Nicht jede/r freut sich auf das Beisammensein mit der Familie über die Feiertage. Einige haben auch ein flaues Gefühl im Magen, weil sie sich vor dem Aufkommen bestimmter Themen am Weihnachtstisch sorgen. Der Umgang mit Verschwörungsgläubigen stellt das direkte Umfeld vor riesige Herausforderungen – und kann auch ganz schön belastend sein. @Pia & ich haben daher vor einiger ZeitTipps für Euch gesammelt, wie man sich wappnen kann.
1. Es kann passieren, dass Verschwörungsgläubige Corona-Schutzmaßnahmen ablehnen, die der Rest der Familie aber für notwendig erachtet – etwa, weil eine Person zur Hochrisikogruppe gehört & nur für diesen Tag aus dem Krankenhaus entlassen wurde. Es ist absolut in Ordnung, wenn ihr bei Fragen der Gesundheit eine Rote Linie für Euch zieht. Ein Schnelltest ist keine große Sache & selbst wenn eine/r "nicht an Corona glaubt", kann man das der Familie zuliebe machen.
2. Wenn einer krude Thesen vom Stapel lässt herrscht anschließend oft betretenes Schweigen. "Ich kann Onkel Werner eh nicht überzeugen", denken sich einige. Doch Schweigen kann als Zustimmung gedeutet werden. Wichtig: Ziel von Gegenrede ist in vielen Situationen nicht, den Verbreiter der Falschinformationen zu überzeugen. Das ist eh oft schwer. Ziel ist, ein Signal in die Runde zu senden: "Nicht jeder hier denkt so!" Ihr müsst Euch auch nicht anschließend in eine Diskussion verwickeln lassen.
3. Das Rezept von Verschwörungsideologien ist oft ähnlich – einige Zutaten begegnen einem immer wieder. Und auch die Maschen, wie "argumentiert" wird, sind meist ähnlich. Da heißt es etwa, "Ich stelle nur Fragen" und dabei wird tatsächlich eine extrem krasse Behauptung in den Raum gestellt und weil es ja nur "eine Frage ist", drückt man sich vor Belegen. Es lohnt sich, sich hierzu schlau zu machen – gute Vorbereitung kann begünstigen, souveräner in der Situation zu reagieren.
4. Ihr könnt niemanden zwischen Vorspeise und Hauptgang deradikalisieren, der über Jahre oder Monate in verschwörungsideologische Welten abgedriftet ist. Eine realistische Erwartungshaltung ist da wichtig. Um abzuschätzen, ob Fakten noch durchdringen können, loht es sich herauszufinden, wie lange der/die andere schon von der Geschichte überzeugt ist. Da jeder Fall anders ist, gibt es auch keine Standardlösung für den "richtigen" Umgang. Was bei dem anderen gut läuft, eskaliert bei anderen...
5. Ihr müsst das nicht allein durchstehen. Falls ihr Angst habt beim Familientreffen mit den neuesten "Infos" aus der verschwörungsideologischen Telegram-Gruppe bombardiert zu werden & schlecht darin seid, Euch da rauszuziehen – sucht Euch Verbündete, die Euch unterstützen oder vereinbart ein Codewort ("Hey, ich muss Dir was zeigen..."). Wenn ihr langfristig intervenieren wollt, könnt ihr ebenfalls Support suchen – auch extern in Form von Beratungsstellen (z.B. Veritas in Berlin).
6. FALLS du das Gefühl hast, dass inhaltliche Diskussionen noch durchdringen und der/die andere z.B. Medien & Wissenschaft noch nicht als "gesteuert" oder "Teil der Verschwörung" sieht (leider ein kleines Zeitfenster...), gilt: Der Ton macht die Musik. Wenn sich die Lautstärke immer weiter hochschaukelt, ist am Ende viel gesagt, aber wenig zugehört worden. Ehe ein Gespräch eskaliert, lieber eine Pause einlegen. Wer sich abgewertet fühlt, macht eh die Schotten dicht.
7. Fragen sind eine gute Möglichkeit Interesse zu signalisieren und den anderen gleichzeitig dazu zu bewegen, seine Annahmen zu hinterfragen. Etwa: "Was würde Dich vom Gegenteil überzeugen?" Das ist eine besonders gute Frage, weil Verschwörungsgläubige sich selbst oft für sehr offen und unvoreingenommen halten. WICHTIG: Diese Strategie unbedingt nur unter vier Augen anwenden, sonst rollt man der epischen Vorstellung von Verschwörungserzählungen in großer Runde den roten Teppich aus...
