Jedes Jahr frage ich mich wieder, warum ich nicht nein sagen zu diesem Familiendrama "Weihnachten bei den Eltern" in fünf Akten. Auftakt: Mutter bei der Planung, die mindestens sechs Wochen vorher beginnt. Jedes Essen, jede Beschäftigung wird minutiös und bis ins Detail geplant und auf drei eng beschriebenen A4-Papieren festgehalten. Die anderen Beteiligten werden so lange per Telefon belabert, wie es ablaufen soll, bis sie sich entnervt fügen.
1. Akt: die Beteiligten treffen ein. Die kurze Wiedersehensfreude kippt in dem Moment, in dem Mutter ihre drei A4 Zettel verliest und die Aufgaben sowie die genauen Zeiten, in denen die zu bearbeiten sind, zuteilt. Der Neffe hat den ersten Anfall von Sprechdurchfall, weil er sich so auf die Geschenke freut und liegt unter dem Baum, wo die Geschenke durchschüttelt. Bei der Vorbereitung des Kaffeetrinkens gibt es den ersten Streit zwischen Mutter und Vater, weil er den Kaffee wenige Minuten...
... zu früh rausgelassen hat. Währenddessen hat der Neffe heimlich 2/3 der Plätzchen verdrückt und ist nun fertig mit dem Kaffeetrinken, während die anderen noch nicht mal angefangen haben. Der Zucker und die Aufregung führen in der folgenden halben Stunde dazu, dass er die Weihnachtsmusik mit Dauergejaul untermalt. Tochter kippt ihren Kakao auf die weiße Tischdecke. Mutter freut sich über die friedliche Weihnachtsstimmung.
2. Akt: Die Bescherung steht an. Während die Familie die Geschenke unter dem Baum drapiert, spielen die Kinder im Bad. Sie stellen mit allen Badezusätzen, Shampoos und Flüssigseifen neue Kombinationen her. Danach gibt es kein Behältnis mit dem ursprünglichen Inhalt mehr. Neffe liegt schreiend auf dem Boden, weil er die Spannung nicht mehr aushält. Das Baby schreit, weil es ihm zu laut ist.
3. Akt: die Bescherung beginnt. Die Kinder reißen die Geschenke in einem Affentempo auf. Vater macht Fotos. Mutter versucht die Kinder zu überzeugen, die Geschenke ordentlich aufzumachen, weil sie das Papier wieder verwenden will. Der Neffe fragt etwa zehn Mal pro Minute, ob es noch mehr Geschenke gibt. Als alles ausgepackt ist, sind die Kinder unzufrieden und fangen an zu streiten, weil sie meinen, die anderen hätten die besseren Geschenke. Die Erwachsenen grummeln.
Noch versuchen sie den Anschein einer Weihnachtsstimmung aufrecht zu erhalten. Mann macht in der Küche die Gans zurecht und wehrt sich gegen dauerhafte Übergriffe meiner Mutter das Rezept abzuändern. Seit zwei Stunden versucht sie ihn verbal zu überzeugen, dass im 50 Jahre alten Familienrezept die Zwiebeln fehlen. Er wehrt sich standhaft. Ich verteidige ihn und versuche laut ein Machtwort zu sprechen. Mann und ich müssen die Küche verlassen. Das Baby schreit und die Kinder streiten.
Als wir in die Küche zurückkehren, sind die Gansteile mit Zwiebeln bedeckt. Mann kapituliert. Ich versuche derweil das Kind daran zu erinnern, dass wir ausgemacht haben, dass wir in die Kirche gehen. Es endet darin, dass ich sie brüllend in die Kirche schleife, wo sie minütlich sagt, wie schlimm ich bin. Das Baby hat derweil Hunger und ich stille bei der Christvesper. Kind muss aufs Klo. Ich schicke es nach Hause. Jetzt könnte etwas Stimmung aufkommen, aber da gibt es schon den Segen.
Nach der Rückkehr Streit mit dem Kind. Mutter versucht zu schlichten und fällt mir argumentationstechnisch gegenüber dem Kind in den Rücken. Meine Stimmung ist im Keller. Es gibt Abendessen. Weil der Neffe zu viele Kekse gegessen hat, will er weder Omas selbstgemachten Kartoffel-, Eier-, Heringssalat noch die selbst eingelegten Gurken zweierlei Art, noch das selbstgebackene Brot essen. Er bekommt es jedoch minütlich, in veränderter Reihenfolge, zunehmend nachdrücklicher von Oma angeboten.
Als ich endlich alle Zutaten auf meinem Teller habe, ist das Baby wieder wach. Es möchte eine dreiviertel Stunde stillen. Als ich wieder komme, ist der Tisch bis auf meinen Teller abgeräumt. In der Küche stöhnt Mutter darüber wieviel Arbeit Weihnachten immer ist. Die Kinder haben die halbe Küche ausgeräumt, um mit dem neuen Schleimlabor lebendigen Schleim herzustellen. Opa gleitet auf einem der Versuche aus.
