#OTD Heute vor 51 Jahren erscheint die Ausgabe 3/1972 des Spiegel. Und die hat es in sich. Nicht unbedingt das Titelthema „Olympiastadt #Muenchen“, sondern ein Essay des Literatur-Nobelpreisträgers Heinrich Böll: „Will Ulrike Gnade oder freies Geleit?“. (1/13)
Es ging natürlich um Ulrike #Meinhof. Dabei hat Heinrich Böll, der später im Jahr als einer der herausragendsten Schriftsteller des Planeten ausgezeichnet werden sollte, eine ganz andere Überschrift gewählt: „Soviel Liebe auf einmal“. (2/13)
Den Titel hat die Spiegel-Redaktion eigenmächtig geändert weil schon damals Skandale Auflage versprachen. Der Text dagegen ist eine differenzierte Betrachtung der Baader-Meinhof-Gruppe #RAF: https://www.spiegel.de/politik/will-ulrike-gnade-oder-freies-geleit-a-f5d05401-0002-0001-0000-000043019376 (3/13)
»Will Ulrike Gnade oder freies Geleit?«

Wo die Polizeibehörden ermitteln, vermuten, kombinieren, ist »Bild« schon bedeutend weiter: »Bild« weiß. Dicke Überschrift auf der Titelseite der (Kölner) Ausgabe vom 23. 12. 71: »Baader-Meinhof-Gruppe mordet weiter«. Im wesentlich kleiner gedruckten Bericht…

DER SPIEGEL
„Ulrike Meinhof lebt im Kriegszustand mit dieser Gesellschaft. Jedermann konnte ihre Leitartikel lesen. jedermann kann […] das Manifest lesen, das nach dem Untertauchen der Gruppe geschrieben ist. Es ist inzwischen ein Krieg von 6 gegen 60 000 000. Ein sinnloser Krieg.“ (4/13)
Nun ja, Ziel erreicht: Es brach ein Sturm der Entrüstung los. In der #Tagesschsu nannte der Kommentator Frank Ulrich Planitz vom SWF den Literaten Böll „Anwalt der anarchistischen Gangster“ und „salon-anarchistischen Sympathisanten“. (5/13)
Noch rustikaler war Gerhard Löwenthal im ZDF-Magazin. Er sprach von einem „Sympathisanten dieses Linksfaschismus", der "nicht ein Deut besser [sei] als die geistigen Schrittmacher der Nazis“. Böll war entsetzt. (6/13)
Denn der Schriftsteller hatte sehr wohl in seinem Beitrag das Handeln von Ulrike Meinhof scharf kritisiert. Böll erklärte sich in der Süddeutschen Zeitung und erneut in Spiegel. (7/13)
"Die Wirkung meines Artikels entspricht nicht andeutungsweise dem, was mir vorschwebte: eine Art Entspannung herbeizuführen und die Gruppe, wenn auch versteckt, zur Aufgabe aufzufordern. Ich gebe zu, daß ich das Ausmaß an Demagogie […] nicht ermessen habe." (8/13)
Damit nicht genug. Als Andreas Baader, Holger Meins und Jan-Carl Raspe am 1. Juni 1972 in #Frankfurt verhaftet wurden, durchsuchten schwerbewaffnete Polizisten das Haus von Böll in der Eifel nach RAF-Mitgliedern. (9/13)
Böll ersuchte Innenminister Genscher um Aufklärung und schickte eine Kopie des Briefes an den Bundespräsidenten. Die Antwort von Gustav Heinemann spottet jeder Beschreibung: (10/13)
„Was wir uns ausmalten, war dieses: wir wären an diesem 1. Juni ebenfalls Ihre Hausgäste gewesen, als die Polizei an- und einrückte! Leider haben Sie uns zu diesem Staatsakt nicht rechtzeitig eingeladen! Das wäre doch großartig gewesen.“ (11/13)
Am 10. Juli 1972 solidarisierten sich mehr als 150 Kulturschaffende in einen offenen Brief mit Heinrich Böll. Der Brief erschien in der Baseler National Zeitung - in der Schweiz, nicht in Deutschland. (12/13)
„…die Treibjagd geht weiter. Nicht auf einen Brandstifter oder Bombenleger, sondern auf den Schriftsteller Heinrich Böll, der es gewagt hat, öffentlich vor den gefährlichen Folgen der demagogischen Berichterstattung und Panikmache der Springer-Presse zu warnen.“ (13/13)