#feministischerKampftag
[Ab hier folgt der Text von damals.]
Heute ist Feministischer Kampftag und ich habe dazu ein paar Gedanken zum Thema Intersektionalität und Solidarität. Kurz gesagt, ich möchte etwas dazu schreiben, dass wir nicht verlieren, sondern gewinnen, wenn wir unsere Kämpfe gemeinsam führen.
Oder weil Personen mit Behinderungen und chronisch kranke Personen durch Barrieren [Ergänzug aus 2024: oder mangelnden Infektionsschutz] ausgeschlossen werden.
Wenn das angesprochen wird, führt das oft zu einer Art Abwehrhaltung. So nach dem Motto: "Aber wir sind doch schon die Guten, weil wir uns gegen rechts positionieren, weil wir Frauen fördern, weil XY, was wollt ihr denn noch, nix kann man richtig machen."
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(Das ist zum einen auch der Tatsache geschuldet, wie unsere Gesellschaft mit Fehlern umgeht. Zu lernen, dass man Fehler zugeben und nutzen kann, um Dinge besser zu machen, statt sofort abzublocken, ist auch wichtig, aber das nur am Rande.)
Vor allem aber sehe ich, dass die Forderung nach intersektionalem und solidarischen Denken oft als Bedrohung oder übertriebene Anspruchshaltung gesehen wird, während sie in Wirklichkeit die größte Chance ist, die sich uns bietet.
Für mich war die Erkenntnis, dass viele verschiedene Kämpfe nur verschiedene Facetten des Kampfes gegen die patriarchale, cis-heteronormative, binär gedachte, neoliberale, rassistische, ableistische Gesellschaft sind, in der wir alle leben, ein echter Game Changer.
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Je mehr ich darüber gelernt habe, wo, wie, warum Unterdrückung, Ausgrenzung, Kontrolle, Gewalt und Zum-Schweigen-Bringen stattfinden, desto deutlicher wurde: Das hängt alles zusammen.
Es ist immer dieselbe Haltung dahinter. Es ist immer dieselbe Illusion von "normal" und "objektiv", erdacht und durchgesetzt seit Hunderten von Jahren, um immer dieselben Leute an der Spitze zu halten, denselben Status quo zu zementieren, alles zu zerschlagen, was ihn infrage stellt.
Beispiel: Der Staat greift gewaltvoll in die körperliche Autonomie von Menschen ein. Das tut er durch das Verbot von Abtreibungen, er tut es aber auch durch die gewaltvollen Gängelungen gegenüber trans Menschen, er tut es auch durch angleichenden OPs an inter Säuglingen. Und er tut es genauso, wenn er behinderte Menschen aus Kostengründen in Heime stecken will.
Es sind dieselben Strukturen, gegen die wir uns auflehnen, auch wenn wir es vielleicht nicht sofort als denselben Kampf begreifen.
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Das schwule Paar, das bepöbelt wird, die cis Frau, die den Job nicht bekommt, weil sie Kinder kriegen könnte, die migrantisch gelesene Person, die wegen ihres Namens keine Wohnung bekommt: Alles bedingt durch die patriarchale, cis-heteronormative, rassistische Gesellschaft.
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Die lesbische Frau, die das Kind ihrer Ehefrau adoptieren muss. Die nicht-binäre Person, die um ihren "divers"-Eintrag kämpfen muss. Die behinderte Person, der von der Krankenkasse ihre Hilfsmittel verwehrt werden. Alles Beispiele für institutionelle Gewalt.
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Und natürlich kann niemand auf Anhieb alle Kämpfe kennen und verstehen, die andere Personen ausfechten. Und natürlich gibt es Mehrfach-Marginalisierte, die alles noch schlimmer betrifft. Aber wir können verstehen und anerkennen, dass diese Kämpfe auch unsere Kämpfe sind. Wir müssen nicht alle Wünsche und Probleme nachvollziehen können, aber wir können denen zuhören und glauben, die uns davon erzählen.
Wir müssen nicht immer alles richtig machen, aber wir können lernen, wenn wir auf Fehler hingewiesen werden. Denn wenn wir erkennen und begreifen, wer alles ebenfalls unter dem Status Quo und der sogenannten "Mehrheitsgesellschaft" leidet, dann begreifen wir auch, dass wir viel mehr sind, als wir vielleicht dachten. So viele, dass wir etwas bewegen können.
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Deswegen macht es mich traurig und wütend, wenn cis Frauen den heutigen Tag nur für sich wollen. Oder wenn linke Spaces BI_PoC durch Rassismus ausschließen. Oder wenn behinderte Menschen und chronisch kranke Menschen keinen Zugang kriegen oder nicht risikofrei teilnehmen können.
