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#OTD 1923 – vor 99 Jahren – gründete sich die sozialistische Reichsarbeitsgemeinschaft der #Kinderfreunde (RAG). Wer war die RAG und was kann ich mit meiner Forschung zeigen? Ein Thread:

(Fotoquellenbelege in Bildbeschreibung. Grundlegende Forschungsliteratur im letzten Toot)

Anfänge der Kinderfreundebewegung liegen in Österreich, wo sie seit 1908 als sozialdemokratische Elternorganisation mit einem starken Fürsorgecharakter für Arbeiterkinder existierte.
In Deutschland gab es spätestens seit Ende es 1. WK lokale proletarische Kindergruppen unterschiedlicher Organisationen. Erst mit Vereinigung der MSPD und USPD zur VSPD war es möglich eine Reichsorganisation zu gründen, die all die Kindergruppen zusammenfasste. Die RAG sollte eine Einheitsorganisation der sozialdemokrat. Arbeiter*innenbewegung sein. Seit Beginn zeichnete sich die deutsche Organisation durch einen politischeren Charakter aus: dem Ziel sozialistische Erziehung zu betreiben.
Sozialistische Erziehung der Kinderfreunde bedeutete: Förderung von Selbsttätigkeit und Struktur durch Selbstverwaltung. Theoretische Einordnung des erlebten Leides der Arbeiterkinder in gesellschaftliche Verhältnisse (Kapitalismus, Patriarchat, bürgerl. Klassenstaat). - damit die Kinder diese verständen.

Prinzipien waren: Solidarische Arbeits- und Gemeinschaftserziehung, Koedukation und Friedenserziehung.
Das Ziel: Die Erziehung des Kinder „als Träger der werdenden Gesellschaft“ (Buchtitel, Löwenstein, 1924). Denn nur Kinder könnten als Erwachsene die sozialistische Gesellschaft erschaffen.

Die sozialistische Erziehung musste an die Praxis geknüpft sein. Dies geschah in den Kindergruppen und in noch deutlicherer Form in den Kinderrepubliken der Kinderfreunde ab 1927.

Kinderrepubliken waren: Mehrwöchige Zeltlager mit z.T. zweitausend Kindern aus Dt und dem Ausland. Verwaltet durch ein Lagerparlament bestehend aus Kindern und Helfer*innen. Reproduktionsaufgaben übernahmen die Arbeitsdienste der Kindergruppen und Zeltdörfer.

Das Lagerparlament durfte nur Entscheidungen treffen, die für Kinder zumutbar erschienen. z.B. Tagesprogramm, Hygiene, Regeln... Ausgenommen waren z.B. finanzielle Fragen. Dies wurde den Kindern offen kommuniziert.

In Erinnerungen und Briefen halten die Kinder fest, welch außergewöhnliche Grenzerfahrungen diese Zeltlager und Gruppen für sie bedeuteten.

Die Kinderfreunde wuchsen in der Weimarer Republik rasch an. Beschleunigt wurde dieser Prozess durch die Einführung der Roten Falken Bewegung ~1925/26: Die Kindergruppen wurden in Altersstufen unterteilt: Jungfalken (10-12j), Rote Falken (12-14j) (die ganz kleinen hießen Nestfalken oder Küken) und dazu passende Kleidung und eigene Gesetze.

Die RAG war stark in den Aufbau der Sozialistischen Erziehungsinternationale (SEI) involviert.
1933 wurden sie verboten. Der Gedanke überlebte den NS – v.a. durch das internationale Netzwerkes.

Nach 1945 gründete sich die Kinderfreunde neu – gemeinsam mit der Sozialistischen Arbeiterjugend bildeten sie nun die Sozialistische Jugend Deutschlands – Die Falken, die es bis heute gibt und die eine wichtige Akteurin in der politischen Jugendarbeit der Geschichte der BRD sind.

Fazit (Ausschnitt meiner Forschungsthese): "Die Kinderfreunde politisierten den Alltag der Kindergemeinschaften und gestalteten ihn demokratisch.Die erreichte politische Teilhabe der Kinder an den Tätigkeiten der Kindergemeinschaften und neu geschaffene Selbstverwaltungsmodelle, zeigen neue Dimensionen demokratischer Kultur und Bildung in der Weimarer Republik auf."
"... Diese demokratischen Formen sind zudem in Hinblick auf die aktuelle Auseinandersetzung von Kindern und Jugendlichen um Teilhabe an der sozialen und ökologischen Zukunftsgestaltung interessant. "

Literatur zu den Kinderrepubliken:

Diedrichs, Irmela: Darstellung und Vermittlung des sozialistischen Demokratiekonzepts. Die Kinderrepublik Seekamp
1927 der Reichsarbeitsgemeinschaft der Kinderfreunde, in: Braune, Andreas; Elsbach, Sebastian; Noak, Ronny (Hg.): Bildung und Demokratie in der Weimarer Republik, 2022.

schneller Überblick über die Organisationsgeschichte der RAG:

Eppe: Die Kinderfreunde-Bewegung, in: Sozialistische Jugend im 20. Jahrhundert. Studien zur Entwicklung und politischen Praxis der Arbeiterjugendbewegung in Deutschland (Hrsg. Eppe, Hermann), Weinheim/München 2008.

Brücher: Modelle der Selbstverwaltung und der Partizipation von Kindern: Die Kinderrepubliken der Falken, in: Sozialistische Jugend... (s.o.), Weinheim/München 2008.

@IrmelaDiedrichs Hej! Ich hab das Foto mal in einem Fotoalbum gefunden. Weißt Du, wo die Aufnahme entstanden ist?
(Ich hab das Foto mal teil-koloriert als Titelbild für unsere Facebook-Seite)
@kaffeeringe ach spannend! in welchem Fotoalbum? Im AAJB liegt es als (blanko) Postkarte, die nicht weiter mit Ort oder Jahreszahl versehen ist.
Die Kinderfreunde haben häufig Fotos aus Zeltlagern genommen und die in Postkarten umgewandelt. Auffällig ist das bei der Kinderrepublik Lübecker Bucht. Ich kann mal bei den Fotos durchgucken. Das dauert aber, weil die soooo hochauflösend gescannt sind 😄