Ich mach' das mal ziemlich klar, damit das Entfolgen und mich einen Nazi nennen jetzt gleich von der Bühne gehen kann: ich finde Oktober in Europa ist ein verdammt trefflich geschriebenes Lied, das genau die Probleme in unseren eigenen Rängen aufzeigt.

Ich wuchs in der Autonomen Szene auf. Mit 15 verließ ich das Elternhaus, nicht ganz ohne Beschimpfungen und Anfeindungen, und zog in meine erste „WG“, eine Kommune am Ende der Stadt, mit einem kleinen Garten, in dem man Selbstversorger sein wollte, aber im Endeffekt nur weggeworfene Bierflaschen und Kippen wuchsen. Mein Zimmer war neben dem Klo, das immer nach Kotze und Scheiße stank, und das Fenster hatte der Vorbewohner mit einem Hammer und Sichel besprüht. Aber ich war „daheim“ unter meinen Leuten, meinen Ideen.

Es gab eigentlich immer Kippen und Bier, Weed, wenn man wieder was da war, und niemand drehte auch nur den Kopf, wenn man um drei Uhr nachts nackt auf den Balkon zum Pinkeln ging. Wir hörten Neubauten und Biermann, sangen „Commandante Che Guevara“ mit Inbrunst, lasen Trotsky und Krupskaya, und ab und zu veranstalteten wir „Happenings“ im Wohnzimmer, fünf Mark Eintritt, und bezahlten davon mehr Weed.

Eine Sache wurde mir damals schon ganz klar gesagt, im Flüsterton, am zweiten Tag: „Lass bloß keinen wissen, dass Du Jude bist.“ Als Jude hatte ich mich noch nie wirklich gesehen. Ja, ich war der Sohn einer Jüdin, und damit zumindest auf dem Papier Jude, aber ich war Atheist und Kommunist, und wusste, was Religion war. Nichts Gutes, eben.

Als ich bei einem der Happenings eine junge Frau, der der Gestank von Kotze und Scheiße von nebenan wohl nichts ausmachte, in meinem Bett hatte, schreckte sie zurück. „Du bist aber kein Jude?“ stöhnte sie ärgerlich, und zeigte auf den Raum zwischen meinen Beinen. Ich redete mich heraus mit „Phimose in der Kindheit”, aber sie fand das Ganze, weil es so jüdisch aussah, nur noch ekelhaft, verließ das Zimmer, und suchte sich einen neuen Bettgefährten.

Ich fühlte mich in den folgenden Tagen ob dieser Lüge absolut scheiße. Nicht nur, weil ich gelogen hatte, sondern auch warum ich es getan hatte. Für Sex. Nicht einmal zum Überleben. Nur um in dieser Nacht einen geblasen zu bekommen. Das wog um so schwerer, als dass ich nur Wochen vorher mit meinem Großvater im Eklat auseinander gegangen war. Ich hatte im vorgeworfen, damals nichts gegen die Nazis getan zu haben, geschwiegen zu haben, gelogen zu haben. Und jetzt, mehr als vierzig Jahre später, log ich. Nicht einmal aus einem triftigen Grund, nur um dazu zu gehören.

Hass auf Juden war in der Linken, Autonomen, Szene weit verbreitet. Das kam hauptsächlich aus der Heldenverehrung der RAF und der Landshut-Märtyrer. Baader, Ensslin, Mahler, und Meinhof wurden von der palästinensischen Fatah ausgebildet, die PLFP hatte auch die Freilassung der Gefangenen in Stammheim während der Landshut-Entführung gefordert. Geld kam aus dem Osten, aber halt auch aus den terroristisch-islamistischen Kreisen. Und der Feind unseres Freundes war ein Feind. Juden waren Feinde.

Ich verließ die Szene Jahre später. Immer noch verhalten, was mein “Judentum” anging. Erst zwei Jahre später, in einer anderen Stadt, in einem anderen Freundeskreis, traute ich mich anzumerken, dass meine Großmutter gestorben war, und ich deshalb nicht da war, weil ich Schiv'a gesessen hatte.

