#AdventOfMicrofiction

Ich schreibe viel, gerade auch von Hand. Ich führe regelmässig ein Tagebuch, schreibe mehrmals pro Woche meine Morgenseiten und lasse mich hin und wieder mithilfe von Prompts über Gott und die Welt aus. Von meinen Blogbeiträgen und den zahlreichen Texten für meinen Unterricht ganz zu schweigen. Aber eines schreibe ich nicht: Geschichten. Darum habe ich mir vorgenommen, im Dezember bis Heiligabend im Rahmen einer nicht ganz vollständigen 30-Day-Challenge jeden Tag eine sehr kurze #ScienceFiction Story zu schreiben, die maximal 1'000 Zeichen lang ist, damit sie in einen Mastodon-Post passt. #Microfiction nennt man das wohl. Es folgt also ein Faden, der von heute bis Heiligabend jeden Tag um einen Beitrag länger wird. So jedenfalls meine Absicht.

Quellenangabe zu den Illustrationen:
Night Bomb Shells, 3 in. Size, 1–24 aus: Illustrated Catalogue of Day and Night Bomb shells der Hirayama Fireworks Co., Yokohama, 1883, Public Domain via archive.org.

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⫸ Wortwerk

Ich stand in der untersten Halle der Bibliothek, wo zwischen Stahlpfeilern und Dampfventilen die Maschinen ihre Textstreifen auswarfen. Vor mir flackerte der pneumatische Leseschacht, eine alte Konstruktion aus Messing und Glas. Jeder Satz, den ich dort einsog, vibrierte bis in meinen Rachen, als würde mir die Maschine selbst neue Worte einhämmern.

Ein Sirenenton durchzog die Halle. Die Aufseher patrouillierten mit Schlagstöcken, suchten nach allen, die mehr lasen, als ihnen zustand. Ich drückte mich in eine Nische zwischen den schnaubenden Kolben. Nicht Neugier zog mich zum Schacht, sondern das Gefühl, dass jedes gelesene Wort meinem eigenen Denken eine neue Form gab.

Schritte näherten sich. Ich hielt den Atem an. Endlich, der Schacht klickte. Ein weiterer Streifen rutschte hervor. Während ich ihn einrollte, merkte ich, wie sich mein Mund anders bewegte – als hätte die Maschine mir eine Sprache gegeben, mit der ich endlich erzählen konnte, wer ich bin.

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