Die Kinder sollen ins Bett. Vier Personen bringen vier Kinder zwei Stunden lang ins Bett. Was niemand ahnte: Neben den Keksen hatten die Kinder heimlich sehr viel Schokolade gegessen. Neffe nutzt das Bett als Trampolin, springt zu weit und landet neben dem Bett. Eine Beule und Geschrei folgen. Halb elf treffen sich die Erwachsenen im Wohnzimmer und räumen das Chaos auf. Mutter hat sich schon mehrere Gläser Wein reingelötet. Etwas lallend lästert sie über Vater, der neben ihr sitzt.
Die Erwachsenen überreichen sich die Geschenke. Mutter will gelobt werden, wie toll sie das alles macht. Als Vater uns mit strahlenden Augen den selbst renovierten Schwibbogen von Uroma überreicht und wir uns bedanken, meint sie schnippisch, er wolle ja nur Lob. Ich beiße mir auf die Zunge. Vater macht beim Überreichen des Geschenks an Mutter einen lieb gemeinten Witz. Sie verlässt in Rage den Raum. Ich gehe schlafen. Welch wunderbar, friedliche Stimmung.
4. Akt: Mann und ich schlafen mit Baby aus (bis 8.30 Uhr). Als wir aufstehen, beschwert sich Mutter, dass wir zu spät zum Frühstück kommen. Die Kinder hängen am Tablet. Meine Schwester ist sauer, weil ich mein waches Kind um 6.30 Uhr mit dem Tablet ins Wohnzimmer geschickt habe. Ihre Kinder sollen keine Medien konsumieren. Nach dem Frühstück bereitet Mann mit Mutter die Gans und das Zubehör fertig zu. Dabei kommt es zu mehreren Auseinandersetzungen über die richtige Art und Weise.
Die Kinder werden gelüftet. Sie haben keine Lust und streiten die ganze Zeit, was sie draußen spielen sollen. Das Baby hatte zu wenig Schlaf und ist schlecht drauf. Es kann nicht einschlafen. Ich versuche es mit dem Kinderwagen. Weil es zu spät einschläft, bin ich etwa drei Minuten nach zwölf zurück und bekomme eine Standpauke meiner Mutter, dass ich die tolle Weihnachtsstimmung kaputt mache. Mann rollt mit den Augen. Die Gans gelingt. Die Kinder sind allerdings mit ihrem Essen fertig...
... bevor wir richtig angefangen haben. Sie haben mitbekommen, dass es lecker Nachtisch gibt und terrorisieren uns den Rest des Essens, dass sie ihn jetzt sofort wollen. Aufgrund der festlichen Weihnachtsstimmung sollen sie den Tisch nicht verlassen. Mein Neffe sitzt daher erst auf meiner Schwester, dann auf ihrer Stuhllehne, dann immer dem Tisch. Dabei quengelt er die ganze Zeit. Als es endlich Nachtisch gibt, bekommt er einen Wutanfall, weil er nur eine Schüssel darf.
5. Akt: die Kinder weigern sich nach dem Essen noch einmal raus zu gehen. Die Erwachsenen gehen mit Baby spazieren. Nach der Rückkehr folgt Dauernörgelei am aller Kinder. Die Sache mit dem Neffen und dem Abendbrot wiederholt sich. Dazu erzählt er ohne Punkt und Komma von seinem PawPatrol Handy Spiel und haut meine Schwester sobald sie ihre Aufmerksamkeit auf ihr Essen lenkt. Mein Schwager isst seelenruhig. Meine Schwester explodiert und motzt erst den Neffen und dann den Schwager an.
Als die Kinder nach langem Kampf endlich im Bett liegen, ist Mutter schon wieder halb betrunken und beschwert sich über Vater, der mit Mann über Steuerfragen redet. Sie versteht nichts davon und lenkt das Gespräch auf Politik. Der Schwager geht entnervt ins Bett, was Mutter persönlich nimmt. Ich tue es ihm gleich.
Nachspiel: nächster Morgen, die Nichte ist krank. Wir freuen uns über das unerwartete Geschenk.
Nach dem Frühstück brechen wir auf. Das Auto ist ein Kombi und bis unter die Decke voll. Wir quetschen uns zwischen die Geschenke und das Essen. Beim Abschied sagt Mutter, wie schön das Weihnachten doch war und wie stimmungsvoll. Im Auto müssen Mann und ich hysterisch lachen. Das Kind hängt am Tablet. Wir fahren beruhigt nach Hause. Weihnachten kann jetzt beginnen.
@nicole_oe Höchst authentisch, alles wohl bekannt! 😁
@clep danke!
@nicole_oe
Schöne "Bescherung" mit bekannten Elementen 😉. Wir haben uns dieses Jahr "ausgeklinkt", und treffen uns erst nach Weihnachten alle bei uns. Weihnachten mal nicht in Familie - eine neue Erfahrung, mal sehen, wie die Beurteilung der Kinder und Enkel ausfällt...
@clep
@GabrieleSorge @clep das ist sicher eine gute Entscheidung. Nächstes Jahr feiern wir definitiv alleine...