Ich glaube, es ist ein unverzichtbarer Teil der Persönlichkeitsentwicklung, sich manchmal total dumm gefühlt zu haben. Die eigenen geistigen Grenzen mit voller Unerbittlichkeit aufgezeigt bekommen zu haben. Wir sollten das feiern, nicht vermeiden. (Thread)
In der Wissenschaft ist das alltäglich. Ständig bekommt man es mit Gedanken zu tun, die sich zu groß anfühlen um in den eigenen Kopf zu passen. Man sieht aber gleichzeitig: Andere Leute haben das verstanden und arbeiten damit. Es ist also prinzipiell möglich.
Das ist kein Zeichen fehlender Intelligenz. Im Gegenteil. Einstein hatte das Gefühl ganz massiv, als er mit der schwierigen Mathematik für seine Relativitätstheorie kämpfte: "Du musst mir helfen, sonst werde ich verrückt!" schrieb er verzweifelt an einen Freund.
Einstein war damals schon ein berühmtes Genie. Er hätte sich überheblich auf den Standpunkt zurückziehen können: "Ich bin der Klügste, was ich nicht verstehe ist eben unverständlich!" Hat er aber nicht. Er war klug genug um seine eigenen Grenzen zu sehen - und zu erweitern.
Er vermied also dieses Gefühl der geistigen Ohnmacht nicht, er führte es gezielt herbei, indem er sich genau in diese Fragen vergrub, bei denen er das Gefühl hatte zu scheitern. Und so entstand die allgemeine Relativitätstheorie.
Und ich habe den Verdacht, dass mache berühmten Leute (etwa orangefarbene Expräsidenten oder weltraumträumende Milliardäre) genau das Gegenteil davon tun: Bei manchen spüre ich keinen Funken Anerkennung für die eigene geistige Begrenztheit.
Das erscheint auch logisch: Wenn man die ganze Zeit von Leuten umgeben ist, die einem sagen, wie großartig man ist, dann wird es vielleicht irgendwann schwierig anzuerkennen: "An diesem Problem scheitere ich gerade!"
Aber ich bin davon überzeugt, dass wir dieses Gefühl brauchen.

Ich glaube, wir müssen dieses Erkennen der eigenen geistigen Grenzen begrüßen. Das ist etwas Gutes. Sich dumm zu fühlen sollte nicht schambesetzt sein. Es ist manchmal wichtig. Nur wer an seine Grenzen stößt, kann seine Grenzen erweitern.

Menschen, die glauben, immer recht zu haben, haben auffallend häufig unrecht. Da scheint eine Gesetzmäßigkeit dahinterzustecken. Aber ich bin nicht ganz sicher, ob ich da recht habe.

@florianaigner Vor allem dann wird ein Zugestehen von Unwissenheit schwer fallen, wenn hierfür gleich negative Konsequenzen zu erwarten sind:

Als Politiker: In den Medien, von polit. Gegnern
Auf Arbeit: Vom Vorgesetzten, von Arbeitskolleg*innen
In der Familie: Von Eltern und/oder Geschwistern.

Direkt abgestempelt zu werden ist ein wichtiger Grund, seine Unwissenheit od. Fehler nicht einzugestehen.

Ist in Deutschland weit verbreitet.

Dadurch hats dann nur Vorgesetzten, die hier übrig bleiben.