Entspannt euch!

Letztens habe ich jemanden gehört, vielleicht war das der Bundeskanzler, der meinte, die Leute hier sollten sich mehr anstrengen, mehr arbeiten und länger, das wäre furchtbar wichtig, weil die wenigen Kapitalistinnen und ihr Freundeskreis sonst nicht noch reicher und mächtiger werden können. Vielleicht hat er es auch anders begründet, wegen Deutschland und so, aber das kommt aufs gleiche raus. Weil wenn jemand sagt, ohjeh ,ohjeh, Deutschland droht den Anschluss zu verlieren, dann meint er immer, das Kapital hier im Vergleich zum Kapital da und dort. Weil wenn’s dem Kapital richtig gut geht, dann läuft auch der Staat einigermaßen und dann lassen sich Sachen machen, ohne dem Kapital was wegzunehmen, also geht es wieder ums Kapital. Aber lassen wir das.
Jedenfalls habe ich es mir dann mal angeguckt, dieses Deutschland, von dem die immer reden. Das ist das drittreichste Land der Welt. Also nicht pro Kopf, sondern absolut. Und das ist ja schon einigermaßen erstaunlich, schließlich lebt hier nur ein Prozent der Bevölkerung. Ziemlich genau sogar. Also weltweit leben etwas über 8 Milliarden Menschen. Und ein Prozent von etwas mehr als 8 Milliarden ist etwas mehr als 80 Millionen. Anders gesagt: auf dem Ranking der bevölkerungsreichsten Länder ist Deutschland auf Platz 19. Wenn alle Menschen auf der Welt ungefähr gleich reich wären – was ja wünschenswert und gerecht wäre – dann müsste Deutschland auf dem Ranking der reichsten Länder der Welt auch auf Platz 19 sein. So, und das ist doch für die zufälligerweise hier lebenden Menschen mal eine gute Nachricht: Ihr habt 16 Plätze Luft nach unten! Ihr könnt euch jetzt ganz in Ruhe zurückfallen lassen. Entspannt euch!

Und dabei denkt mal darüber nach, was wichtig ist: ein schönes Gesundheitssystem, zum Beispiel, so dass Leute gerne ins Krankenhaus gehen, weil sie sich darauf freuen, dass ihnen da geholfen wird, von Leuten, die da gerne arbeiten, weil sie wissen, dass sie nicht kaputt geschunden werden. Dann, oder noch davor, aber es muss ja nicht alles der Reihe nach gehen: ausreichend und am besten wohlschmeckende und gesunde Nahrung. Das läuft doch schon ganz gut, die Nahrung muss noch etwas besser verteilt werden und dann gibt es da so ein paar Probleme mit der einsetzenden Wasserknappheit, da gibt es dann auch noch was zu tun. Und, ach ja, Wohnungen für alle, weil das wäre ja wirklich absurd, wenn im neunzehntreichsten Land der Welt Menschen auf der Straße leben müssten, wo es hier doch so kalt und unbequem ist. Es gibt bestimmt noch ein paar andere Dinge, die wichtig sind, aber es gibt noch viel mehr Dinge, die gar nicht wichtig sind. Die brauchen wir nicht, also brauchen wir auch nicht die Arbeit, die sie herstellt. Hier kann also sehr gut gespart werden. Das wird eine richtige kollektive Reichstumskur. Das beste ist: vieles von dem, was wir gar nicht brauchen, macht ganz viel kaputt, Bienen und Bäume zum Beispiel. Und die gute Laune. Weil wenn die Luft dick ist und der Lärm laut, dann lässt es sich schlecht schlafen.
Das sind also gute Aussichten.
Deswegen bin ich zuweilen ganz optimistisch, wenn ich die Leute mosern hören. Weil der Kanzler, damit meine ich jetzt den, der nach dem Typ nach Merkel kam, ist ja nicht der einzige, der in diese Tröte tutet. Letztens hab ich jemanden gehört, der hat sich darüber aufgeregt, dass die Bahnen oft spät sind und dann ging es ganz viel um die verschlafene Digitalisierung und das auf den Ämtern alles so lang dauert und die Polizei pennt. Prima, habe ich gedacht, das sind gute Nachrichten. In Indien geht auch vieles langsam und das ist ja das bevölkerungsreichste Land der Welt und also, sobald sie den Faschisten an der Regierung losgeworden sind, in dieser Hinsicht ein Vorbild. Außerdem hat mir der Heini erzählt, gibt es so viele Arbeitslose, die gar nicht arbeiten wollen. Da musste ich dann leider widersprechen. You wish, habe ich gerufen. Als da nämlich letztens mal nachgezählt wurde, kam raus, das sind nur ganz wenige. Und das ist, wenn wir hier das Ziel verfolgen, auf Platz 19 des Reichtumsrankings zu rutschen, ein Problem. Für alle, die sich vom Wachstumswunsch nicht verabschieden können, gibt es hier smit ein vielversprechendes Beschäftigungsfeld: in der Arbeitslosenstatistik ist noch großes Wachstumspotenzial.
Also, wenn sich mal wieder jemand beschwert, dass die Leute in Deutschland zu wenig arbeiten, das vieles nicht funktioniert und das Deutschland droht, im weltweiten Reichtumsranking abzurutschen, freut euch. Dieser Zug fährt in die richtige Richtung.
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@bini_adamczak ist das jetzt der nationalistische Turn des Post-Wachstums-Diskurses? ;)
@benni haha, der antinationalistische, Benny!