Ich telefoniere mit meinem Opa. Er ist 91. Wir sprechen darüber, dass das Jahr fast vorbei ist. Aus heiterem Himmel sagt er, wie schlimm er den Krieg in der Ukraine findet und erzählt von seiner eigenen Fluchterfahrung von Pommern nach Schleswig-Holstein, über die er fast nie spricht. Details darüber, wer dabei war, wie der Pferdewagen aussah und dass er die ganze Strecke zu Fuß gegangen ist. Das ist fast 78 (!) Jahre her und ich staune über seine gute Erinnerung. „Sowas vergisst man nicht.“ 💔
Danke für so viel Liebe für diese kleine Anekdote und das Teilen eurer Geschichten! Meinem Opa geht es gut. Er ist eigentlich kein Grübler, aber heute musste da wohl mal etwas raus. Danach haben wir übrigens über das Essen an Weihnachten und den anstehenden Wetterumschwung gesprochen. Und darüber, dass er morgen Wäsche waschen muss. 😅
@neuesvomschreibtisch aufpassen , dass er die Wäsche nicht in den Raunächten raushängt zum trocknen. Da ist die wilde Jagt unterwegs. Die mögen es gar nicht sich in der Wäsche zu verheddern und spielen einem dann böse Streiche. 😉
#Raunächte #wildejagt
@BrittaKeller 😄 Er hat eine Waschküche, die Wäsche ist also sicher!

@neuesvomschreibtisch

Mein Vater war 2 Jahre alt, seine Mutter und eine Tante sind während der Flucht an Lungenentzündung verstorben. Seine Brüder waren 10 und 13 und haben ihn auf 2/3 der Strecke von Danzig nach Neumünster getragen, sich auch um Essen und Schlafplatz gekümmert. Inzwischen leben sie alle nicht mehr, mein Vater ist 1996 als erster von ihnen gestorben.

@Monty Wahnsinn, was Kinder und Jugendliche in dieser Zeit erlebt und geleistet haben. In so vielen Familien gibt es diese Geschichten. Danke fürs Teilen! Mein Opa ist auch der letzte Überlebende aus seiner Generation.
@neuesvomschreibtisch bei mir ist es die Generation der Eltern, Tanten, Onkels. Und auch sie erzählen, dass es schlimme Kindheitserinnerungen weckt. Ich erinnere mich auch an eine Mathelehrerin aus meiner Schulzeit in den 80ern. Wir waren Tiefflug-Gebiet, und jedesmal, wenn Flugzeuge über die Schule gedonnert sind, ist sie zusammengezuckt.
@tre_bol Ich hatte auch den Eindruck, dass mein Opa einfach mal loswerden musste, wie schlimm er den aktuellen Krieg findet und dass es ihm aufgrund der eigenen Geschichte nahe geht. Diese Generation ist ja nicht unbedingt dafür bekannt, über Gefühle zu sprechen. Aber ich finde es tatsächlich schön, dass er mit mir darüber gesprochen hat. Gut, dass deine Familie das auch artikulieren kann. Keinem ist durch Schweigen geholfen.
@neuesvomschreibtisch Ich wünsche ihm sehr, dass er einen guten Weg findet, mit den aufwühlenden Erinnerungen zurechtkommen. Und es ist toll, dass er dir davon erzählt hat - dir davon erzählen konnte. Meine Großeltern konnten es nicht, sie haben das in sich eingeschlossen. Und nein, Schweigen hilft niemandem.
@tre_bol Deine Großeltern sind dann damals die Elterngeneration gewesen, oder? Meine Urgroßeltern haben die Flucht auch nicht gut verkraftet - vor allem psychisch. Leider gab es ja auch keine adäquate Hilfe in den 40ern/50ern. Meinem Opa geht es aber gut. 😊 Er ist fit und gut drauf - das Thema musste heute wohl einfach mal raus. 🤷🏻‍♀️
@neuesvomschreibtisch Ja, genau. Meine Eltern sind Kriegskinder, und meine Großeltern waren damals die Elterngeneration. Was sie erlebt haben, weiß ich tatsächlich nur aus Erzählungen meiner Eltern.
@tre_bol Das ist hier auch so. Mein Vater hat seine Großeltern nie richtig kennengelernt und über das Erlebte gesprochen wurde auch nicht. Schon gar nicht mit ihm als kleinem Kind.
@neuesvomschreibtisch Dabei beeinflussen diese Erzählungen so viel. Für mich hat diese Zeit einen besonderen Stempel durch die Erzählungen von Zeitzeugen. Für mein eigenes Kind sind die inzwischen seltenen Erzählungen der Großeltern viel weiter weg.
@tre_bol Da geht es mir wohl wie deinen Kindern. Es gab von meinem Opa bislang auch kaum Erzählungen aus dieser Zeit. Und eine Erzählung aus zweiter Hand, zum Beispiel von meinem Vater, zu hören, ist einfach nicht dasselbe.