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_jayrope Das war damals der große Hype, wo Real-Life-Konzerne nach #
SecondLife gekommen sind, um virtuelle Abbilder von Real-Life-Produkten gegen Linden Dollars zu verkaufen. Vor allem Nike.
Damit sind sie aus zwei Gründen auf die Schnauze gefallen.
Zum einen ließ die damalige Technologie es noch gar nicht zu, daß Nachbildungen echter Schuhe in Second Life gut aussahen.
Zum anderen hatten sich längst eigene Schöpfer in Second Life etabliert, die dort viel populärer waren. Deren Kreationen waren angepaßt an das, was Second Life konnte, was damals ja noch nicht viel war. Die Avatare hatten ja zehenlose "Entenfüße", wo Schuhe im wahrsten Sinne des Wortes draufgemalt wurden.
Erst sind die ganzen großen Konzerne abgesprungen, auch die Banken, die meinten, sie könnten am Tauschgeschäft zwischen Linden-Dollars und Fiatgeld teilhaben. Damit brachen natürlich die News weg, die für die auch in SL ansässigen Massenmedien interessant waren. Und keine Sau außerhalb von SL interessierte sich für Gossip von innerhalb von SL, für SL-Celebrities oder SL-Marken. Also zogen auch die Massenmedien ab. Und weil danach niemand außerhalb der SL-Blase mehr über SL berichtete, vor allem die Massenmedien nicht mehr, glaubten alle, SL wäre Ende 2008 oder Anfang 2009 geschlossen worden.
In SL war ich nie, da will ich auch gar nicht hin. Seit drei Jahren geistere ich aber durch virtuelle 3-D-Welten auf Basis der Serveranwendung #
OpenSimulator, die auf derselben Technologie wie Second Life basiert und um die Second-Life-Viewer-API herumgebaut worden ist.
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OpenSim ist etwas, wenn ich Leuten davon erzähle, reiben die sich verwundert die Augen: "Sowas gibt's?!" Siehe hier und
hier.
OpenSim verhält sich quasi zu Second Life wie Mastodon zu Twitter, bis darauf, daß das Look & Feel beinahe dasselbe ist. Bis auf ein paar Exoten verwenden ja beide praktisch dieselben Viewer (= Clients = Apps) für den Zugang. OpenSim hat ja keinen offiziellen Viewer, und die populärsten Viewer gibt's für beide mit praktisch identischen UI.
Das heißt: OpenSim ist frei und quelloffen; auch alle Viewer, die mit OpenSim funktionieren, sind frei und quelloffen.
Es ist noch dezentraler, als was Decentraland immer wieder fälschlicherweise behauptet, daß es das sei: Es gibt über 420 große und kleine öffentliche Grids (= Instanzen = Server = Welten; "Grid", weil sie eingeteilt sind in quadratische Regionen von 256x256 Metern) und über 10.000 kleine Privatgrids. Wir reden hier also nicht von einem theoretischen Konzept, sondern von etwas, was im Produktivbetrieb läuft.
Über das sogenannte Hypergrid sind mehr als 95% aller Grids miteinander verbunden. Du kannst deinen Avatar auf einem Grid registriert haben und damit ziemlich problemlos andere Grids besuchen.
OpenSim selbst gibt's seit 2007, und seit 2008 gibt's das Hypergrid. Es läuft ohne Blockchain, ohne Kryptowährung und ohne NFTs.
Überhaupt ist OpenSim an sich unkommerziell. Die meisten Grids haben nicht mal ein Zahlungssystem. Einige Grids haben "Spielgeld" aktiviert, von dem man am Anfang einiges zugesteckt bekommt und das man in-world verdienen kann. Nur von einem Grid weiß ich, daß es eine eigene Währung hat, die mit Echtgeld getauscht werden kann.
Es gibt zwei gridübergreifende Währungen, die mit Echtgeld getauscht werden können, Gloebit und Podex. Beide sind Projekte von Dritten. Das Gloebit funktioniert voll gridübergreifend, du hast ein Konto für alle Grids. Bei Podex hast du ein Konto auf jedem teilnehmenden Grid, was unpraktischer ist.
Aber wie gesagt: Auf den meisten Grids braucht man für nichts zu bezahlen, weil man für nichts bezahlen
kann, weil es überhaupt kein Bezahlsystem gibt. Das meiste an Content bekommt man kostenlos. Es gibt sogar das ständig wiederkehrende Mantra, daß man in OpenSim niemals etwas gegen Geld kaufen soll, aber das hat eine eher zweifelhafte Herkunft.
Übrigens sehen Second Life und OpenSim nicht nur heutzutage um Größenordnungen besser aus als Mitte der 2000er, sondern sie stellen in Sachen Aussehen auch alles in den Schatten, was die Massenmedien und die Tech-Medien sonst so unter "Metaverse" verbuchen. Weil der In-World-Content nicht von den OpenSim-Entwicklern gemacht wird und überhaupt nicht von professionellen Game-Designern, hat er teilweise einen abartig hohen Detailgrad.
Das hat natürlich seinen Preis: Gerade wenn man auf einem Event mit entsprechend vielen Avataren ist, kommt man selbst mit einem Highend-Gamingrechner nicht auf 60fps. Mit einer autarken VR-Brille kann man die dafür eigentlich notwendigen 60fps erst recht vergessen. Deswegen laufen auch beide nicht unter VR.