Gedanken zu Wissenschaftskommunikation & (Wort-)Bildern aus meinem Buch:

Wir Physiker*innen verwenden gerne Vergleiche aus dem Alltag: ob nun die Raumzeit als eine dünne Folie (oder Katzenhängematte 😺) oder das sich ausdehnende Universum mit Galaxien drin als Rosinenbrot. Solche Modelle vereinfachen physikalische/mathematische Zusammenhänge, so dass wir uns die wesentlichen Eigenschaften besonders einfach vorstellen können. 1/4

#VicisAstro #wisskomm #astronomie #physik #CatsOfMastodon #SciArt

Zumindest ich kann die Raumzeit um ein Schwarzes Loch berechnen, mir aber keine vier Dimensionen vorstellen. Ein solches Modell hilft mir, die Mathematik in Bilder (und Cartoons) zu übersetzen. Die Mathematik ist die Sprache der Physik, aber ohne viel entsprechendes Training lässt sich diese Sprache nicht verstehen. Gut, dass es Wissenschaftskommunikator*innen als Übersetzer*innen gibt! 2/4

#VicisAstro #wisskomm #astronomie #physik

Allerdings sind solche Modelle & Vergleiche aus unserem Alltag auch gefährlich: Sie sind keine vollständige Beschreibung der Wirklichkeit, das geht nur mit der Mathematik. Auch brechen sie recht einfach zusammen - es gibt z.B. keine unendlich dehnbare Folie. Manchmal können sie auch irreführend sein: bei einer Folie gibt es 2 Seiten, weil sie in einen 3dimensionalen Raum eingebettet ist. Das ist bei der vierdimensionalen Raumzeit nicht der Fall. 3/4

#VicisAstro #wisskomm #astronomie #physik

Trotzdem ist das Bild der Folie hilfreich, zum Beispiel im Gravitationslinsen zu verstehen (gravitationsbedingte Lichtablenkuig) oder warum Licht aus der unmittelbaren Nähe eines Neutronensterns oder Schwarzen Lochs rotveschoben bei uns ankommt. Wenn das Bild aber zusammen bricht, ist es kein Beweis, dass die Relativitätstheorie falsch ist. Nur dass unser Bild Unzulänglichkeiten hat. 4/4

Gravitationslinsen: https://www.esa.int/ESA_Multimedia/Images/2025/03/Strong_gravitational_lenses_captured_by_Euclid

#VicisAstro #wisskomm #astronomie #physik

Strong gravitational lenses captured by Euclid

Strong gravitational lenses captured by Euclid

@vicgrinberg

Das ist ja auch ähnlich in der Chemie. Da haben wir auch allerlei Modelle zur Visualisierung sei es in 3D oder auf Papier. Aber keines beschreibt wirklich die Realität, sondern zeigt nur mehr oder weniger viele Teilaspekte/Analogien. Wenn das bei Lernenden ankommt und verstanden wird, dann ist schon mal viel gewonnen.

@vicgrinberg
Beim Gummituchmodell stört mich, dass hier oft versucht wird, Gravitation durch Gravitation zu erklären: „Hier, schau! Die große Kugel drückt das Tuch nach unten, deshalb wird die kleine Kugel aus ihrer Bahn abgelenkt. Sie glaubt aber, sie rolle die ganze Zeit geradeaus. So funktioniert Gravitation durch Raumkrümmung!“ – hä?

@mardor ich stimme dem nicht zu, weil hier das Tuch/die Folie als eine Möglichkeit genommen wird, um die Wirkung des nach unten Drückens zu verbildchen. Ansonsten ist es ja nicht offensichtlich, das die Anziehungskraft verschieden kompakter Körper verschieden ist.

Aber das ist halt mit Bildern und Vergleichen: verschiedene Menschen konzentrieren sich auf verschiedene Aspekte und empfinden sie als verschieden gelungen. Muss mensch sich auch bewusst sein.

