@WSIInstitut
-Erwerbspersonenpanels. Darin Befunde zur Verbreitung und Entwicklung von Belastungen und Sorgen - aber auch wie die Entlastungspakete eingeschätzt werden und wie sich das Vertrauen in Institutionen entwickelt.
Details 👇
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Beginnen wir mit den berichteten Belastungen der Erwerbspersonen. Hier zeigt sich erfreulicherweise, dass der Anteil der Befragten, die besonders hohe Belastungen in den Bereichen Familie, Arbeit und Insgesamt berichten, mittlerweile auf einem Pandemie-Tiefstwert ist.
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Mit einer wichtigen Ausnahme: die Belastungen im Bereich Finanzen sind auf einem Höchststand seit Beginn der Pandemie: 27% berichten hier von "starken" oder "äußersten" Belastungen. Zuwächse sehen wir hier in allen Einkommensschichten - außer bei den Einkommensreichsten.
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Während unter den Einkommensärmsten (<1.500€ monatlich netto im Haushalt) teilweise rund die Hälfte starke und äußerste finanzielle Belastungen berichtet, sind es unter Befragten mit mittleren Einkommen (2.000-3.500€) rund ein Viertel, bei den Einkommensreichsten nur 8%.
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Von den von der Bundesregierung geschnürten Entlastungspaketen finden v.a. zwei durchaus Anklang: Jeweils gut die Hälfte ist mit den Gas- & Strompreisbremsen oder dem 49€-Ticket zufrieden, während die Ausweitungen beim Wohngeld bei gut einem Drittel auf Zustimmung treffen.
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Durch Hilfsmaßnahmen fühlen sich 26% etwas entlastet, 1% sehr entlastet, weitere 42% stellen geringfügige Entlastung fest. Dabei kaum Unterschiede zwischen Einkommensklassen hinsichtlich Einschätzung, ob man sich von bisherigen oder zukünftigen Hilfsmaßnahmen entlastet sieht.
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Gleichzeitig sinkt das Vertrauen in die Bundesregierung bei den Befragten weiter. Ende November ´22 gaben noch 15% an, sie hätten hohes oder sehr hohes Vertrauen in die Regierung. Bei der Befragungswelle vom April ´22 betrug der Wert hier 17%, davor im November ´21 noch 22%. Das Vertrauen in andere Institutionen – wie die Polizei, die Gerichte und die Bundeswehr ist hingegen seit April wieder gestiegen. Einen besonders starken Vertrauensgewinn haben dabei die Gewerkschaften zu verzeichnen.
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Trotz des aktuell niedrigen Vertrauens in die Bundesregierung beobachten wir somit keine generelle Abkehr von staatlichen oder gesellschaftlichen Institutionen.
Zudem sehen wir trotz der niedrigen Vertrauenswerte, dass Menschen, die sich von den Maßnahmen der Bundesregierung entlastet fühlen, häufiger über einen Zuwachs des Vertrauens in die Bundesregierung berichten.
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Entsprechend der Befunde zu Belastungen, dominieren auch bei den Sorgen wirtschaftliche Themen. So äußern 56% große Sorgen wegen steigender Preise und 47% große Sorgen um allgemeine wirtschaftliche Entwicklung – beide Werte sind im Vergleich zum April ´22 nochmals angestiegen.
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Weiterhin steigend sind zudem Sorgen um eher gesell. Themen: Sowohl Anteil, der sich große Sorgen um soz. Zusammenhalt als auch der, der sich große Sorgen um die Entwicklung der soz. Ungleichheit machen, ist nochmals deutlich angestiegen auf Rekordwerte seit Pandemiebeginn.
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Gleichzeitig berichten weiterhin jedoch nur relativ wenige Befragte von beruflichen Zukunftssorgen (14%) oder Sorgen um ihre Arbeitsplatzsicherheit (11%).
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Zudem zeigen sich - wie schon in vorherigen Befragungen - erhebliche Unterschiede zwischen Männern & Frauen - und hier v.a. zwischen Vätern & Müttern. So berichten Frauen und v.a. Mütter deutlich überdurchschnittliche Belastungswerte - und zwar in allen erfragten Bereichen.
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Belastungen durch die finanzielle Situation sind bei Müttern zuletzt sogar noch einmal gestiegen, während sie für den Rest der Bevölkerung (auch Väter) rückläufig waren. So berichteten 40% der Mütter gegenüber 27% der Väter über starke oder äußerste finanzielle Belastungen.
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Auch der Anteil der Befragten, die besonders hohe Gesamtbelastungen berichten, ist für die allermeisten Gruppen gesunken, lediglich jedoch für Mütter zuletzt wieder leicht angestiegen.
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Kitas & Schulen sind zwar längst wieder geöffnet. Aber offenbar sind Betreuungsausfälle, etwa durch häufige Erkrankungen, so groß, dass die Erwerbstätigkeit mit Kind deutlich beeinträchtigt ist. Und weiterhin bleibt das Problem ganz überwiegend an Müttern hängen.
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Wir konnten bereits während früherer Pandemiephasen sehen, wie stark v.a. Mütter in vielen Bereichen besonders hohe Belastungen tragen mussten. Jetzt sehen wir auch in dieser Phase der Energiekrise, dass es erneut Mütter sind, die von besonders hohen Belastungen berichten.
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Aktuell zeigt sich zudem, dass sich die Verteilung der Sorgearbeit zwischen Müttern & Vätern in etwa wieder auf dem Vorpandemie-Niveau einpendelt. 63% der Mütter gaben an, den überwiegenden Teil der Kinderbetreuung zu leisten, während es bei den Vätern 6% waren.
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.@BettiKohlrausch dazu: „Hier lässt sich also eine Verstetigung der schon vor der Krise sehr ungleichen Verteilung der Sorgearbeit feststellen. Damit wird deutlich, dass die von einigen Wissenschaftler*innen vermutete Egalisierung der Geschlechterverhältnisse in der Pandemie nicht stattgefunden hat. Im Gegenteil sehen wir eine Verschärfung der Ungleichheit, wenn wir uns die Verteilung der Belastungen zwischen Müttern & Vätern ansehen."
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"Die Aufgabe, die unzuverlässige Betreuung durch Kitas & Schulen zu kompensieren und die psycho-sozialen Folgen der Pandemie aufzufangen, bleibt überwiegend an den Müttern hängen," so @BettiKohlrausch.
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Für die mittlerweile 9. Welle der Erwerbspersonenbefragung wurden im November 5.136 Erwerbstätige & Arbeitsuchende online zu ihrer Lebenssituation befragt. Die Befragten bilden die Erwerbspersonen in 🇩🇪 im Hinblick auf Geschlecht, Alter, Bildung & Bundesland repräsentativ ab.
Die vollständige Pressemitteilung findet sich hier:
https://www.boeckler.de/de/pressemitteilungen-2675-relativ-hohe-zufriedenheit-mit-energiepreisbremsen-und-49-euro-ticket-45731.htm
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Die Hans-Böckler-Stiftung ist das Mitbestimmungs-, Forschungs- und Studienförderungswerk des DGB. Sie ist in allen ihren Aufgabenfeldern der Mitbestimmung als Gestaltungsprinzip einer demokratischen Gesellschaft verpflichtet.