Jut, dann erzähl ich mal wie Personenstands- und Vornamensänderung in 2015 FÜR MICH abliefen. Beides ist völlig getrennt, von HRT (Hormone replacement therapy) und OPs, aber auch vom "Alltagstest" den man in der Regel bestehen musste, um die Hormone zu erhalten. Wenn man zu der Zeit Glück hatte, kannte man jemanden, der ein paar Vorlagen für allgemeine Schreiben an Krankenkasse und Gericht zur Hand hatte. Ich hatte teilweise welche, teilweise nichts. (LANGER THREAD)

Um Vornamen und Personenstand (“Geschlecht”) 2015 ändern zu lassen musste man einen Gerichtsprozess eröffnen, in dem man eine Richter*In davon überzeugt, dass man diese beiden Dinge für sein weiteres Leben und Wohlbefinden benötigt. Das Gericht forderte dann 2 medizinische Gutachten wobei mindestens eines von einem Psychiater stammen musste. Gutachten kosten Geld. Meine haben zusammen rund 3.000 Euro gekostet, es gab allerdings in Selbsthilfegruppen auch Menschen, die 2.500 Euro pro Gutachten gezahlt haben.

Ich hatte Glück, um das Geld musste ich mir keine Sorgen machen, da ich es nicht hatte. Ich hatte Prozesskostenbeihilfe beantragt, die man zurückzahlt sobald man das Geld hat. Das kann 10 Jahre lang gerichtlich überprüft werden und wurde es bisher auch alle 2 Jahre. Wer einen Job hat und es zahlen kann, muss es jedoch selbst zahlen.
Für Gutachten benötigt man Gutachter*Innen und die müssen anerkannt sein. Dafür habe ich mir von meiner Krankenkasse eine Liste schicken lassen und dann Termine bei mir völlig fremden Menschen vereinbart. Die Gutachter*Innen haben dann jeweils zwei Tests, zusammen glaub ich so 50 Seiten, geschickt, die ich vor dem Gespräch ausfüllen musste. Außerdem sollte ich einen “Trans Lebenslauf” verfassen, in dem ich im Detail schildere wie sich meine Geschlechtsidentität über mein bisheriges Leben entwickelt hat.

Tests, Gutachten und gerichtliches Vorgehen waren nicht genormt, jeder durfte Antworten auf alles verlangen, was er*sie wissen wollte. Die eine Gutachterin ging sexuell sehr ins Detail. Fragen im Test umfassten unter anderem wie oft und mit wem ich Sex habe, ob ich pädophil bin, ob ich Fetische habe, ob ich aktiv oder passiv bin, HIV-Status, in welchem Alter das erste Mal stattfand oder ob und wie ich masturbiere.

Im Gespräch ging sie noch einmal darauf ein, bewertete mich aber vor allem optisch. In diesem der zwei Gutachten stand dann zum Beispiel “spricht männlich”, “hält Körperhygiene ein” und “trägt saubere Kleidung”. Der andere Gutachter war erfahrener Psychiater, der viele hundert trans Personen begleitete und stellte solche Fragen nicht. Dafür ging er in die Psychoanalyse und wollte alles über meine Kindheit und meine Eltern wissen.
Dieser Prozess, zwei Gutachten zu erhalten, dauerte rund ein halbes Jahr. Zudem wurde ein Chromosomentest in der Genetik angesetzt, auch dieser Ansatz der Zellkulturen dauerte 6 Monate. Dabei wurde getestet, ob die Chromosomen auf eine Intersexualität hindeuten, ein damaliges kleines Schlupfloch, dann geht der Prozess schneller, weil man Menschen eher glaubt, wenn sie genetisch nicht absolut sauber zuordenbar sind. Das war bei mir nicht der Fall.

Beide Gutachten und mein 10-seitiger Lebenslauf rund um sexuelle und Genderidentität wurden dann einer Richterin vorgelegt. Diese hatte dann einige Monate Zeit, sich Gedanken dazu zu machen und setzte zwei Termine an, einen in dem sie mich noch einmal ausfragen würde und einen in dem sie mir das finale Urteil mitteilt und erklärt. Nun muss man wissen, dass an dieser Änderung mehr als Ansprache hängt. Ein trans Mann der Kinder hat, wird behördlich weiter als Mutter geführt, eine trans Frau weiter als Vater. Adoptionen konnten damals ungültig werden, weil die Elternperson “nicht mehr existiert”.

Ehen wurden standardisiert geschieden, bevor es die Ehe für alle gab, denn: Mann und Frau existieren ja nicht mehr, sondern sind nun Mann und Mann oder Frau und Frau. Ein Bekannter verlor gleichzeitig die Elternschaft seiner Tochter und musste sich von seinem Mann scheiden lassen. Wenigstens die Scheidung wird nun dank der neuen Eheregelung nicht mehr verlangt.
Das Erste worauf mich die Richterin damals hinwies ist, dass sie keine Sterilisation mehr verlangen kann seit 2011 das alte trans Gesetz außer Kraft gesetzt wurde. Sie “würde sie mir aber nahelegen, weil sie da schon Dinge erlebt hat”. Sie könne allerdings Ansprüche stellen und in ihrem Fall sei das, dass sie fordert, dass ich zusichere, aktuell nicht schwanger zu sein und nicht schwanger werden zu wollen. Sie habe schon Personenstandsänderungen genehmigt und dann sei der “angebliche Mann” schwanger zur Verhandlung gekommen.