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Und es geht gar nicht darum, dass wir nun alle, völlig überfordert von all den Baustellen, alle Kämpfe gleichzeitig ausfechten können. Aber ich glaube, wir könnten so viel gewinnen, wenn wir nach links und rechts gucken und sehen: Da wird auch gekämpft. Und in den entscheidenden Momenten, wenn es z. B. um konkrete Aktionen geht, um Abstimmungen oder Petitionen oder Spenden etc., den anderen zuhören und sie unterstützen.
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Wir sitzen nicht unbedingt alle im gleichen Boot. Wir sitzen in vielen verschiedenen Booten, auf dem Meer aus Kapitalismus, Patriarchat und White Supremacy. Und damit wir nicht untergehen, müssen wir Brücken bauen.
[Ende des damaligen Threads.]
[Daran zu glauben, dass wir Brücken bauen können, fällt schwerer als noch 2019, not gonna lie. Aber ich versuchs.]
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#feministischer Kampftag

Oh, vielen Dank :)
@catrinity Ich finde diese Feststellung, dass es überall die gleichen Mechanismen und das gleiche System sind, auch sehr wertvoll!
Ich hab ja eine Filmidee dazu, aber wo finde ich jetzt noch Zeit, ein Drehbuch zu schreiben ...
Ja, je mehr man das so durchblickt, desto mehr Sinn ergibt alles (und je weniger Verständnis hat man für Leute, die sich immer nur die IchIchIch-Rosinen rauspicken möchten aus den Themen ...)
Ich glaube, den Thread habe ich damals schon auf Twitter gelesen und fand ihn damals schon klasse.
Jede Diskriminierung hat immer einen weiteren Kontext und jeder Kampf gegen sie muss daher auch intersektional sein.
PS: Eine Gruppe, die du nicht erwähnt hast, sind Arme. Wenn es z.B. bei Pride-Veranstaltungen nicht einmal ein Wasser gegen Bargeld gibt¹, schließt das explizit Menschen ohne funktionierendes Bankkonto oder mit dem Bedarf für Anonymität aus.
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¹so etwa in Zürich
Ja, total, das ist auf jeden Fall auch super wichtig, danke für die Ergänzung! Und volle Zustimmung zur Verknüpfung von Patriarchat und Kapitalismus.
@catrinity Ich hab mal eine wunderschöne Metapher gehört, die mir immer noch im Gedächtnis geblieben ist:
Die Scheißhaufen-Metapher!
Stell dir vor, die ganze Welt ist voller Scheißhaufen, Patriarchat, Rassismus, Queerfeindlichkeit, Kapitalismus, Klassismus, etc etc. Nun gibt es Leute, die die Scheiße wegschaufeln (vielleicht auf Komposte?) und daran hart arbeiten. Und da ist es vollkommen legitim, wenn ein Mensch sich sagt: "Ich schaufele nur an diesem einen Haufen, der ist groß genug, für all die anderen Haufen hab ich keine Zeit und Kraft und keinen Kopf."
Was nur nicht ok ist, sind Leute, die versuchen, "ihren" Scheißhaufen kleiner zu kriegen, indem sie die Scheiße auf die anderen Haufen werfen. Also die z.B. meinen, Transfeindlichkeit wäre Teil von Feminismus oder ihren Rassismus müssten sie nicht hinterfragen, weil sie ja gegen Tierausbeutung so viel täten (das war das Beispiel in dem ich diese Metapher damals gehört habe).
Ich denke oft daran, wenn ich mich von zu vielen wichtigen Themen überfordert fühle und versuche, sofern möglich, zu klären, ob ich zu mehr Scheiße beitrage und das einstellen könnte und müsste, oder ob es halt ok ist, dass ich mich erstmal auf einen anderen Scheißhaufen konzentriere. Und diese Sichtweise hilft mir dann auch, insgesamt weniger überfordert zu sein und mehr Scheiße überwinden zu können.
Weil ich nämlich niemals akzeptieren werde, dass es ok oder unausweichlich ist, dass ein Befreiungskampf auf dem Rücken anderer Unterdrückter ausgeführt wird. Wir können ALLE Scheiße überwinden, gemeinsam.
Ich mag diese Metapher!
@kleines_z
Ja stimmt, das war echt da!
Ist schon etwa 20 Jahre her jetzt. Wer auf der Bühne gesprochen hat weiß ich auch nicht mehr, aber der war auch nicht so wichtig :joy:
Aber kannste mal sehen, wie solche Begegnungen und Unterhaltungen hängen bleiben können. Vermutlich passiert sowas viel öfter, als wir das mitbekommen. Das macht ja dann auch schon wieder Mut. Da scheint es doch wahrscheinlich, dass ich und auch sonst jede*r auch schonmal was gesagt habe/hat, das bei wem anders was Bereicherndes ausgelöst hat 😊