@vicgrinberg
Wie falsch wäre denn der Versuch, die Durchbiegung als Verlangsamung der lokalen Zeit darzustellen und die Krümmung des Raumes zunächst zu ignorieren? „Von oben betrachtet, sieht das karierte Tuch völlig unverzerrt aus, aber weil nahe an schweren Körpern die Zeit langsamer abläuft, ist die Außenseite der Kugel schneller und sie bewegt sich daher auf einer gekrümmten Bahn.“
@mardor die gekrümmte Bahn gibt es genauso für eine Punktmasse & die gekrümmten Bahnen sind eben nicht wegen der Zeitdilation gekrümmt. Außerdem ist der Vergleich für jemanden ohne Hintergrund in dem Bereich nicht nachvollziehbar (nach dem Motto: Warum sollte die Zeit langsamer sein?) & der ganze Trick ist das 2D Folie gesamte 4D Raumzeit darstellt. Das stimmt also an vielen Ecken nicht.
@mardor prinzipiell ist die Kenntnis des zugrundeliegenden Sachverhalts (also in dem Fall halt die entsprechende Physik-Ausbildung) die Grundlage um einen guten Vergleich zu entwickeln.
@vicgrinberg Ach, Mist, und ich dachte, diese Interpretation des Modells könne dabei helfen, sich wenigstens von der Vorstellung einer absoluten Zeit zu lösen.
@mardor das leistet auch das ursprüngliche Modell: die zwei Dimensionen der Folie können zwei beliebige Dimensionen der 4-Dimensional Raumzeit sein. Die Dehnung der Folie wäre dann die Dehnung der Zeit (wobei das Bild natürlich imperfekt ist und nicht alle Effekte korrekt wiedergibt).
@vicgrinberg Die Vorstellung, dass es keinen absoluten Raum gibt, finde ich viel schwieriger ins Hirn zu bekommen. Descartes hat da wohl mit seinem Koordinatensystem bei mir ganze Arbeit geleistet. ;-)
@mardor FYI - @mpoessel.de hat drauf hingewiesen, dass meine Antwort ggf missverständlich war. Sehe ich ein, dass ich zu sehr verkürzt habe beim Versuch die Zeichenzahl einzuhalten, hätte "die gekrümmten Bahnen sind eben nicht wegen des Unterschieds in Zeitdilation gekrümmt" heißen sollen: https://fed.brid.gy/r/https://bsky.app/profile/did:plc:4aa2mtfyjewhfg7uinr7hti4/post/3m444lzyily2o
Markus Pössel (@mpoessel.de)

Habe gerade noch die weitere Diskussion auf Mastodon gesehen und muss dir in einem Punkt widersprechen. Die Newtonschen gekrümmten Umlaufbahnen sind in der Tat durch ortsabhängige Zeitdilatation plus Eigenzeit-Extremalprinzip zu erklären. Das ist die ART-Beschreibung für Newtonsche Gravitation.

Bluesky Social
@vicgrinberg
Meine Umschreibung eines Gradienten mit „links anders als rechts“ war schon reichlich unmathematisch. Eine Visualisierung ist eben kein Modell.
@mpoessel.de
@mardor @mpoessel.de und social media sind in der Kürze sowieso schwer :)
Habe gerade noch die weitere Diskussion auf Mastodon gesehen und muss dir in einem Punkt widersprechen. Die Newtonschen gekrümmten Umlaufbahnen sind in der Tat durch ortsabhängige Zeitdilatation plus Eigenzeit-Extremalprinzip zu erklären. Das ist die ART-Beschreibung für Newtonsche Gravitation.

@mpoessel.de aber nicht durch den Unterschied der Zeitdilation auf der einen Seite einer Kugel vs auf der anderen? So habe ich den Kommentar verstanden.

Dass die gekrümmten Bahnen den kürzesten bzw. den Extremwerten der Zeit entsprechen ist klar, aber so habe ich den Kommentar nicht gelesen.

Stimmt, der Teilaspekt ist falsch, aber „weil nahe an schweren Körpern die Zeit langsamer abläuft“ halt schon der Grund. Deine Antwort liest sich für mich so als würdest du der Zeitdilatation generell einen Platzverweis erteilen.
@mpoessel.de ah, ne, so war das nicht gemeint. Ich verlinke mal von da hierher zur Klarstellung.