In all den Jahren in Deutschland, war ich nur einmal aktiv als Jude von Rechts angegangen worden. Es war Freitag Abend, und ich hatte eine Bekannte zum Chabad Haus begleitet, weil sie nicht alleine gehen wollte, und ich halt verfügbar (und etwas verknallt) war. Auf dem Heimweg, alleine, das ganze Verknalltsein hatte wohl nix gebracht, lief ich in eine Gruppe Burschies und Glatzköpfe. Einer drehte sich um, spuckte auf den Gehweg, und bellte “Schabat Schalom, JUDE!” — das war’s. Mehr passierte mir(!) nicht.

Das bedeutete nicht, dass ich den Antisemitismus der Rechten nicht sah. Parolen auf Häuserwänden, die Lieder der Sturmfront und anderer rechter Musiker, der Judenhass, der selbst in Ansprachen der Republikaner (“ich will den Herrn Bubis nicht mögen müssen”) heraustrat, und mehr.

Ich verbrachte die nächsten Jahrzehnte in den USA. Hier war der Hass auf Juden verhaltener. Verschwörungstheorien kamen aus den “verrückten” Ecken der Linken und Rechten, aber der Mainstream hatte eine sehr viel relaxtere Einstellung zum Judentum. War ich halt Jude, egal. Selbst die Redneck Yokels, mit denen ich meine Zeit im Basic Training und AIT verbrachte, waren mehr neugierig “so y’alls don’t eat them pork things and don’t fuck on Friday night?” als gehässig.

Ich stehe seit der Nacht, in der ich gelogen habe um einen Blowjob zu bekommen, nicht mehr still da, wenn Judenhass, Homophobie, Aberkennund der Grundrechte von Frauen und LGBTQ+, und mehr hoffähig gemacht werden.

In einer Zeit, in der ein Tweet von 2010 zur totalen Löschung einer Person des öffentlichen Lebens führen kann, fühlt es sich schwer problematisch an, wenn Seiten wie Boykottzionism selbst im Fediverse beworben werden, die offen zum Mord an Juden und Israelis aufrufen. Oder wenn River-to-the-Sea Rufe auf "#niewiederistjetzt" Demos toleriert werden.

Und deshalb, ja, löscht mich, aber ich mag das Lied verdammt gerne.

@mikka hiermit hast du einen Follower mehr. #Antisemitismus bekämpfen! 💪
@mikka Ich kenne das Lied nicht und war nie in einer linken Szene (noch sonst einer), da ich auch kaum soziale Skills habe und daher kaum Kontakte oder entsprechende Berührungspunkte hätten entstehen konnten. Es schockiert mich sehr, was du erzählst und was du damals erlebt hast. Allein, dass Menschen, die sich links sehen und meiner Meinung nach auf Inklusion pochen müssen, es überhaupt kümmert, ob etwas jüdisch ist oder auch nur so für sie wirkt, und dass es darüber sie sogar stört, lässt mich sprachlos (und betrübt) zurück. Ich weiß, das bringt dir nichts, aber ich wollte irgendwie meine Anteilnahme (bin mir nicht sicher, ob ich gerade das richtige Wort verwende) zeigen.

@mikka

Danke für diesen Toot.
Mir laufen gerade die Tränen, weil ich eigentlich jeden Satz fühlen kann. Und ich bin keine Jüdin, habe aber genug Empathie und bin eine radikale Linke, um jeden Satz fühlen zu können.
Dieser schleichende, flüsternde, codierte Antisemitismus. Ich habe ihn auf Twitter offen benannt, Accounts entsprechend attackiert. Deswegen. Und auch hier werde ich niemals still sein. Und schon mal gar nicht so still wie die Linksliberalen und Linken es am 7. Oktober waren.

@mikka
Na siehst du. Ich beweise das Gegenteil. Du warst mir wohl schon länger gefolgt, ganz still. Und nun folge ich dir sehr gerne zurück. Aufgrund dieses Berichtes.
🕎🫶🏼
@mikka Wow. Einfach nur wow. Danke für Deinen Beitrag...

@mikka
Kenne dieses Lied nicht.
Bin Linksgrün versifft, lehne allerdings jedweden Extremismus ab (ob rechts oder links).

Bin Feministin.

