Zur #NonbinaryAwarenessWeek gibt es viel zu Sprache und persönlichem Umgang.

Ich bring mal was zur frühkindlichen Bildung, zu Schulunterricht und dem Problem, dass die meisten dafür verantwortlichen Erwachsenen nicht U27 sind und eine neue Selbstverständlichkeit entwickelt haben.

Schulbücher sind durchgängig binär und cis-biologisch orientiert. Ich meine nicht: Bitte 1-2 hippe Deutsch/Fremdsprachenlektüren mit queeren/trans Charakteren. Oder Stonewall Riots ins Geschichtsbuch. (Aber gerne!!)
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Sondern alles, alles, alles erzählt die Zweigeschlechternorm. Überall nur Frauen und Männer, Mädchen und Jungs. Nicht nur im Sportunterricht, den Umkleiden und all den WCs wird nach 2 Kategorien sortiert. Auch Gruppenarbeiten, Teams etc.

Ganz viel "typisch Jungs" und "typisch Mädchen". "Sei ein/e richtige/r, liebe/r, vernünftige/r ..."

Alle Beispiele in Textaufgaben: Männer und Frauen (und zu 99,x% hetero-monogam-allosexuell¹).

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¹ allo(sexuell) ist das Geegnstück zu asexuell, aber sag bitte ace/aro(-Spektrum) statt asexuell.

Wenn es (non-queere) Lehrkräfte gibt, die etwas zu Transness oder gar Nicht-Binarität draufhaben, dann ist es (nach meiner unrepräsentativen Beobachtung) etwas, das sie als etwas nicht zu ihrem eigenen Alltag Gehöriges, eben etwas U27 einsortieren. Etwas das mit Sprache und Umgang zu tun hat. Kein komplexes, vielfältiges Sein bzw ein weiterer Aspekt im komplexen, vielfältigen Sein von Kids (und Erwachsenen).

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Das ist keine nur Pädagog*innen vorbehaltene Distanz zu Transness und Nicht-Binarität. Das ist das Leben als cis Person mit etwas Lektüre, vielleicht ein paar Seminaren und 1-5 persönliche bekannten Einzelfällen. Es ist - sind wir ehrlich - bis vor Kurzem kein Teil unseres Alltags gewesen, wenn wir bislang in cis-only-Umfeldern gelebt haben. Wir kennen bestimmt alle "solche" Leute, aber wir wussten es meist nicht. Und wissen es zT immer noch nicht.

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Dass trans Personen und inzwischen auch nicht-binäre Personen im öffentlichen Leben der sog. Allgemeinheit sichtbar sind, ist ziemlich neu.

Wer bzw wann war die erste trans Person, die Euch in Eurem Leben begegnete? Medial und dann persönlich als befreundete oder verwandte Person?

Und jetzt nochmal in nicht-binär (egal, was genau Du unter dem Begriff verstehst oder nicht so recht verstehen kannst)...

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Und da komme ich zum Abschluss dieses kleinen Gedankenflusses zur Frage: Was ist damit eigentlich gemeint? Nicht-Binarität?

Und ich sehe oft, wie Menschen sich das aus "weiblich" und "männlich" zusammenbasteln. Oder eine sehr kurze ~Defintion~ kennen. Das ist aber alles sehr abstrakt. Wie ist es denn konkret?

Für "Männer + Frauen" haben wir ein ganzes Arsenal an Bildern, Vielfalt, aber auch vereinheitlichten Aspekten (Körpermerkmale/Silhouette, Vornamen, Anrede/Pronomen, Gesichtsbehaarung).

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Und: Stimme. (Wenn wir Hörende sind. Da meiste Andere: wenn wir [ausreichend gut] Sehende sind.)

So einen "Baukasten" versuchen meiner Erfahrung nach viele nun als eine dritte Version zu bauen. Oft kommt Androgynität dabei heraus oder "unisex". Alles darüber hinaus: 🤯!

Und ehrlich gesagt... Ich hab selbst gestrugglet bei den ersten nicht binären Personen, die Vornamen und Pronomen nicht fortschrieben und auch sonst nicht "erkennbar" waren. Der Sortier/Dekodier-Automatismus sitzt sehr tief.

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Wir müssen gerade mehrere Generationen zeitgleich weiterbilden und in der Reflektion des bislang so unfassbar Selbstverständlichen begleiten. Uns selbst inklusive. Bei den Erwachsenen Ü30 sind es vor allem die mit Verantwortung für die Selbstverständlichkeiten der nächsten Generationen: Lehrkräfte, Medienschaffende, Journalist*innen, Politiker*innen, Hebammen...

