Die tragischen Tage vor Weihnachten im Leben einer Auftrags-Illustratorin:

Vor einigen Monaten fragte mich jemand, ob mein Kontakt an eine Bekannte weitergegeben werden dürfte, die sich ein Bild malen lassen möchte.

Natürlich, sage ich, davon lebe ich 🙂

Gib gerne alles weiter, am besten auch den Link zu einem meiner Social Accounts, damit die Bekannte weiß, was ich so mache und wie das aussieht.

Dann, gestern, erhalte ich finally eine Nachricht von dieser Bekannten.
Sie wünscht sich ein Bild für ihren Vater, 1.5 x 1.5 Meter groß. Das Motiv stehe schon fest. Ob ich das noch schaffen könne?

Nun überlege ich, ob sie mit „noch schaffen“ wohl Weihnachten meint. Und wenn ja, ob ich mit Nachtarbeit und persönlicher Auslieferung diesen Termin irgendwie einhalten könnte.

Ich bitte sie also, mir genauer zu beschreiben, was sie sich vorstellt, welches Material und welche Deadline.

Bis jetzt gehe ich davon aus, sie möchte vielleicht ein Portrait oder ihr Vater liebt vielleicht Quallen oder Ahornbäume, who knows, ich bin erstmal offen, mir über alles Gedanken zu machen.

Aber dann kommt die Info:
Sie enthält einen Screenshot eines gerahmten Posters. Von Snoopy.

(Nichts gegen Snoopy, aber es geht offenbar wirklich um eine 1:1 Kopie eines sehr einfachen Posters.)

Ein Bild, das man genau so irgendwo kaufen kann. Das auf einer Größe von über zwei Quadratmetern gemalt oder gezeichnet bestimmt ein Vielfaches von dem Preis dieses Posters kosten wird.

Ich habe ziemlich lange überlegt (5 Minuten mindestens), welche Antwort jetzt hilfreich ist.

Ein Poster aus nur 3 Farben, ohne Farbverläufe, mit gleichmäßiger Strickstärke, das kann eigentlich jede*r mit etwas Plan von irgendeinem Grafikprogramm abzeichnen und so in eine druckfähige Datei verwandeln.
(So lange das nicht weiterverkauft wird oder ein struggling artist damit um nötige Unterstützung gebracht, halte ich das für moralisch vertretbar.)

Darauf bekam ich dann keine Antwort mehr. Das verstehe ich sogar — da ist jemand im Stress, ein Geschenk zu organisieren und will einfach eine Lösung dafür. Grafikgelaber ist keine Lösung. Ich hab aus Mitgefühl sogar in reverse Bildersuche nach genau dem Poster aus dem Screenshot gesucht und das scheint es nicht zu geben.

Aber sehr ähnliche Motive gibt es. Zwischen 6 und 750 Euro ist alles mögliche dabei.

Das muss sie auch wissen.

Dass sie mich trotzdem anfragt, kann nur solche Gründe haben:

1) Es MUSS dieses Motiv mit diesen Maßen sein, weil exakt diesem eine Vorgeschichte mit emotionaler Bedeutung vorangeht oder es den dafür passenden Rahmen und Ort bereits gibt

2) Sie denkt, wenn ich das Poster abmale wird es billiger als ein Druck 🥴

Ooooder 3) Weihnachten ist jetzt wirklich sehr nah, irgendein verdammtes Geschenk muss jetzt her.

Ich würde mir wirklich ein Bein ausgerissen haben, um rechtzeitig ein Bild abliefern zu können. Eins von mir.

Denn zu der Künstlerinnen-Ego-Kränkung, nach Snoopy statt etwas Eigenem gefragt zu werden, habe ich ja gar nichts gesagt.

Und hier noch das Bild des Anstoßes.

Mal abgesehen vom Aspekt des Kopierens fremder Arbeit: Mir gefällt das auch einfach nicht. Und das ist ja eigentlich das Schöne an meiner Arbeit. Ich mache dauernd Sachen, die mir gefallen.

Und hier zum Vergleich ein Bild von mir 😭

@Kindesperk ja, der Woodstock ist voll dein Stil... 🤨
Wie ging es denn weiter? Machst du mit?

Im Übrigen könnte ich mir eine Mischung aus deinen Werken mit einem Woodstock durchaus vorstellen. Vielleicht eine Möglichkeit?🥰

@BarbarellaBoo
Also ich bin hier wohl raus — eine Kopie mache ich nicht.

Nach meinen Tipps, wie sie eine druckfähige Datei davon erzeugen (lassen) kann (denn einen Druck hatte sie ursprünglich gewollt) habe ich bis heute, knapp 48 Stunden später keine Antwort erhalten.

Hätte ich hier quasi gleich eine schlaue Einwandbehandlung hinlegen sollen? Alternativen vorschlagen?
Wahrscheinlich ja.
Das ist jetzt gelernt. Statt zu versuchen, ihr zu ihrem Poster zu helfen, meine Interessen vertreten.

@Kindesperk Das ist schon sehr frech, ich finde du hast noch gut reagiert!