Bei der »Verkleidung der Herrschaft in Produktion« als »spezifischen ökonomischen Grund« des Antisemitismus und des autoritären Charakters geht es nicht so sehr um Armut, sondern vor allem um den »stummen Zwang« und das als Einzelne ohnmächtige Ausgeliefertsein gegenüber den ökonomischen und ökonomisch bestimmten Verhältnissen im Kapitalismus:

»Daß der Faschismus nachlebt; daß die vielzitierte Aufarbeitung der Vergangenheit bis heute nicht gelang und zu ihrem Zerrbild, dem leeren und kalten Vergessen, ausartete, rührt daher, daß die objektiven gesellschaftlichen Voraussetzungen fortbestehen, die den Faschismus zeitigten. Er kann nicht wesentlich aus subjektiven Dispositionen abgeleitet werden. Die ökonomische Ordnung und, nach ihrem Modell, weithin auch die ökonomische Organisation verhält nach wie vor die Majorität zur Abhängigkeit von Gegebenheiten, über die sie nichts vermag, und zur Unmündigkeit. Wenn sie leben wollen, bleibt ihnen nichts übrig, als dem Gegebenen sich anzupassen, sich zu fügen; sie müssen eben jene autonome Subjektivität durchstreichen, an welche die Idee von Demokratie appelliert, können sich selbst erhalten nur, wenn sie auf ihr Selbst verzichten. Den Verblendungszusammenhang zu durchschauen, mutet ihnen eben die schmerzliche Anstrengung der Erkenntnis zu, an welcher die Einrichtung des Lebens, nicht zuletzt die zur Totalität aufgeblähte Kulturindustrie, sie hindert. Die Notwendigkeit solcher Anpassung, die zur Identifikation mit Bestehendem, Gegebenem, mit Macht als solcher, schafft das totalitäre Potential. Es wird verstärkt von der Unzufriedenheit und der Wut, die der Zwang zur Anpassung selber produziert und reproduziert. Weil die Realität jene Autonomie, schließlich jenes mögliche Glück nicht einlöst, das der Begriff von Demokratie eigentlich verspricht, sind sie indifferent gegen diese, wofern sie sie nicht insgeheim hassen. Die politische Organisationsform wird als der gesellschaftlichen und ökonomischen Realität unangemessen erfahren; wie man selber sich anpassen muß, so möchte man, daß auch die Formen des kollektiven Lebens sich anpassen, um so mehr, als man von solcher Anpassung das streamlining des Staatswesens als eines Riesenunternehmens im keineswegs so friedlichen Wettbewerb aller sich erwartet. Die, deren reale Ohnmacht andauert, ertragen das Bessere nicht einmal als Schein; lieber möchten sie die Verpflichtung zu einer Autonomie loswerden, von der sie argwöhnen, daß sie ihr doch nicht nachleben können, und sich in den Schmelztiegel des Kollektiv-Ichs werfen.« Theodor W. Adorno, Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit, in: Erziehung zur Mündigkeit, S. 22f.)

Die Sanktionen beim Bürgergeld verschärfen diesen Zwang zur Anpassung noch. Es geht also weniger um Armut, sondern um den Zwang und auch um die damit einhergehenden Mystifikationen oder den Verblendungszusammenhang. Für Mystifikationen sind aber selbstverständlich nicht nur diejenigen anfällig, die direkt unter dem ökonomischen Zwang leiden, weil sie lohnabhängig sind, sondern prinzipiell alle in kapitalistischen Verhältnissen lebende Menschen, da alle dem Verblendungszusammenhang unterliegen, also auch Studenten, Professoren oder Milliardäre.

Wenn Ines Schwerdtner in einem social media post die Absage der Veranstaltung mit Francesca Albanese an der FU Berlin als verstörend bezeichnen und meint, es müsse möglich sein, über »Menschenrechtsverletzungen im Gazastreifen und den Vorwurf des Genozids zu diskutieren« und Heidi Reichinnek und Jan van Aken das teilen; wenn die Linke Kassel meint, »ob Ukraine, Türkei oder Israel«, Waffenlieferungen seien »für einen gerechten Frieden« zu stoppen; wenn es in Kassel Sticker von der Linken gibt, auf denen »Freiheit für Palästina« gefordert wird und wenn es Plakate der Linken Tempelhof-Schöneberg gibt, auf denen »Gegen jeden Völkermord« zu lesen ist, dann halte ich das für falsch und lehne es ab. Das sind wohl keine offiziellen Plakate der Partei, sondern sie werden anscheinend von einigen Kreis- oder Bezirksverbänden jeweils auf eigene Kosten gedruckt, was die Sache nicht besser macht. Das ändert aber nichts an der Argumentation in Bezug auf die »Verkleidung der Herrschaft in Produktion« hinsichtlich der Linken im Vergleich zu allen anderen relevanten Parteien bei der Bundestagswahl. Alle Parteien außer der Linken würden ihren Wahlprogrammen zufolge die soziale Situation für Lohnabhängige und besonders Niedriglohn-Verdienende objektiv verschlechtern, weil sie mit Beibehaltung oder Verschärfung der Sanktionen beim Bürgergeld den Niedriglohnsektor ausbauen oder aufrechterhalten wollen, was Druck auf alle Lohnabhängigen ausübt. Es gibt hier leider nur schlechte Alternativen und ich habe erklärt, warum ich die für meine soziale Situation objektiv beste der schlechten wählen muss.