Sie sind besonders relevante Multiplikator*innen. Auch weil Kids das Wissen brauchen.

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Sei es für sich selbst, aber viel häufiger, als die Freund*innen und Mitschüler*innen. Als spätere Kolleg*innen und Partner*innen. Vielleicht auch als Eltern/Verantwortliche für Kids. Als Mediziner*innen! Ganz wichtig.

Es ist #NonbinaryAwarenessWeek

Was hast Du in diesem Jahr Neues gelernt dabei? Wen hast Du geboostet? Für wen machst Du #ff

Happy #NonbinaryPeoplesDay²

² am 14. Juli, weil das - obacht! binäre Denke in action - die kalendarische Mitte zwischen "Frauen-" & "Männer-"Tag ist 😏

Ah, eine Sache ist mir beim Schreiben des Threads wieder aus dem Fokus geraten:

Die eigene Codier- und Decodier-Gewohnheiten wahrzunehmen lernen, dann sogar versuchen, sie erstmal für meist konkrete Einzelpersonen (sich sichtbar machende nicht binäre Personen) abzulegen, macht viel mit einem selbst. Es kann unbehaglich sein. Verhältnisse zwischen Frauen und Männern und "untereinander" sind uns sehr vertraut.

Aber welche Codes, Grenzen und guten Umgangsformen "gelten" ohne diese Kulturgüter?

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Und was kann ich für mich, wenn ich doch weiß, ich bin ein Mann oder eine Frau, vom nicht-binären Gegenüber erwarten? Wie navigiere ich Situationen, in denen vorher feste Werte gab, mit einer mir noch unbekannten Variablen? Wo ist da unsere die Gemeinsamkeit und Sicherheit miteinander stiftende Grundlage?

#NonbinaryAwareness ist auch #SelfAwareness. Es ist eine Selbst-Erkundung für alle Personen, die sich auf den Weg machen. Nicht nur für ~die nicht binären Menschen~.

Gute Reise uns allen. 💌🍀🌟

@einfachfreddy Danke für den tollen thread. Es sitzt echt tief, auch bei uns nichtbinären selbst. 😅

Ich erinnere mich an eine sci-fi-convention vor ca. 10 jahren, als ich noch dabei war mein eigenes nichtbinärsein zu entdecken. Dort waren viele junge, androgyne menschen mit they/them-pronomenpins.

Ich, mitte 30 mit schütterem haar, hatte sofort selbstzweifel, ob ich denn genderqueer sein darf, wenn ich nicht (mehr) so aussehen kann. Zum glück bin ich darüber inzwischen hinaus.

@einfachfreddy Jeder Thread von dir beantwortet mir Fragen, die ich noch nicht einmal zu stellen wusste. Danke dir dafür.
@einfachfreddy Als gläubiger Mensch glaube ich ja, dass der Körper das eine ist. Das andere ist die Seele, die wird eher durch das Umfeld als „männlich“ oder „weiblich“ geprägt. Wenn der beseelte Mensch nach Gottes Ebenbild geschaffen ist, der selbst ja über alles geschlechtliche erhaben ist, dann kann man vielleicht tatsächlich den Ursprungszustand der Seele als nonbinär betrachten.

@tbehrens Zu Glaubensfrage, Gottverständnis und Seele bin ich leider kein passendes Gesprächsgegenüber.

Körper, Kongruenzen (wie sie zB Carl Rogers schon fürs Ich-Sein oder psychische Integrität in den ich glaube 1950ern herausgearbeitet hat und wie mittlerweile auf Transness geschaut und gesprochen werden kann) und wie wir unsere Körper und die von anderen kulturell belegen und interpretieren lernen – das ist eher meine Hood.

Hab mich gefreut, Dich hier zu lesen. Alles Gute Dir.

@einfachfreddy

Diese Unsicherheit binär-gewohnter Menschen ist der Knackpunkt nach meiner Erfahrung.

Geht mit der Anrede los, mit der "zulässigen" Körpersprache, den gewohnten Ritualen.

Wie nah darf ich kommen, wie fällt der Händedruck aus, welche Themen darf ich wie ansprechen - und was darf ich annehmen an Interessen, Ansichten, Reaktionen, usw.

Darf ich Komplimente machen und wofür? Wie hängt das mit dem häufig unterschwellig sexualisierten Umgang zusammen?

"Ich will doch nichts falsch machen!" vs "warum können die nicht erwartungskonform sein?"

Antwort: Nichts annehmen, alles zutrauen, offen erfragen, freundlich sein.

Aber diese Unsicherheit, die scheinbar neue Unvorhersagbarkeit, macht einige Menschen leider aggressiv statt neugierig.