Für mich sind alle Menschen Menschys.
Mir ist Religion, Hautfarbe und Sexuelle Gesinnung egal. Ok, Pädophile nicht.

Danke für Deinen Tröt und den offenen Einblick in Dein Leben.

@CaroW @mikka hör dir das Lied unbedingt an. Oktober in Europa ist einer der wichtigsten Song in diesem Jahr
@mikka Schade, dass ich dir schon folge, sonst hättest du jetzt einen Follower mehr. 😉

@mikka Auf jeden Fall ein starkes Stück, welchen Einblick du zulässt. Dankeschön.
Ich wollte erst schreiben "Hut ab" und jetzt denke ich darüber nach, wo diese Redewendungen herkommt und ab das für Kippas auch "geht".

Ein starker Text !

@mikka danke für die offenen Worte.

@mikka

Ich bin (ohne jüdischen Hintergrund) mit...

"Welche Farbe das Dreieck hatte das sie tragen mussten spielt keine Rolle - sie alle müssen immer und überall unseren Schutz bekommen."

...groß geworden.

Aber auch ich habe es in keiner linken Szene lange ausgehalten - obwohl ich meine durch und durch LinksGrünVersifft zu sein...🤷‍♂️

Im Mittel gibt es auch in diesen Szenen viel zu viele absolutistische Narzissten - inklusive der dazu gehörigen Opportunisten... 😪

@mikka
Ich habe gerade Gänsehaut bekommen beim lesen.
@mikka
Nette Geschichte. Leider mit einem kleinen Fehler: es gab kein "Weed" zu dieser Zeit. Manchmal sind es nur Kleinigkeiten, die mich zweifeln lassen.
@masterhajoda In den 90ern gab es sehr wohl Weed. Nicht so oft wie Hash, aber durchaus. Und gerade aus Holland kamen geile Sachen wie Blueberry, und ganz viel Schwag mit Samen und Müllteilen drin. Und auf Seedfinder findet man recht viele Strains die schon in den 80ern feminisiert wurden.
@mikka
Oh - das stimmt. Mein Fehler. Jetzt erinnere ich mich wieder an meinen "First Contact" mit dem Teufelskraut, als ich, unterwegs nach Sandfort, auf dem Leidseplein in Amsterdam am Nachmittag noch einen Kaffee getrunken habe. Sandfort habe ich dann nie erreicht, sondern bin gegen Mitternacht am nördlichen Ufer des IJsselmeers rausgekommen. Und das war tatsächlich schon in den 80ern.
@mikka danke fürs teilen dieser tiefen einblicke!
@mikka ich bin sowas von nicht links, aber ich finde es wichtig, über Sachfragen auch mit Leuten die politisch völlig anders stehen zu streiten. Differenziertes Denken auch gegenüber dem eigenen politischen „Lager“ ist viel zu selten, links wie rechts wird zu oft ne Religion draus gemacht. Ich hätte dir tausend bessere Wege gewünscht, dass es dazu kommt, aber danke für diese kritische Auseinandersetzung! Denn es gibt Themen, die gehen weder links noch recht. Judenhass zum Beispiel.
@mikka fühl dich Unbekannterweise gedrückt ✊ 🇮🇱 *followgeräusch*

@mikka Danke fürs Teilen!

Kannst du (oder gern auch jemand anderes) kurz erklären war mit dem Tweet von 2010 gemeint ist? Oder ist das symbolisch gemeint?

@kasimir
M. W. nicht aktuell, IIRC wurde vor einigen Jahren eine Nachwuchspolitikerin attackiert, weil sie als vielleicht 14-jährige etwas in der Tat inakzeptables getweetet hatte, aber dann IIRC souverän damit umgegangen ist.
@mikka
@mikka Starker Kommentar. Starkes Lied. Oder besser: Das Lied berührt mich an all den richtigen Stellen. Macht mich unruhig. Traurig. Wütend, Betroffen. Denn es ist auch meine Welt.
Aber jetzt ehrlich: Wussten wir das nicht schon die ganze Zeit? Es war halt nicht so offensichtlich, aber der "Saujud" kam auch in meiner Jugend den Leuten locker von den Lippen.
@mikka Danke für diesen "Einblick".