr genau. Die Schnittstelle filterte solche Details heraus, damit sie die Konzentration nicht störten.

Plötzlich ein Ruck. Die Verbindung brach ab.

Marius lag auf dem Boden seines Wohnmoduls. Seine Kapsel war umgekippt, weil er vergessen hatte, sie zu sichern. Die Putzfrau – eine der wenigen mit Handarbeit, weil ihr Score zu niedrig war – stand in der Tür und schüttelte lächelnd den Kopf.

«Sie schauen in die Sphären», sagte sie, während sie ihm aufhalf, «aber Sie sehen nicht mal, dass Ihre Kapsel schief steht.»

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