Ich finde es anstrengend, wenn Naturwissenschaftler zu einem komplexen sozialen Problem naturwissenschaftliche Fakten liefern und es dann als gelöst betrachten. Für Transgenderrechte z.B. ist es völlig egal, welche Keimzellen es gibt oder ob Fische ihr Geschlecht ändern. (Thread)
Natürlich ist es für viele gesellschaftliche Diskussionen wichtig, sich auf naturwissenschaftliche Fakten zu beziehen. Man muss auf dem Boden der Tatsachen diskutieren. Aber damit ist noch lange nichts gelöst. Soziale Probleme repariert man nicht wie ein Raketentriebwerk.
Bei Geschlechterdiskussionen beobachte ich das oft, in allen weltanschaulichen Lagern: Ja, Fische ändern manchmal ihr Geschlecht. Ja, Spermien und Eizellen sind zwei eindeutig unterscheidbare Dinge. Ja, Hummer kämpfen um Territorien und haben ein Hierarchiesystem. Na und?
Das sind nicht die relevanten Fragen. Relevant ist: Welche Bevölkerungsgruppen gibt es, die bestimmte vielleicht bisher übersehene Bedürfnisse haben? Wie gehen wir als Gesellschaft darauf ein? Wie ermöglichen wir ein möglichst angenehmes und diskriminierungsfreies Leben für alle?
Und dabei können Fakten aus der Naturwissenschaft - so interessant sie auch sind - nur wenig helfen. Da brauchen wir Sozialwissenschaft, Politikwissenschaft, Psychologie - und moralische Grundwerte, etwa die Menschenrechte.
Ich verstehe wirklich nicht, woher die Begeisterung kommt, für Aussagen wie "Naturwissenschaftlich bewiesen: Es gibt nur 2 Geschlechter!" oder auch: "Naturwissenschaftlich bewiesen: Es gibt mehr als 2 Geschlechter!" Ist das nicht völlig egal? Das ist doch Wortklauberei.
Tatsache ist: Die meisten Leute gehören zu einer von zwei Gruppen: Menschen, die sich als Männer fühlen und Menschen, die sich als Frauen fühlen. Tatsache ist auch: Manche Menschen gehören in keine dieser beiden Gruppen. Und alle haben dasselbe Recht auf ein gutes Leben.
In der Wissenschaft arbeitet man mit Modellen, die die Wirklichkeit beschreiben - aber nur näherungsweise, nicht perfekt. Manchmal arbeitet man mit nützlichen Kategorisierungen, in vollem Bewusstsein, dass es Fälle gibt, bei denen diese Kategorisierung nicht funktioniert.
Das ist völlig normal. Ich kann zwischen Planeten und Asteroiden unterscheiden. Es gibt auch Objekte, die irgendwo dazwischen sind. Ich kann mir zusätzliche Kategorien wie "Zwergplaneten" ausdenken. Aber das sind nur Begrifflichkeiten, die an der Himmelsmechanik nichts ändern.
Ich kann sagen: "Die Materie besteht aus Neutronen, Protonen und Elektronen". Das ist ziemlich richtig - außer ich bin Mesonenphysiker oder Neutrinophysiker, dann sieht meine Erfahrung anders aus. Trotzdem bleibt die Aussage ein ziemlich gutes Werkzeug für die allermeisten Fälle.
Wir reden auch von "grün" und "blau", in vollem Bewusstsein, dass es Farbschattierungen dazwischen gibt, die man nicht eindeutig zuordnen kann. Das heißt nicht, dass die Begriffe "grün" und "blau" deswegen nutzlos sind. Man muss sich nur ihrer Unvollkommenheit bewusst sein.
Das alles ist völlig alltäglich. Fast immer ist das unkontroversiell. Daher verwundert mich diese oft so emotional besetzte Begeisterung für messerscharfe Kategorisierungen, mit der man dann angeblich etwas Hochsubstanzielles über ein schwieriges Problem ausgesagt haben will.
Kategorien sind nützlich, aber fast immer unscharf. Das macht nichts. Man muss sie auch nicht immer scharf abgrenzen, solange man kommunizieren kann, was man genau meint. Entscheidend sind aber nicht Kategorien, sondern das Wohlergehen von Menschen.
Wenn alle Menschen biologisch eindeutig einem von 2 Geschlechtern zuordenbar wären (was sie nicht sind) - wäre es dann etwa ok, Menschen mit anderer sexueller Identität zu diskriminieren? Natürlich nicht. Na also. Ist dann die Kategorisierungs-Diskussion nicht eher zweitrangig?
In vielen politische Diskussionen werden naturwissenschaftliche Fakten ignoriert, und das ist übel. Aber wenn man naturwissenschaftliche Fakten als Argument verwendet, wo sie am zentralen Punkt einfach vorbeigehen, ist das genauso falsch. Für Menschenrechte gibt es keine Formel.