Auch von Meinungen, die ich nie vertreten werde, profitiere ich, wenn sie niveauvoll präsentiert werden. Doch das verhindern Schwurbler, die Diskussionen kapern, von COVID bis Ukraine. Wir brauchen Widerspruch - aber klugen.
Das halte ich für ein unterschätztes Problem. (Thread)
In vielen Punkten gibt es eine klare Mainstreammeinung: Putin ist eher kein besonders friedlicher Typ. Impfen ist eher eine gute Sache. Die Erde ist eher keine Scheibe. Die Mehrheitsmeinung muss nicht immer richtig sein, ist es aber ziemlich oft.
Aber der Punkt ist: Es ist trotzdem für uns alle gut, wenn es einzelne Leute gibt, die diese Meinung abklopfen und versuchen, Schwachstellen zu finden. Das sind nicht unsere Gegner, das sollten wir ausdrücklich begrüßen.
Ja, ich will, dass jemand Argumente sucht, warum die neue Impfung gefährlich ist. Vermutlich ist sie es nicht, aber ich möchte, dass jemand mit dieser Arbeitshypothese im Kopf Daten analysiert. Nur durch Falsifikationsversuche wird Wissenschaft vertrauenswürdig.
Dasselbe gilt für den Ukrainekrieg: Haben NATO, USA & EU im Umgang mit Russland alles richtig gemacht? Sicher nicht. Ich möchte, dass sich das jemand genau ansieht. Halte ich für möglich, dass der friedliche Putin bloß aus Notwehr gehandelt hat? Nein. Aber analysiert das doch!
Ich habe eine Meinung zu vielen Themen. Aber meine Meinung ist wenig wert, wenn ich sie nicht an klug vorgebrachten Gegenmeinungen schärfen kann. Nur in Auseinandersetzung mit klugen Argumenten kommen wir weiter - auch wenn es kluge Argumente für eine These sind, die falsch ist.
Aber wo sind die klug vorgebrachten Gegenmeinungen? Bei COVID hatten wir Coronaleugner und Impfgegner. Bei der Ukraine jene, die behaupten, die Ukraine habe Russland bloß provoziert. Aus solchen Gegenmeinungen lerne ich nichts. Das fordert mich nicht heraus, das ist bloß Unsinn.
Ich wünsche mir im Feuilleton kluge Leute mit einer Meinung, die mich ärgert. Ich hätte dort gerne übervorsichtige Impfkritiker. Ich wünsche mir dort fundamentalistische Pazifisten. Ja, ich würde ihnen widersprechen, aber ich würde dabei klüger werden.
Und genau diese intellektuellen Sparring-Partner, die so wichtig wären, raubt man uns, wenn diese Nische von Schwurblern mit dem geistigen Kampfgewicht eines Eichhörnchens durch die Talkshows getrieben werden. Nein, das bringt uns nicht weiter.
Ich sehe also den Schaden, den solche Leute anrichten, nicht nur darin, dass sie unhaltbare Meinungen vertreten, sondern auch darin, dass durch sie der Widerspruch, den auch die wahrsten, klügsten, besten Thesen brauchen, dadurch schwieriger wird.
Es ist ironisch: Querdenker verhindern dadurch das Querdenken. Die größten Gegner der "Mainstream-Meinung" verhindern, dass die "Mainstream-Meinung" echter, gehaltvoller Kritik ausgesetzt wird. Das ist übel. Darum: Let's stop making stupid people famous.
@florianaigner Das Problem gerade bei dieser Gruppe von Gegner:inne:n der "Mainstream-Meinung" ist meinem Gefühl nach, dass die nur genau so lange gegen die Mainstream-Meinung sind, wie ihre eigene Meinung nicht diese Mainstream-Meinung ist. Würden sie selbst den Mainstream stellen, dann wäre jede abweichende Ansicht Ketzerei, pervers, des Teufels. Und ja, es wäre sicher besser wenn wir weniger Schwachköpfen eine Plattform für ihren Mist bieten würden.
@florianaigner ja!!! Man traut sich kaum zu widersprechen weil man Angst hat in irgendeine Ecke gedrängt zu werden, dabei lernt man in einem gepflegten Streitgespräch das meiste. Ich würde gerne mit dir diskutieren 😊