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Mal ein paar Worte über Behinderungen und die Anspruchshaltung nichtbehinderter Menschen.

Das Thema "Mental Load" kennt ihr. Auch, dass trotz aller Bemühungen für Gleichberechtigung in den meisten Partnerschaften Frauen den höheren Mental Load tragen.

Wisst ihr, wessen Mental Load schwindelerregend hoch ist? Der von Menschen mit Behinderungen (und ihren Familien).

Warum?

Weil sie ständig für alle anderen mitdenken müssen und weil sie ständig, rund um die Uhr checken müssen, ob sie alles haben, was sie brauchen.

Sowohl zum Leben, als auch um ihre Aufgaben erfüllen zu können, in Schule oder Beruf.

Das bedeutet zum Beispiel herumtelefonieren zu müssen, ob der Ort, an dem das Meeting stattfindet, zugänglich ist.

Und dann doch immer wieder nicht reinzukommen, weil "die eine Stufe" vor dem Eingang von nichtbehinderten Menschen einfach nicht registriert wurde.

Es bedeutet, Schul- und Studienmaterialien nicht einfach kaufen zu können, sondern für jedes Buch, jedes Übungsmaterial die Hersteller anzuschreiben, dass man eine Version ohne DRM braucht um sie mit dem Screenreader nutzen zu können.

Weil u.a. Deutschland den Marakesch-Vertrag blockiert.

https://www.dbsv.org/vertrag-von-marrakesch.html

Es bedeutet, sich vorher zu informieren zu müssen, ob auf dem Weg alle Aufzüge funktionieren oder die Züge zugänglich sind. Es bedeutet auch, dass der beste Plan immer wieder von der Gedankenlosigkeit Nichtbehinderter zu Nichte gemacht wird.

Es bedeutet an viel mehr denken, viel mehr organisieren, viel mehr in Erfahrung bringen und um viel mehr bitten zu müssen, als das ein nichtbehinderter Mensch müsste.

Der Marrakesch-Vertrag

Text: Über 90% aller veröffentlichen Bücher stehen blinden und sehbehinderten Lesern nicht offen. Der Marrakesch-Vertrag erlaubt es über 70 Staaten der Welt, Werke in barrierefreien Formaten grenzüberschreitend auszutauschen. Ab dem 1. Januar 2019 gilt der Marrakesch-Vertrag auch in Deutschland und der Europäischen Union. Damit schließt sich eine der wichtigsten und erfolgreichsten Kampagnen der WBU und EBU.

Und es bedeutet auch immer wieder um Hilfe, Auskunft oder schlicht Teilhabe bitten zu müssen.

Es bedeutet auch, mit der Erwartungshaltung nichtbehinderter Menschen umgehen zu müssen.

Und die ist meist: wenn man schon etwas tut, dass man nicht müsste, etwas extra tut, für jemanden, der sonst nicht teilhaben könnte, möchte man wenigstens Dankbarkeit.

D.h. Menschen mit Behinderungen sind oft gezwungen, den ganzen Tag dankbar zu sein und das auch zu zeigen. Auch wenn sie mies drauf sind. Auch wenn es ihnen nicht gut geht. Auch dann, wenn gar kein Grund besteht, dankbar zu sein.

Weil das "Othering" bei nichtbehinderten Menschen stark ist und MmB wissen, dass Nichtbehinderte, wenn sie einmal von einem MmB schräg angemacht wurden, das auf alle übertragen und dann eventuell Hilfe das nächste Mal komplett verweigern.

So. Kommen wir zum aktuellen Thema.
Viele Nichtbehinderte nutzen auf Twitter das Feature Bildbeschreibungen hinzufügen zu können.
Das ist cool.

Heute las, ich, dass viele sich wünschen, dafür Feedback zu bekommen.

Das ist verständlich.

Ich gehe davon aus, dass die meisten sich das aus absolut integren Gründen wünschen. Z.B. um die eigenen Bildbeschreibungen besser zu machen.

Denn Bildbeschreibungen sind — wenn es nicht nur Copy & Paste des Texts im Image ist — hart.

Nun geben blinde Menschen echt selten oder fast nie Feedback für Bildbeschreibungen.

Wie frustrierend!

Und nun lasst uns doch mal eine kleine Übung im Perspektivwechsel machen.

Stellt euch vor, ein Bild hat statt einer Bildbeschreibung einen Text: "Du darfst nicht mitspielen."

Das ist nämlich faktisch die Aussage eines Bildes ohne Bildbeschreibung: Du darfst nicht mitspielen. Du darfst nicht wissen, was andere sehen. Du darfst Dich nicht informieren.

Nicht mitspielen zu dürfen fühlt sich fies an. Hättet ihr aber jedesmal, wenn ihr mitspielen durftet, euch fürs Mitspielen-Dürfen bedankt?

Oder wärt ihr beleidigt gewesen, wenn ihr nicht dürft und hättet das nicht okay gefunden? Und es als normal empfunden, dabei sein zu dürfen?

Eben.

Wenn ihr euch das "Schild" "Du darfst nicht mitspielen" an jedem Tweet ohne Bildbeschreibung vorstellt, könnt ihr euch dann vorstellen, wie frustriert ihr jedes Mal seid, wenn ihr es seht?

Okay.

Könnt ihr euch vorstellen, dass es gar nicht so stark registriert, wenn ihr dann mitspielen dürft, wenn es also so ist, wie es sein sollte? Wenn Mental Load weggenommen wird, weil man einfach ohne weiteren eigenen Aufwand mal dabei war?

Versucht das.

Und versucht dann zu vorzustellen, dass ihr euch erhofft, dass jemand seinen Mental Load wieder hochfährt, um Euch für Eure Mühe sie nicht auszuschließen, mit Feedback zu versorgen.

Also wenn alles, was ihr gerade an Mental Load weggenommen habt, wieder da ist weil, wenn man schon was für MmB macht, möchte man auch wissen, dass man es richtig gemacht hat.

Ich wünsche Euch bei dieser kleinen Übung im Perspektivwechsel viel Erfolg und eine Erkenntnis.

@Mela Was ich da manchmal sehe, ist eine nicht erfüllte gesellschaftliche Aufgabe. Es müsste ein Minimum als Allgemeinwissen geben „Bildbeschreibungen sind notwendig, weil …, es ist ein Mangel, wenn da keiner ist.

Sowas wird nicht ohne Kommunikation mit Behinderten funktionieren. Was sind eure Bedürfnisse; was ist gut gemeint aber schlecht gemacht?

@Mela

Wenn wir das allgemein verankern, müssen zwar gewisse Fragen von Behinderten beantwortet werden, aber nicht von Jedem/Jeder und zu jedem Zeitpunkt.