Davon ab war das Gespräch relativ neutral, sie war nicht unsympathisch, sie war nicht rechts, was in Sachsen nicht immer selbstverständlich ist. Wir gingen die merkwürdigen Gutachten einzeln durch, ich musste noch einmal Details zu meinem Privatleben offenlegen, Beziehungsdetails, Sexleben, Gesundheitsstatus. Im zweiten Termin stimmte sie den Änderungen zu, Rechnung kommt. Gerichtsprozess und Gutachten zusammen haben rund 6.000 Euro gekostet.

Mit diesen Beschlüssen konnte ich dann nach etwa 9 Monaten gesamt die Hormone, OPs und weitere Genehmigungen zB für Prothesen bei der Krankenkasse beantragen. Achso, was war denn nun mit dem “Alltagstest”, fragt ihr. Die Gutachter*Innen und später die Krankenkasse konnten damals verlangen, dass man - ohne optische Angleichung und Hormone - “mindestens 12 Monate im anderen Geschlecht lebt”. Heißt: Verkleiden, für trans Männer das Brustgewebe durch starkes Abbinden zerstören, Stimme verstellen und dennoch überall als “Frau” erkannt werden.
Bei wem das verlangt wurde, für den dauerte der Prozess bis zur Beantragung einer Genehmigung einer OP (KK arbeitet noch langsamer) oder der Hormone rund 2 Jahre. Ich kam drumrum, weil der spezialisierte Gutachter direkt beim ersten Gespräch sagte “Reicht mir alles zu wissen, den Quatsch erspar ich Ihnen”. Dafür bin ich ihm sehr dankbar. Meine Schwester musste sogar 2 Jahre vorweisen, weil sie beim Outing erst 17 war. Das heißt: 2 Jahre verkleiden und sobald sie den Mund aufmachte für ihre “männliche” tiefe Stimme beleidigt und ausgegrenzt werden.

Das Vorgehen um Genehmigungen bei der Krankenkasse zu erhalten, Ärzt*Innen zu finden, die Hormone spritzen möchten und bisschen Vorwissen haben, eine angemessene Beratung zu OP-Optionen zu erhalten, Geld für Beratungstermine in fucking Schönheitskliniken hinzulegen und all das - das erspar ich euch mal. Das war eine ganz andere Geschichte. Ich hatte nur 1 OP - und die Sterilisation weil die Hormone Gebärmutterhalskrebs begünstigt haben. Ich bin zufrieden. Das hat gedauert.

Dieser Prozess wird durch das neue
#selbstbestimmungsgesetz HOFFENTLICH verkürzt. Je nach Psyche ist er tödlich oder völlig unpackbar.
Eine wichtige Sache hab ich tatsächlich ausgelassen. Parallel zum "Alltagstest" verlangt die Krankenkasse in der Regel, das wird sich vllt auch nicht ändern, mindestens 1 Jahr Therapie. Das heißt, auch wenn man in keinster Weise psychisch belastet ist, wird man gezwungen, einmal im Monat oder so oft die Psychiater*In das möchte, zu einer Therapiesitzung rund um das Thema Geschlechtsidentität zu gehen. Wer in diesem Schritt an jemanden gerät, der "nicht an trans Menschen glaubt" oder schlicht null Ahnung hat wie meine allgemeine Therapeutin, die mich auch nach Jahren noch fragt "Wie war noch mal ihr alter Name?" und anmerkt "Den Körper kann man nicht betrügen, der weiß, dass Sie eigentlich eine Frau sind" (die Dame ist über 70 und hoffentlich bald endlich in Rente), der wird dann dadurch psychisch krank. Aber: Das ist nicht für den gerichtlichen Prozess relevant, "nur" für die Anträge bei der Krankenkasse.

@weirdmustard

Danke für den Bericht, der eindrücklich verdeutlich, warum das Gesetz dringend überarbeitet werden musste.
Man verliert ja oft den Blick auf die eigentlichen Betroffenen und findet sich ehe man sich's versieht in Diskussionen um den Zutritt zu Frauensaunen wieder 😠

@weirdmustard krass. - Und ja, das 1 Jahr "so leben" als Vorbedingung ist einfach ein guter Weg in die quasi sichere psychische Krankheit, könnte ich mir vorstellen...

Danke für's Erzählen!

@weirdmustard danke fürs Teilen. Das so detailliert zu lesen – und du hast schon einiges ausgelassen, wie du selbst sagst – kickt definitiv noch mal anders.
@weirdmustard das ist ein wirklich entsetzliches Verfahren. Danke, dass du das so genau erzählt hast. Ich hoffe sehr, dass es leichter wird für die nächsten!
@weirdmustard Ich finde es so krass, welches Misstrauen aus diesem Prozedere spricht. Und leider ist diese Haltung im neuen Gesetz ja nicht verschwunden.
@einhirn Ja, Misstrauen trifft es ganz gut. Man wird einige Jahre lang wie jemand behandelt, der ein bisschen spinnt oder sich was erschleichen möchte, während man sich im Zweifelsfall finanziell und psychisch ruiniert, nur um in Behördeneinträgen einen anderen Vermerk stehen zu haben.
@einhirn (Vielleicht muss man ja tatsächlich ein bisschen spinnen um all den Aufwand zu betreiben, nur um irgendwen in ner Behörde von seinem Geschlecht zu überzeugen, aber was ist die Alternative)