#AdventOfMicrofiction

Ich schreibe viel, gerade auch von Hand. Ich führe regelmässig ein Tagebuch, schreibe mehrmals pro Woche meine Morgenseiten und lasse mich hin und wieder mithilfe von Prompts über Gott und die Welt aus. Von meinen Blogbeiträgen und den zahlreichen Texten für meinen Unterricht ganz zu schweigen. Aber eines schreibe ich nicht: Geschichten. Darum habe ich mir vorgenommen, im Dezember bis Heiligabend im Rahmen einer nicht ganz vollständigen 30-Day-Challenge jeden Tag eine sehr kurze #ScienceFiction Story zu schreiben, die maximal 1'000 Zeichen lang ist, damit sie in einen Mastodon-Post passt. #Microfiction nennt man das wohl. Es folgt also ein Faden, der von heute bis Heiligabend jeden Tag um einen Beitrag länger wird. So jedenfalls meine Absicht.

Quellenangabe zu den Illustrationen:
Night Bomb Shells, 3 in. Size, 1–24 aus: Illustrated Catalogue of Day and Night Bomb shells der Hirayama Fireworks Co., Yokohama, 1883, Public Domain via archive.org.

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⫸ Die Vergessenden

Der Hafen roch nach Ozon und verbranntem Plastik. Unsere Crew suchte nach Vorräten, als wir die Enklave fanden. Die Menschen dort trugen alle denselben leeren Blick, dasselbe milde Lächeln.

«Probier es», flüsterte einer und reichte mir den Neuroplug. «Nur einmal.»

Ich klinkte mich ein.

Warm. So warm. Schmerzen weg. Schulden – weg. Bruder? Tot. Nein. Egal jetzt. Maschinenraum verblasst. Grau. Rauschen. Dann: Farben explodieren. Unmögliche Farben. Musik. Direkt ins Mark. Tiefer. Weiter. Keine Grenze mehr.

Stunden? Tage? Sekunden?

Irgendwo hämmert jemand. Weit weg. Zu weit.

Eine Stimme – Captain? Mara? – schreit meinen Namen. Wie klang er nochmal? Wichtig. War wichtig. Die Stimme bricht. Verzweifelt.

Ich sollte – müsste –

Nein. Die Farben. Nur die Farben zählen.

Das Hämmern verstummt.

Vielleicht legen sie ohne mich ab. Vielleicht bin ich schon längst vergessen.

Hier brauche ich keinen Namen.

🧵 6/n