8. Verschwörungserzählungen docken sich geschickt an psychologische Bedürfnisse an. Wer meint, "den Plan" zu kennen, hat die Illusion von Sicherheit. Man wertet sich selbst auf, weil geglaubt wird "einer der wenigen erwachten" zu sein. Einige flüchten sich in apokalyptische Szenarien, um Probleme zu verdrängen ("Lohnt sich eh nicht den Kredit abzuzahlen, bald ist Bürgerkrieg!"). Daher lohnt die Frage: "Warum WILL die andere Person andere das glauben?" – Und dort anzusetzen.
9. Es gibt Rote Linien. Und es ist absolut nachvollziehbar, wenn ihr Grenzen habt & Respekt dafür auch von anderen einfordert. Rassistische und antisemitische Aussagen sollten nicht unwidersprochen stehen gelassen werden. Wenn Eure Grenzen permanent verletzt oder ignoriert werden, ist es auch OK, wenn ihr die Reißleine zieht & eine Kontaktpause vorschlagt. Oder gar sagt: "Ich will erstmal gar keinen Kontakt mehr, das tut mir einfach gerade nicht gut." Das ist eine sehr persönliche Entscheidung.
10. Ihr könnt einem Menschen die Hand reichen – ihr könnt es aber nicht erzwingen, dass die Person sich auch helfen lassen will. Es ist wichtig immer wieder Pausen einzulegen und zu schauen, ob Kapazitäten für so eine Auseinandersetzung gerade da sind. Ihr seid nicht verantwortlich dafür, eine andere Person da rauszuholen. Manchmal ist es vielleicht auch einfach nicht der richtige Zeitpunkt. Ihr solltet Euch daher auch keine Vorwürfe machen, wenn nichts durchdringt. So geht es leider vielen. 💔
Generell gilt: Wenn Menschen sehr stark von einer Verschwörungserzählung überzeugt sind, raten Beratungsstellen in der Regel von inhaltlichen Diskussionen ab. Das schaukelt sich nur hoch, hinterlässt verbrannten Boden & Argumente dringen kaum durch. Statt dessen lohnt es sich wirklich langfristig zu schauen: Welche Bedürfnisse werden dadurch bedient? Und man versucht dem ganzen sozusagen den Nährboden abzugraben. Das ist ein Marathon und kein Sprint. Und manchmal ist es auch schon ein...
... Gewinn, wenn man die Person dazu bewegen kann, Telegram für den gemeinsamen Familientag wegzulegen. So wird ein vielleicht wochenlang währender Kreislauf der ständigen Beschäftigung mit dem Theme zumindest kurz unterbrochen. Vielleicht merkt die Person ja auch: "Huch, das hat ja richtig gut getan." Die direkte Konfrontation ist oft kontraproduktiv im familiären Kontext. Zugleich muss man sich klar machen: Verschwörungserzählungen schüren Hass und sind gefährlich. Es muss Rote Linien geben.
Die Grafiken stammen übrigens von Nicole Funke (sketchnotes-graphicrecording.de) Mehr Infos zum Thema findet Ihr auch in unserem Buch "True Facts, was gegen Verschwörungserzählungen wirklich hilft".
@kattascha
Danke und fröhliche Weihnachten 🎄
@kattascha Danke Dir für all die wertvollen Informationen - ich wünsche Dir und deiner Familie besinnliche Weihnachten 🎄 🎅
@kattascha vielen Dank, ich hab mir gleich das e-Book gekauft und hoffe, dass ich mit meine Schwurbler-Verwandtschaft jetzt besser diskutieren kann. Ich wünsche dir schöne und friedvolle Festtage.
@kattascha Danke, sehr interessanter Beitrag. Frohe und ruhige Feiertage an alle.
@kattascha Auf die Leseliste gepackt. Danke! :)

@kattascha

True Facts habe ich über Weihnachten gelesen - War super! Ich würde es meiner Frau schenken wollen. Sie ist aber Katalanin. Ist vielleicht eine Übersetzung ins Katalanische oder ins Spanische geplant?

@kattascha Es gibt dazu auch diesen grandiosen Artikel von MotherJones:

https://www.motherjones.com/politics/2011/04/denial-science-chris-mooney/

The Science of Why We Don’t Believe Science

How our brains fool us on climate, creationism, and the vaccine-autism link.

Mother Jones
Danke @kattascha nebst Geschenken ging ich Weihnachten nie so gut vorbereitet an die familiäre Weihnachtstafel. Gedenke beinahe, mir eure Bilder als kleine Spickzettel auszudrucken und mitzunehmen.
@kattascha Danke, das hilft mir gerade sehr! 😞